Jochen Hieber, selbst Mit-Juror der hr2-Bestenliste, mit der jeden Monat das „Hörbuch des Monats“ gekürt wird, hat sich in einem äußerst provokativen FAZ-Artikel seinen Ärger über gekürzte Hörbuch-Fassungen Luft gemacht. Wir wollen den Artikel hier im vollen Wortlaut abdrucken und zur Diskussion stellen (Beiträge dazu bitte an camen@buchmarkt.de):
Mach mit? Mach’s besser!
Das Hörbuch des Monats ist keines: Jana Hensels „Zonenkinder“
Am täglichen Betrug an ihren Kunden beteiligen sich mit Ausnahme von Hörbuch Hamburg und der Edition Mnemosyne alle sogenannten renommierten Hörbuchverlage, an ihrer Spitze die Marktführer, der Münchner Hörverlag und der Berliner Audio Verlag. Aber auch die Autoren sind sich dafür nicht zu schade. Im Gegenteil, von Alexander Kluge bis Ulla Hahn, von Elke Heidenreich bis Martin Walser – die Liste der Namen ist rein zufällig, weil leider beliebig verlängerbar – kennen alle das Spiel und spielen es nur zu gerne mit. Das Spiel heißt wahlweise „autorisierte Lesefassung“ oder „vom Autor erstellte Hörfassung“ – und meint nichts anderes, als daß beim Transfer eines Romans oder eines Erzählbandes von der Druck- in die Hörfassung im Durchschnitt mindestens ein Drittel des Textes auf der Strecke bleibt, das dergestalt fragmentierte und auf CDs gepreßte Ganze aber im Durchschnitt um ein Drittel teurer ist als die Hardcover-Ausgabe, vom Taschenbuch erst gar nicht zu reden.
Daß die Käufer, die für eine reduzierte Ware einen überteuerten Preis zahlen, im Kleingedruckten der Hörbuch-Umschläge auf das Spiel hingewiesen werden, auf das sie sich da einlassen, macht die Sache zwar rechtlich unanfechtbar, moralisch aber um keinen Deut besser. Wer liest schon das Kleingedruckte, wenn er den neuen Grass unbedingt kennen will, absehbar jedoch keine Zeit zum Lesen findet und ihn deshalb im Auto, im Zug oder im Flieger lieber hört? Aufs neue ganz deutlich gesagt: Um Herstellungskosten zu sparen, verlegen sich die Hörbuchverlage gerade bei unmittelbar aktueller Gegenwartsliteratur viel zu häufig auf Digest-Versionen und machen damit das Genre, das sie gerade im langfristig ureigenen Interesse hegen und pflegen sollten, zu nichts anderem als zu einem weiteren Glied in der schnellen Verwertungskette der Ware Buch – damit zu einem Mindermedium. Und die Autoren, für die eh bloß die schön gebundene Ausgabe zählt, streichen fürs Hörbuch eben ein Zusatzhonorar ein und sind dafür zu jeder Schandtat bereit. Um jedes Wort und jedes Komma pflegen sie mit ihrem Lektor zu ringen, wenn es um die Druckfassung geht. Ohne mit der Wimper zu zucken, streichen sie aber Dutzende von Seiten und ganze Kapitel einfach weg, wenn es sich „nur“ ums Hören handelt.
Der Gipfel der Kundenverachtung aber ist erreicht, wenn die vorderhand einzige Hörbuch-Jury von einigem Belang dieses von ihr längst durchschaute Spiel auch noch befördert, indem sie eine Digest-Fassung mit dem durchaus verkaufsfördernden Titel „Hörbuch des Monats“ auszeichnet. Genau das hat die unabhängige Jury von Hessischem Rundfunk und Börsenblatt, der auch der Verfasser dieser Zeilen angehört, jetzt für den Monat Mai geschafft. Gekürt wurden, nein: getroffen hat es die „Zonenkinder“ der Jana Hensel in einer, so das Kleingedruckte naturgemäß, „Hörbuchfassung“ der Autorin selbst. Warum sollte Jana Hensel nicht recht sein, was all ihren Kollegen billig ist? Was aber bringt eine Mehrheit von an sich kundigen Juroren dazu, das nicht zu Billigende auch noch zu prämieren? Da alle vernünftigen Erklärungen versagen, bleibt nur eine so verzweifelte wie verachtungsvolle Antwort: Es muß die schiere Dummheit sein.
Jana Hensels „Zonenkinder“ umfassen im Druck 175 Seiten und kosten 14,90 Euro. Der Erfolg des im vergangenen Herbst erschienenen Buchs ist anhaltend enorm und so verdient wie erklärbar. Verdient, weil es die Autorin versteht, durch eine stupende Detailfülle das Lebensgefühl jener um die Mitte der 1970er Jahre in der DDR geborenen Zeitgenossen zu schildern, für die ihre Pubertät ziemlich genau mit der Wiedervereinigung des Landes zusammenfiel und deshalb auf besondere Weise irritierend, verstörend, aber auch beglückend war. Erklärbar ist der Erfolg, weil sich zur Schreib- und Erinnerungsbegabung der Jana Hensel ein genialer Titel und ein nicht weniger genialer Buchumschlag gesellten. Beides, den Titel wie den Umschlag, übernimmt das Hörbuch selbstverständlich – und suggeriert damit bedachtvoll, daß es, zusammen mit der Stimme der selbst vorlesenden Autorin, auch den Inhalt ihres Werks übernähme.
Davon indes kann keine Rede sein. Aus 175 Seiten Text werden 128 Hörminuten, in die gerade mal 123 Seiten „Zonenkinder“ passen: Sie kosten 19,95 Euro. Ist die Lesestimme von Jana Hensel so überwältigend, daß man für diesen Gewinn an Authentizität alle Substanzverluste des Textes in Kauf nimmt? Natürlich nicht. Jana Hensel liest ihr Buch mit routinierter Lakonie vor und wirkt deshalb auf Dauer etwas monoton. Sei’s drum. Gekürzt hat sie nach der Rasenmähermethode. Zwei der acht Buchkapitel fehlen ganz, aus dem letzten Kapitel fehlt knapp die Hälfte, aus dem fünften das letzte Fünftel, in den übrigen geht mal ein Absatz, mal eine Seite verloren. Dafür wird dem Hörbuch ziemlich am Anfang ein 2,43 Minuten währender Lobpreis der DDR-Ferienlager an der Ostsee eingefügt, der sich im Buch ziemlich gegen Ende findet.
Um nur von den ersatzlos gestrichenen Kapiteln zu reden: Sie heißen „Die Welt als Alltag. Über Liebe und Freundschaft“ und „Mach mit, mach’s nach, mach’s besser! Über Körperkultur und Sport“. Die Lektüre bestätigt, was angesichts der Überschriften zu erwarten ist: Es handelt sich um zentrale Passagen des Buchs. Weshalb sie der Autorin beim Weg vom Papier zur CD plötzlich ganz unwichtig wurden? Die Antwort ist so simpel wie erbärmlich: Der fehlende Text ersparte dem Audio Verlag das Produzieren und Pressen einer weiteren CD, was schon deshalb vollkommen unnötig erschien, weil die Käufer von Hörbüchern eh nur als Minderkonsumenten ins kommerzielle Kalkül eingehen. Wie seine finale Verhöhnung muß es da dem Hörer vorkommen, wenn ihn der letzte Satz im Abspann des so willkürlich amputierten Ganzen ganz ironiefrei informiert: „Das Buch ist im Buchhandel erhältlich.“ Das Hörbuch übrigens auch: Man sollte es schlichtweg übersehen.
Ignorante Verlage, indolente Autoren: schlimm genug. Aber nichts schlimmer als ignorante Juroren, deren Maßstäbe doch eigentlich an jenen schon klassisch gewordenen Lesungen aus der Frühzeit des Hörbuchs geschult sein müßten, als der jüngst verstorbene und auf ewig unvergessene Gerd Westphal von „Frau Jenny Treibel“ bis zu „Joseph und seine Brüder“, von „Effi Briest“ bis zu den „Buddenbrooks“ Fontanes und Thomas Manns große Romane vorlas – auf weiland mehr als dreißig Hörkassetten pro Produktion, und selbstverständlich ungekürzt. Schon mal was davon gehört, ihr tauben Hörbuchjuroren?
JOCHEN HIEBER