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Noch eine Stellungnahme zum FAZ-Artikel von Jochen Hieber

Es ist wirklich erstaunlich, mit welcher Borniertheit Jochen Hieber seine Kollegen aus der Jury der HR2-Hörbuch-Bestenliste „taub“ schimpft oder „ignorant“, Hörbuch-Verleger Betrüger nennt und sein abgenudeltes Urteil vom ungekürzten Hörbuch als allein selig machendem verkauft. Es ist erstaunlich und ermüdend, Hieber selbst immer wieder dabei zu erwischen, wie ihn seine Litanei bloßstellt als jemanden, der vom Genre kaum etwas versteht und der in seiner Argumentation von einer Unsachlichkeit in die nächste tappt.
Was meint Hieber mit „Betrug am Kunden“, wenn man für 4, 5 oder 6 CDs Preise nimmt, die hart am unteren Level kalkuliert sind? Kennt er die Preise von Presswerken? Wenn der DAV für 2 CDs 19,95€ nimmt, dann ist das vollkommen ehrlich kalkuliert. Jochen Hieber möge in die nächste Tonträgerhandlung gehen und die Preise von Doppel-CDs vergleichen. Dann soll er sein Betrugsurteil bitte spezifizieren.
Und weshalb er grade „Hörbuch Hamburg“ und die „Edition Mnemosyne“ als Ausnahmen rühmt – sprich als Hörbuch-Verlage, die den Kunden ungekürzte Lesungen offerieren – weiß er wohl selbst nicht. Es mag etwa zwei Jahre her sein, da geißelte Hieber in einem ähnlichen Artikel die Jury der Bestenliste und das Hörbuch „Chronik der Gefühle“ von Alexander Kluge – erschienen ausgerechnet bei Hörbuch Hamburg. Die Edition Mnemosyne hat wohl noch keine einzige Lesung herausgebracht, an der sie die „Untat“ einer Kürzung hätte versuchen können. In ihrem Programm geht es hauptsächlich um Radiofassungen von Theaterstücken (die von bekannten Inszenierenden übrigens fast immer gekürzt werden, bevor sie auf die Bühne kommen – wie man weiß, wenn man häufiger ins Theater geht). Also: quo vadis? Gilt es hier Freunde zu fördern? Man wünscht sich, Hieber würde wenigstens diejenigen hervorheben, die tatsächlich – hauptsächlich – ungekürzte Lesungen herausbringen: etwa „Steinbach sprechende Bücher“, „Verlag und Studio für Hörbuchproduktionen“ oder – er spricht ja lang und breit über Gerd (sic!) Westphal – Die „Deutsche Grammophon“.
Aber zum Kern der Kritik. Als jemand, der selbst verantwortlich ist für die Kürzung von Büchern, sage ich deutlich: Wer Bücher partout nicht kürzen will, hat Angst vor Büchern oder er zelebriert ein verstaubtes Ritual – aus dem 19. Jahrhundert und dem Geniekult stammend. Wer Bücher für Hörfassungen nicht kürzen will, versteht wohl auch nichts von Dramaturgie. Das Auge regiert den Text: Jeder gute Leser „kürzt“ den Text eines Buches – lesend – nach eigenem Gusto (und sehr gute Leser „kürzen“ in erstaunlichem Maße) – aber der Text regiert das Ohr. Das Ohr ist dem Hörbuch ausgeliefert und der Geschwindigkeit des Vorlesenden. Da geht man schnell in Ketten, und das macht nun wirklich keinen Spaß.
Zugegeben: Es gibt sie, die Bücher, die man nicht kürzen sollte. Theodor Fontane und Thomas Mann wären auch für mich solche Kandidaten (obwohl wir ja wissen, dass Erika Mann aus Papas Büchern kürzen durfte – leider erst nachdem die „Buddenbrooks“ veröffentlicht worden waren…) und unbedingt James Joyce. Und doch wären Kürzungen auch hier vertretbar oder ein Auszug – wie etwa der große Monolog von Molly Bloom.
Vermutlich lassen 99 Prozent aller Bücher eine Kurzfassung zu: sei es, weil – wie Siegrid Löffler einmal sinngemäß formulierte – in den Lektoraten heute scheinbar niemand mehr arbeitet; sei es, weil die Spannungskurve eines Hörbuchs in aller Regel einen anderen Text verlangt als den ungekürzten. Und natürlich spielen auch ökonomische Gründe eine Rolle. Ist das per se verwerflich? Hieber treibt das Argument voran, den Hörverlagen gehe es nur um die schnelle Zweitverwertung, die ihr eigenes Medium zum Mindermedium mache. Mit seiner 1:1 Rhetorik aber macht gerade Jochen Hieber das Hörbuch zu einem Mindermedium, weil es, seinem Diktum folgend, keinerlei Eigenleben gegenüber dem Buch beanspruchen darf. Natürlich darf man eine schlechte Kürzung (da haben wir alle – mich heftigst eingeschlossen – schon Bockmist gebaut) eine schlechte Kürzung nennen. Aber man nenne eine Kürzung bitte nicht deshalb schon schlecht, weil es eine Kürzung ist.

Thomas Krüger, Programmleitung Random House Audio

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