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Gerhard Beckmanns Meinung – Was ist an der Übernahme von VLB-Daten durch Amazon wirklich dran?

Die Meldung vom 13. August, dass der Buchkatalog von www.amazon.de ab sofort auch mehrere hunderttausend Titel aus dem VLB umfasst, hat in Sortimenterkreisen einigen Staub aufgewirbelt. Kritik ist auch an Inhalt und Gestaltung der News geübt worden.

„Einfach zu vage“, moniert beispielsweise Klaus Michels von der literabella in München. Ein anderer Kollege mit einiger fachpublizistischer Erfahrung hat die Kritik in einem privaten Mail grundsätzlicher formuliert:

„Die Frage, was eine Nachricht wichtig mache, werden unternehmerische Pressestellen anders beantworten als Journalisten. Gerade beim Ticker-Journalismus verschwimmen diese Unterschiede aber immer mehr. Möglichst ständig neue Meldungen werden gebraucht – und so rutscht denn eine Pressemitteilung nach der andern nicht oder kaum geprüft auf die Online-Seiten. Da meldeten BuchMarkt und Börsenblatt, beide zuständig für branchenorientierte Fachinformation, dass der Internethändler Amazon jetzt auch mehrere hunderttausend von Titeln aus dem VLB, die er selbst nicht gelistet hat, auf seinem Marktplatz anbietet. Prima, werden die Verlage gesagt haben, denn nur das, was gefunden wird, kann auch verkauft werden. Wie schaut das Ganze aber aus?“

Zum seinem grundsätzlichen Punkt: Vielleicht wäre es gut, der Praxis angelsächsischer Fachorgane zu folgen, d.h.’Firmenmeldungen’ und ’News’ zu trennen.

Zu einem neuralgischen Punkt, den der Kollege antippt, aber nicht kenntlich macht: Natürlich, die Verlage werden dafür sein, sie wollen und müssen jede Möglichkeit eines Verkaufs ihrer Bücher ausschöpfen. Doch wie sieht das Sortiment die Geschichte?

„Werden nun ALLE Titel des VLB bei amazon gelistet sein, und wird so das kleine Privileg des Buchhändlers, nämliche alle Titel des deutschen Buchhandels anzubieten (im Gegensatz zu amazon, der ja lediglich im Wesentlichen die BS-Titel bietet) unterlaufen?“ möchte Klaus Michels gern wissen.

Nun denn: Laut Aussage der VLB-Redaktion bezieht Amazon auf Grund einer im Frühling dieses Jahres getroffenen Vereinbarung alle Informationen über die rund eine Million lieferbarer Titel. Aus denen wählt er nach Gutdünken und gemäß seiner eigenen Verkaufskriterien aus, was er schließlich in seinen „Marketplace“-Katalog aufnimmt. Wenn man bedenkt, dass von den rund 17.000 im VLB angeführten Verlagen allein etwa 9.000 – meist Institute, Vereine etc. – mit bloß drei, meist extrem speziellen Werken vertreten sind, darf man vermuten, dass ein nicht unerheblicher Teil der VLB-Titel dort ausgeschlossen bleibt. Titel mit praktisch null Verkaufschancen wird Amazon sicher gar nicht erst anbieten wollen. Anders gesagt: „Das kleine Privileg des Buchhändlers alle anzubieten, bleibt dem Sortimenter erhalten. Nur: Die meisten davon sind – gewisse Fachbuchhandlungen mit starkem Profil vielleicht ausgenommen – auch für die Sortimenter höchstwahrscheinlich irrelevant.

Ihr Geschäft machen sie, wenn Insiderschätzungen zu glauben ist, schon jetzt nur mehr zu zehn Prozent über Bestellungen auf der Basis von Eintragungen im VLB.

Im übrigen: Den Endkunden sind die VLB-Daten im Internet längst frei und umsonst über www.buchhandel.de zugänglich. Die Sortimenter sind – wohl nicht zu Unrecht – bisher davon ausgegangen, dass Kunden, die sich dort informieren, bei ihnen bestellen. Doch wie viele Menschen nutzen diese Möglichkeit bei buchhandel.de?

Lassen Sie uns in diesem Zusammenhang zurückkehren zur Kernfrage obigen Zitats unseres Kollegen: „Wie sieht das Ganze aber aus?“

Es wird so vermutlich nicht funktionieren. Denn – man schaue nur einmal genau nach – Amazon extrahiert aus den Katalogdaten des VLB die Angaben zu den Autoren, zum Titel, die Seitenzahl, die ISBN-Nummer und den Verlagsnamen. Was fehlt, sind Informationen zum Preis und zur Lieferbarkeit – von den Zusatzinformationen, welche die Verlage an das VLB oder an www.buchhandel.de liefern, ganz zu schweigen.

Warum dieses? Weil Amazon als Händler seinen Kunden gegenüber verpflichtet wäre, für die Lieferbarkeit und den exakten Preis geradezustehen. In diesen Punkten ist das VLB aber bekanntlich oft nicht zuverlässig – trotz aller enormen und lobenswerten Bemühungen von Seiten des VLB seit etwa zwei Jahren.

Der Schwarze Peter liegt bei den Verlagen, von denen viele das VLB nicht laufend über Preisänderungen informieren (der diesbezügliche frühere Kostenpunkt ist längst entfallen). Das Problem besteht ferner darin, dass allzu viele Häuser, die Lieferbarkeit betreffend, das VLB aus eigennützigen Interessen missbrauchen – beispielsweise zur Anteilnahme an der lukrativen Honorarausschüttung von der VG Wort oder zum Nachweis der Lieferbarkeit von Titeln missbrauchen, die eigentlich gar nicht mehr lieferbar sind, um sich weiterhin die Verlagsrechte zu sichern.

Also: Will der Verlag über seine Bücher informieren und sie (bei sich) bestellbar machen, müsste er die dafür erforderlichen Texte noch einmal für die Amazon-Seiten erfassen. Oder eine Buchhandlung macht dies, damit sie – so die Kunden wollen – liefern können.

Der Amazon-VLB-Deal sieht schrecklich modern aus. Doch eine real vernünftige Nutzung moderner Technologien, die insgesamt dringend anzuraten wäre, stellt er keineswegs dar. Und „mit einer Rationalisierung, die nach allgemeiner Auffassung insgesamt drei Prozent Kosten ersparen könnte, durch Datenaustausch, hat das nicht viel zu tun“, sagt Volker Hasenclever. der sich in Deutschland auf diesem Gebiet auskennt wie kaum ein anderer.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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