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Gerhard Beckmanns Meinung – Thalia ist super. Ihre weitere Expansion bedeutet aber auch Jammer und Elend

In manchen Branchenorganen und -kreisen scheint die unreflektierte “Erkenntnis“ populär zu werden, dass ein Buchhandelswachstums mit schierer Flächenerweiterung – vor allem durch immer neuer Filialen – sich nicht rechnen lassen, also letztlich scheitern wird. Das Ende von Bouvier/Gonski und Kiepert hat solch vermeintliche Erkenntnis zementiert. Aktuell meldet das jüngste Heft von Buchreport, das scheinbare Wachstum von Thalia habe sich flächenbereinigt in einen Minusumsatz von rund zwei Prozent verkehrt. Eine Bestätigung solcher „Erkenntnis“?

Hier muss dringend vor hektischen Verallgemeinerungen gewarnt werden, wie sie leider auch in Branchenorganen zunehmend um sich greifen. Mehr oder weniger dramatische Meldungen vom Tage mögen ja gut und schön sein. Und für Unternehmen, die einer marktgängigen Wachstumsideologie folgen, ohne über ein dazu notwendiges Eigenkapital oder –konzept zu verfügen, kann, wie gegenwärtig, eine Rezession tatsächlich im Nu das Aus bedeuten. Wer allerdings eine mittel- bis langfristig durchdachte Strategie und ausreichende finanzielle Ressourcen hat, bleibt von derartigen Tages-, Wochen-, Monats- und Jahresschwankungen unangefochten.

So breitet sich Weltbild Plus, Filiale um Filiale, weiterhin ungeniert aus. Ebenso wie Thalia, der Marktführer des stationären deutschen Buchhandels. Und in diesem Zusammenhang ist das Interview, das Georg Meck mit Henning Kreke, dem Vorstandchef der Douglas-AG, also der Konzernmutter von Thalia, in der gestrigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geführt hat, für die Buchbranche von hohem Interesse – zumal die dort von ihm skizzierte Entwicklung das unabhängige klassische Sortiment viel, viel stärker berühren wird als die von Weltbild Plus.

Das Interview enthält eine brisante regionale Information: Thalia wird sich vermehrt im süddeutschen Raum engagieren. Thalia bereitet sich darauf vor, Hugendubel auf seinem „Heimatboden“ zu attackieren.

„Sicher gehen wir nicht an den Marienplatz in München, direkt nebenan – das wäre verrückt“, sagt Henning Kreke in der FAS. „Aber in der Region um München kann es durchaus sinnvoll sein, stärker aufzutreten.“

Die Region um München – das könnte beispielsweise bayerische Städte wie Augsburg, Ulm, Rosenheim, Landshut, Ingolstadt und Regensburg betreffen, aber selbst Passau, das zwar nur 50.000 Einwohner verzeichnet, doch als Einkaufszentrum für ein Umland mit 400.000 Menschen von Gewicht ist, und die nächsten größeren Städte in Oberösterreich – Wels und Linz – liegen auch rund 100 Kilometer entfernt. Die geplante Attacke gilt also nicht nur Hugendubel, sondern auch dem oberfälzisch-niederbayerischen Platzhirschen Pustet. Von einer zusätzlichen Gefährdung hervorragender unabhängiger Sortimenter wie etwa Stöcker in Straubing ganz zu schweigen.

Da sollten sich jedoch Buchhandlungen außerhalb von Bayern nicht in falscher Sicherheit wiegen. Was im FAS-Interview nämlich nicht erwähnt wird: Thalia hat jüngst generell beschlossen, ihren Aktionsradius von Städten mit 150.000 Einwohnern auf Gemeinden ab 80.000 Seelen auszudehnen.

Ein größenwahnsinniges Hasardspiel, das Thalia rasch an den Rand des Ruins bringen könnte? Dagegen spricht zweierlei.

Erstens. „Wir expandieren nicht um jeden Preis. Unser Wachstum ist nicht vom Umsatz getrieben“, erklärt Henning Kreke, „sondern von der Rentabilität. Wenn wir überzeugt sind, das sich das Einzelinvestment in eine Filiale lohnt, dass sie über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren einen überproportionalen Return on Investment bringt, dann machen wir das.“
Hinweis: Mit der Parfümeriekette Douglas, mit der Schmuckladekette Christ und mit den Schokoladen/Süßwarengeschäften von Hussel im Konzernhintergrund ist Thalia ungemein kapitalstark. Da kann sie einen langen Atem haben. Zugespitzt formuliert: Da hat sie einen längeren Atem als das Gros der bereits ansässigen Konkurrenz. Brutal gesagt: Zu dem jeweils errechneten „überproportionalen Return on Investment“ gehört höchstwahrscheinlich der einkalkulierte Effekt einer Flurbereinigung durch einen zu erwartenden, weitgehenden Ruin der bisherigen Buchhandlungen, denen ziemlich bald die Puste ausgehen wird.. Sie werden sich, zumal wegen der hohen Mieten, dann insbesondere in den Innenstädten kaum länger halten können, die für Henning Kreke auch in Zukunft „ein wichtiger Anziehungspunkt bleiben“.

Zweitens, und auch das kommt in dem Interview nicht zur Sprache: Seit man bei Douglas zu der Einsicht gelangte, dass das anfängliche Buchkiosk/Zeitschriftengeschäft seiner Montanus-Kette keine großen Zukunftschancen bot, hat man behutsam, peu à peu, auf die Verlagerung in den gehobenen Buchhandel gesetzt. Den Auftakt machte vor rund 15 Jahren der Erwerb der angesehenen Bielefelder Phönix-Buchbuchhandlung von Hanna Vahle, den Höhepunkt bildete die Akquisition der Hamburger Thalia –Anfang] die einschneidende Akquisition insofern, als mit Jürgen Könnecke nicht nur eine Galionsfigur, sondern auch einer der sachkundigsten und tüchtigsten Repräsentanten des Traditionsbuchhandels als treibende Kraft gewonnen wurde. Jürgen Könnecke hat, obwohl er nur 25 Prozent der heutigen Thalia-Anteile hält, dort überproportional Einfluss und Macht. Er hat das Rezept für die weitere Expansion geliefert, er besorgt zusammen mit seiner alten Mannschaft dessen geschickte Umsetzung. Es heißt im Prinzip: die Übernahme von bestehenden Buchhandlungen mitsamt ihrem qualifizierten Personal. Kurzum: Die Douglas-Expansion im Buchhandel ist optimal geerdet. Das ist – abgesehen vom Kapitalfundament und abgesehen davon, dass Douglas mit den Eklöh/Krekes als größtem und den Oetkers als zweitgrößtem Aktionär im Grunde noch immer ein Familienunternehmen ist, ihre Erfolgsgarantie.

In dem FAS-Interview spielt Henning Kreke die Gefahren seines Expansionsdranges für Konkurrenten hinunter. Zwar gibt er zu, was längst alle Spatzen von den Dächern pfeifen: Keiner, der überleben will, darf einfach „weitermachen wie bisher“. Aber, so behauptet er: „Der tüchtige Kleine kann sich sehr wohl durchsetzen gegen die Filialisten. Er muss sich nur auf eine spezielle Stärke fokussieren. Versucht der Kleine auf der kleinen Fläche, was der Grosse auf der großen Fläche macht – dann geht das schief.“ Auch das gilt in der Branche mittlerweile als Binsenweisheit. Eine Binsenweisheit – das macht sie nicht ungültig – , die im gegenwärtigen Strukturwandel alle beherzigen sollten.

Henning Kreke hat jedoch leicht reden, wenn er behauptet:“ „Wir finden Wettbewerb prima.“ Er hat leicht reden, wenn er behauptet,. der Nischenbuchhandel sei „ein bequemer Platz, wenn es gelingt, Kunden an sich zu binden“. Der stationäre Buchhandel hat, leider, in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren vieles verschlafen, vieles falsch gemacht. Doch eine Umstellung kostet Zeit, sie kostet Geld – und wer kein Geld hat, dem bleibt auch nicht viel Zeit. Die angekündigte Expansion von Thalia wird, wegen der geringen Eigenkapitaldecke, für viele die Zeit noch mehr verkürzen. Das ist, wenngleich vielleicht unabwendbar, wirklich zu bedauern.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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