Home > News > Gerhard Beckmanns Meinung – Thieme zieht sich aus dem stationären Fachbuchhandel zurück und setzt – wie etliche Fachverlage – vermehrt auf das Direktgeschäft mit Endkunden. Eine Katastrophe fürs Sortiment? Nein, eine Riesenchance

Gerhard Beckmanns Meinung – Thieme zieht sich aus dem stationären Fachbuchhandel zurück und setzt – wie etliche Fachverlage – vermehrt auf das Direktgeschäft mit Endkunden. Eine Katastrophe fürs Sortiment? Nein, eine Riesenchance

Lange Zeit schien es ein Trend zu sein. Immer wieder sind Fachbuchhandlungen von Fachverlagen übernommen worden. Da wäre an die Akquisitionen der Sack-Gruppe zu denken. Zuletzt, in den Jahren 2001/2002, erwarb Heymanns Harry Deutsch, die Bockenheimer Bücherwarte und Hektor in Frankfurt am Main. Hoffmann in Ulm sowie Erlangen die Universitätsbuchhandlung Merkel. Für unabhängige Sortimenter mit Nachfolgeproblemen oder einer auf Dauer zu dünnen Kapitaldecke mag solche Entwicklung Hoffnung signalisiert haben. In diesem Zusammenhang gewinnt die Nachricht, dass Thieme & Frohberg sich aus dem stationären Buchhandel zurückzieht, größere Bedeutung. Wieder eine Hoffnung weniger?

Frohberg war in Berlin die führende, mittelständische medizinische Buchhandlung. Als der Thieme Verlag sie Anfang der 1990er Jahre übernahm (nach einer Krankheit des Inhabers), muss er darauf gesetzt haben, seine Vertriebskanäle zu mehren – ähnlich wie beim Erwerb von Pitzcker in Tübingen. Jetzt werden die zwei Läden in Berlin – am Hindenburgdamm und an der Charité – und das Tübinger Geschäft dichtgemacht. Als Begründung nennt Elisabeth Strassmeier, die Thieme & Frohberg-Geschäftsführerin, eine spürbare Verschlechterung der Rahmenbedingungen an. Das trifft gewiss zu, ist aber doch nur ein Teil der Wahrheit. Ein anderer blitzt in Elisabeth Strassmeiers Klage auf, die Läden hätten „nur einen Bruchteil zum Gesamtumsatz“ beigetragen, der im wesentlichen vom Versandbuchgeschäft bestritten wird. Im Klartext: Das stationäre Sortiment hat die Erwartungen, die der Stuttgarter Thieme-Verlag darein setzte, nicht erfüllt.

Gilt das auch anderswo? Handelt es sich um eine generelle Enttäuschung? Vorsicht: Von dergleichen ist bei Lehmann und Schweitzer (C.H. Beck) nichts zu hören. Ist das vielleicht mit andersartigen Gegebenheiten und Strukturen zu erklären? Ein unterschiedliches Faktum sticht ins Auge. Lehmann und Schweitzer sind mit ihren stationären Buchhandlungen quasi flächendeckend. Sie verfügen über Eigengewicht und –dynamik. Sie werden als eigenständige Buchhandelsgruppe geführt.

Bei Thieme dagegen handelt es sich – wie übrigens auch bei Heymanns – eher um lokale oder regionale Splitter. Da dürfte gelten: Der Verlag vermochte die für ein klassisches mittleres Fachsortiment erforderlichen Strategien und Zwänge nicht mit seinen völlig anderen verlegerischen Vertriebsausrichtung nicht zu koordinieren. Ein Clash unterschiedlicher Geschäftsmodelle. Ein Clash der Kulturen. Enttäuschte Erwartungen. Neue Erkenntnisse. Werden sich da bald weitere Fachverlage von ihrem Engagement im stationären Buchhandel verabschieden? Das ist die spannende Frage.

Zumindest eins scheint sicher. Wie oben schon angedeutet: Unabhängige Fachbuchhändler werden es nun in der Regel schwerer haben, unterm Dach eines Fachverlags Schutz zu finden.

Andererseits, wie der erste Anruf aus Sortimenterkreisen heute morgen zu erkennen gab: Wenn Fachverlage ihre Buchhandlungen schließen, ist das auch eine „Flurbereinigung“, also ein Vorteil für die verbleibenden Unabhängigen. Ein plausibler, durchaus wichtiger Aspekt.

Es gibt allerdings noch einen anderen: Schon bei den statistischen Zahlen, die Dieter Schormann als Vorsteher des Börsenvereins für 2002 bekannt gab, sind mir bald Zweifel gekommen. So verkündete er beispielsweise für Wirtschaftsliteratur einen Geschäftsrückgang um rund sieben Prozent. Logisch, habe ich mir zunächst gesagt, in einer Rezession… Aber, so habe ich mich dann gefragt: Entsprechen solche Zahlen tatsächlich der Realität? Ich weiß aus Vergleichen mit der angelsächsischen Welt, dass unsere statistischen Branchenerhebungen im einzelnen unbefriedigend, wenn nicht gar allgemein unrepräsentativ sind. Konkret: Reflektiert der Umsatzrückgang mit Wirtschaftsliteratur vielleicht bloß die Resultate des Buchhandels? Oder, anders gefragt: Kaschiert diese Statistik möglicherweise die Tatsache, dass auch in diesem Bereich die Fachverlage zunehmend Direktgeschäfte machen?

Dazu passt folgendes: Gut, Thieme & Frohberg schließt seine stationären Läden. Aber: Das Mutterunternehmen, der Thieme Verlag, setzt auf die Strategie, so Elisabeth Strassmeier in der Pressemitteilung, künftig noch viel stärker als bisher „die Aktivitäten des Außendienstes, die Weiterentwicklung des Großkundengeschäfts und den Internet-Buchhandel“ zu forcieren – vulgo: Endkunden anzusprechen und zu bedienen: Ärzte, Krankenhäuser, Reha-Kliniken, Krankenversicherungen, Universitäten, Pharma-Industrie etc etc.

Die Pressemitteilung von Thieme & Frohberg mag auf den ersten Blick harmlos, da punktuell scheinen. Wenn ich mich nicht irre, enthält sie möglicherweise Pulver.

Es ist allerdings mitnichten so, dass jedes Pulver wirklich zündet. Verlagsvertreter posaunen die Vorzüge der eigenen Ware – auch weil sie die Produkte der Konkurrenz nur selten genau kennen und ihnen noch seltener Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie sind – um es rundheraus zu sagen – Lobbyisten, die von ihrer Kommission leben. Thieme ist – wie viele andere Häuser – ein hervorragender Fachverlag. Doch kein Fachverlag ist immer und ewig oder auf allen Gebieten und in allen Publikationen der Beste. Ein guter örtlicher Fachbuchhändler, der vom über Jahre und Jahrzehnte aufgebauten persönlichen Vertrauen lebt, der unter allen Verlagen die Spreu vom Weizen zu trennen weiß, ist solch reisenden Einzelfirmenvertretern haushoch überlegen – weil er unabhängig und glaubwürdiger ist. In dem Sinne sollte er – gemeinsam – eine dementsprechende PR-Kampagne starten. Und seine Stärken ausbauen. Sie sind enorm.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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