Darf man erotische Gedichte des Expressionismus nach Positionen, Situationen, Körperteilen, Organen und Perversionen ordnen? Fragt sich der Münchener yedermann Verlag. Nein, sagt Suhrkamp, zumindest nicht Texte von Else Lasker-Schüler. „Dies ist keine Zensur“, meint laut Pressemitteilung des yedermann Verlags Dr. Petra Hardt, Leiterin der Suhrkamp-Lizenzabteilung, sie wie Verlagsleiter Günther Berg hätten sich an der thematischen Einteilung der Gedichte gestört. Daher wurde das Abdruckrecht verweigert.
„Hier hat Suhrkamp – im Gegensatz zu vielen anderen Verlagen – wohl zu wenig Humor verstanden“, argumentieren die yedermann-Verleger Oliver Brauer und Sebastian Myrus: „Die Anordnung der Gedichte ist lediglich eine augenzwinkernde Respekterklärung an die Autoren des Expressionismus.
Da Herausgeber Hartmut Geerken ein langjähriger und genauer Kenner der expressionistischen Literatur ist (u.a. gibt er zusammen mit Jörg Drews und Klaus Ramm in der Edition text und kritik die „Klassiker der Moderne“ heraus), kann es jedoch an der fröhlichen Ernsthaftigkeit des Projektes keine Zweifel geben. So hat das Buch das Potential, selbst zu einem Klassiker unter Expressionisten-Anthologien zu werden.
Im Buch wird in insgesamt 19 Kapiteln eine kunterbunte Mischung erotischer Texte geboten. Hartmut Geerken hat Texte von 46 Autoren zusammengetragen, neben „Klassikern“ wie etwa Kurt Schwitters oder Gottfried Benn viele Autoren, die seit langem in Vergessenheit geraten sind. Hier blinken Kalotten, humpeln Huren und kullern schöne homosexuelle Männer aus den Betten. „Bibergeil“ schütten die Autoren des Expressionismus ihre „busenergreifenden“ Gedichte auf den Seiten des Papiers aus. Hier hätten 11 Gedichte von Else Lasker-Schüler ihren Platz finden sollen.
Hartmut Geerken selbst fand zu der Ablehnung noch drastischere Worte: ‘Was sich Suhrkamp da einbildet, Kulturverwalter No. 1 zu sein!‘ Bei Projekten der letzten Jahrzehnte hatte er stets problemlos mit dem früheren Nachlassverwalter von Else Lasker-Schüler, Prof. Ahlsberg (Jerusalem) zusammengearbeitet.
Schade für die Else Lasker-Schüler-Leser ist auch, dass nun ein bislang unveröffentlichtes Gedicht weiter unveröffentlicht bleibt. Das Gedicht findet sich im Nachlass von Mynona (Salomo Friedlaender), den Hartmut Geerken verwaltet; auch dieser Text durfte nicht veröffentlicht werden.
Bis zur letzten Minute vor Drucklegung hatten sich Verlag wie Herausgeber bemüht, den Suhrkamp Verlag noch umzustimmen – ohne Erfolg.“