
Wie viele andere Zeitungen hat auch der linksliberale Londoner The Observer namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Leute gefragt, was sie als Sommerlektüre empfehlen. Bei ihrer Analyse der Buchnennungen hat die Literaturjournalistin Bella Bathurst eine hochinteressante Feststellung gemacht: „Von den 56 Titeln, die von männlichen Berühmtheiten vorgeschlagen wurden, stammten nur 6 von Autorinnen; bei den von Frauen empfohlenen Titeln gab es solche geschlechtsspezifische Präferenzen nicht.
Ein Zufall?
Der Sunday Times-Kolumnist John Dugdale hat daraufhin die entsprechende Liste der meistgelesenen, konservativen britischen Tageszeitung Daily Telegraph unter die Lupe genommen. Es ergab ein ähnliches Resultat:“ Unter den 46 von Männern genannten Titeln sind bloß 7 von Schriftstellerinnen geschrieben worden, wohingegen alle weiblichen Befragten mindestens ein Buch empfohlen hat, das einen Mann als Verfasser hat.
Eine Diskriminierung weiblicher Autoren von Seiten männlicher Prominenz? Oder handelt es sich gar um ein Vorurteil des maskulinen Lesepublikums generell? Eine Macke der britischen Männerwelt? Gibt es da bei uns vielleicht eine ähnliche Tendenz?
Nur ein kleiner Hinweis im Speziellen:
Ich erinnere mich an ein Gespräch vor etwa zwei Jahren, in dem mir die Pressechefin eines deutschen Verlags erklärte, dass die Präsenz der Krimis von Crime Ladies auf unseren Bestsellerlisten sie gelegentlich überrasche – da seien Titel gelistet, die manchmal erheblich niedrigere Verkaufsauflagen hätten als die Romane von bekannten älteren Krimi- und Thriller-Autoren.
Erste Frage: Werden Krimis von Autorinnen von vielen Männern als Frauenkrimis abgelehnt?
Zweite Frage: Überbewerten die Programmmacher und Verlagsvertriebe fürs Marketing möglicherweise die Crime Ladies – vielleicht weil die von den vielen Sortimenterinnen bevorzugt werden?
Dritte Frage: Wird da die männliche Leserschaft eventuell unterversorgt?
Vierte Frage: Lesen Männer heute überhaupt zu wenig?
Fünfte Frage: Oder, wenn ja, lesen sie zu wenig, weil sie hier auch bei uns ein albernes Vorurteil gegen die Damen der schreibenden Zunft pflegen?
Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de