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Gerhard Beckmanns Meinung – Unglaublich, aber: Brüssel rettet die französische Kultur

Dass Konzernlenker größenwahnsinnig werden und in ihrem Machtwahn jedes Realitätsbewusstsein verlieren, kommt leider immer wieder vor – den Schaden haben meistens andere zu tragen: Eigentümer, Mitarbeiter, Zulieferer, Kunden, eine ganze Branche, vielleicht sogar ein ganzes Land. Um ein Haar wäre so etwas in Frankreich auch im Verlags- und Buchhandelssektor voll durchgeschlagen.

Dort gibt es den Konzern Hachette, der im wesentlichen der Familie Lagardère gehört. Ihr gehört ebenso aber der Rüstungskonzern Matra. Insofern war der vor kurzem verstorbene Jean-Luc Lagardère einer der mächtigsten Männer Frankreichs – große Rüstungsindustrielle haben traditionell bekanntlich einen besonderen Draht zur Regierung ihres Landes. Der Draht, der Jean-Luc Lagardère mit der Regierung Chirac verband, scheint die Festigkeit eines Drahtseils besessen zu haben.

Dieser Jean-Luc Lagardère nun wollte sich unbedingt auch die Buchverlagsgruppe des französischen Medienkonzerns Vivendi Universal einverleiben, der ins Trudeln geraten war. Damit hätte er etwa 90 Prozent des Umsatzes mit Lexika und Nachschlagewerken, 70 Prozent des Schul- wie des Taschenbuchmarktes und über 40 Prozent Marktanteile im Publikumsverlagsbereich kontrolliert – außerdem rund 70 Prozent der Buchverkaufsstellen des Landes, vor allem jedoch eine beispiellose Vorherrschaft im Auslieferungssektor. Hachette/Editis wäre auf den zehnfachen Umsatz des nächstgroßen Konkurrenten gekommen – Gallimard.

Klar, das war wider alle Regeln des Kartellrechts. Doch, wie gesagt, Jean-Luc Lagadère war mit Präsident Chirac verbündet, und Chirac sah Gefahr für die französische Kultur – nein, nicht auf Grund der Machtgelüste Lagardères, sondern darin, dass die Buchverlagsgruppe von Vivendi Universal in ausländische Hände geraten, wahrscheinlich sogar in britischen oder amerikanischen Besitz übergehen könnte. Quel horreur! Er machte die „exception culturel“ geltend. Also setzte er sich, sozusagen mit Ministererlaubnis, über das geltende Kartellrecht hinweg. Jean-Luc Lagardère bekam, was er wollte. Für 1,2 Milliarden Euro.

Und die Wettbewerbskommission der EU unter Mario Monti in Brüssel? Mit der glaubte man in Paris schon fertig zu werden. Es ging schließlich um Kultur, um die „identité culturel“ des einzigartigen Kulturlandes Frankreich, das, als Großmacht der EU, zum übrigen in Brüssel noch ein paar Hebelwerke würde in Gang setzen können .

Solch maßlose Arroganz ist nun zu Fall gekommen. Die EU-Wettbewerbskommission hat die Fusion untersagt. Hachette muss den größten Teil von Editis wieder verkaufen. Ob Arnaud, der Sohn Lagardères, mit seinen Abspeckungsvorschlägen, die angeblich 40 Prozent des Editis-Umsatzes beträfen, in Brüssel durchkommen wird, ist überdies fraglich. Die Entscheidung darüber wird wohl erst Anfang nächsten Jahres fallen.

Die in Brüssel gegen die Fusion protestierenden Verlage – allen voran Gallimard und Seuil –
haben ihre Sache geschickt gemacht, indem sie den Haupteinwand gegen die monopolartige Beherrschung der Vertriebskanäle richteten, die Hachette anstrebte.

Die Pariser Regierung hatte sich gegen den Einbruch des Globalismus in die französische Bücherwelt wehren wollen. Nun kommt er wohl doch. Denn das Kapital zur Übernahme von Editis hatte nur Hachette/Matra, und in Frankreich sonst keiner; das gilt auch für die nun zur Disposition stehenden Teile.

Ist damit die französische Literatur gefährdet? Sie schwächelt seit geraumer Zeit ohnehin. Bei einer so machtvollen Dominanz von Hachette/Editis, wie Jean-Luc Lagardère sie wollte, wäre sie gewiss erstickt. Ein Indiz dafür war schon das ominöse Schweigen der französischen Literaten und Intellektuellen zu den ganzen Vorgängen. Sie sind für ihre öffentlichen Proteste und Interventionen berühmt. Diesmal machten sie kaum einen Mucks – weil sie, so wird vermutet, von dem Mediengiganten Hachette schon vorher viel zu abhängig geworden waren.

So rettet nun wahrscheinlich ausgerechnet Brüssel die Vielfalt der Verlage, die Existenz verschiedener großer Auslieferungen, damit auch die Atemluft des Buchhandels und – ergo – die Lebendigkeit der französischen Literatur, also einen essentiellen Bereich der Kultur – trotz der wahrscheinlich kommenden Internationalisierung in den Besitzverhältnissen.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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