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Jamal Tuschik in der „Frankfurter Rundschau“ über den Verleger Klaus Schöffling

„Das Schönste ist, vom ersten Buch an dabei zu sein“. Dieses Credo des Frankfurter Verlegers Klaus Schöffling (Schöffling &. Co. macht Jamal Tuschik in der „Frankfurter Rundschau“ zur Headline seines Artikels.

Der Verleger folgte einem Hinweis, als er Kontakt zu einer jungen Autorin aufnahm, die bis dahin allenfalls in dem kleinen Kreis ihrer nächsten Umgebung aufgefallen war. Das Weitere ging auf eine Entscheidung zurück, die ohne Bedenkzeit zustande kam. Der Erfolg stellte sich mit dem ersten, in acht Sprachen übersetzten Roman ein. Die Debütantin entzog sich bald der öffentlichen Aufmerksamkeit. Drei Jahre sah und hörte man wenig von ihr. Sie nutzte die Zeit der Inklusion. Das zeigte sich in Klagenfurt, wo der Wahlberlinerin Inka Parei Haupt- und Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs zuerkannt wurden.

Die Jury reagierte auf einen Romanauszug. Das ganze Werk erscheint erst im Herbst 2004. Klaus Schöffling denkt nicht daran, das plötzlich gesteigerte Interesse an seiner Autorin, die 1999 mit der Schattenboxerin für Aufsehen sorgte, prompt zu bedienen. Er lässt sich mit keinem verwechseln. Vom biblischen Bewuchs seines Antlitzes könnte ein Schiffbrüchiger vor laufender Kamera eine Robinsonade beglaubigen lassen.

Eine absolut stille Gesellschafterin

Der Eindruck von Bärbeißigkeit überlebt den persönlichen Umgang mit dem Verleger nicht. Nie sieht man ihn ohne Zigarette, selten in Eile. Auf den Plätzen der Kultur schafft er sich stets sein eigenes Milieu, gleichermaßen mit separatistischen und geselligen Aspekten. Oft taucht er gemeinsam mit der prominentesten Schriftstellerin seines Verlags auf. Eva Demski, die in Frankfurt die Rolle einer großen Dame im literarischen Leben allein spielen muss, ist auch eine, so Schöffling, „absolut stille“ Gesellschafterin an dem Unternehmen mit Büchern, das nach dem Willen des Verlegers mit sechs Mitarbeitern und nicht mehr als zwanzig Titeln pro Jahr „überschaubar“ bleiben soll. Dafür wird jeder Band „von der Ausstattung bis zur Präsentation individuell“ aufgefasst.

Entscheidung mit Haut und Haar

„Wir fangen bei jedem Buch neu an“, sagt Schöffling. Er führt aus: „Man muss in allen Bereichen perfekt arbeiten, vom Vertrieb, über die Presse bis zu den Auslandsrechten.“ Dieser Anspruch schlug sich in der überwältigenden Resonanz nieder, mit der vor zwei Jahren Juli Zehs erster Roman Adler und Engel aufgenommen wurde. Das mehrfach ausgezeichnete Buch liegt in sechzehn Sprachen vor. Auch gelang es, entgegen aller Erwartungen, Markus Orths zuerst mit Kurzgeschichten, Wer geht wo hinterm Sarg (2001), durchzusetzen. Im vergangenen März erschien Orths zweiter Roman, Lehrerzimmer .

Sein Handwerk lernte Schöffling bei Suhrkamp. Er fing dort 1975 als Lehrling an und schied 1982 als Lektor aus. Mit einem Partner belebte er 1987 die von Eugen Kogon nach dem Zeiten Weltkrieg gegründete und heute von Joachim Unseld geführte Frankfurter Verlagsanstalt neu. Die Geschäftsbeziehung endete 1982 in einem Desaster. Den Details nähert sich Schöffling mit einem Zitat des Züricher Tagesanzeigers , der damals seinem Kompagnon „Methoden“ vorwarf, „die sonst in der Grauzone der Wirtschaftskriminalität anzutreffen sind“.

Das erste Programm von Schöffling & Co empfahl sich 1994 dem Handel. Man habe „bescheiden angefangen“, erinnert sich der Verleger. Zugleich sei der Pakt zwischen ihm und Autoren der ersten Stunde bekräftigt worden. Dazu zählt neben Eva Demski auch Burkhard Spinnen, der mit Dicker Mann im Meer in der Frankfurter Verlagsanstalt seine erste Einzelveröffentlichung hatte. „Das Schönste ist, vom ersten Buch an dabei zu sein“, findet Schöffling.

Die Entscheidung für einen Schriftsteller schließe ihn mit Haut und Haar ein. „Konsequenz und Kontinuität“ nennt der Verleger folgerichtig „Zauberworte“ seines Hauses. Er riskiert den Verdacht, altmodisch zu wirken mit der Feststellung, dass alle verlegerische Substanz aus „dem Glauben an die Autoren und das Zutrauen zu ihren Werken“ kommt. Deshalb gilt für ihn „das Prinzip des direkten Kontakts“. Nur im Ausland arbeitet der Verleger mit Agenten zusammen.

Am Boulevard der Stadt

Auch auf „Wiederentdeckungen“ hat sich Schöffling verlegt. An dieser Stelle sei nur Paul Kornfelds Blanche erwähnt, ein Roman, der in den 1950er Jahren bei Rowohlt unterging, im zweiten Anlauf aber überraschend viele Leser fand; ein Erfolg, der nicht zuletzt einer Intervention von Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett geschuldet war. Zeitgemäß interpretiert der gebürtige Frankfurter das Sujet der Bodenständigkeit.

Nach einigen Umzügen im Bereich von drei Vierteln residiert der Verlag jetzt bahnhofsunmittelbar in großen, hell gefassten Räumen auf der Kaiserstraße, „dem einzigen Boulevard der Stadt“. Schöffling weiß, dass die Meile ursprünglich als Magistrale vom Bahnhof in die City angelegt wurde, zu Zeiten, als sich „die Bourgeoisie am Bahnhof einkleidete“. Gegenwärtig konzentrieren sich vier Verlage an dieser Frankfurter Ecke, die im übrigen, so Schöffling, ein Refugium des „Halbschrägen“ sei. Hier trifft er „Persönlichkeiten, wie in der hessischen Metropole sonst nirgendwo“.

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