Home > News > Gerhard Beckmanns Meinung – Niemand mag Managementfehler öffentlich eingestehen. Doch wer in seiner Notlage drastische Maßnahmen ergreift und mit generellen „Gründen“ rechtfertigt, sollte aufpassen. Deshalb erregt der Verkauf der Wiener Traditionsbuchhandlung Prachner die österreichischen Sortimenter

Gerhard Beckmanns Meinung – Niemand mag Managementfehler öffentlich eingestehen. Doch wer in seiner Notlage drastische Maßnahmen ergreift und mit generellen „Gründen“ rechtfertigt, sollte aufpassen. Deshalb erregt der Verkauf der Wiener Traditionsbuchhandlung Prachner die österreichischen Sortimenter

Von Leuten, die von einem solch essentiellen Kommunikationsmedium wie Büchern leben, müsste man erwarten dürfen, dass sie sich auch aufs Kommunizieren verstehen. Leider geben jedoch Verlage wie Buchhändler immer wieder zu erkennen, dass sie gar nicht wissen und begreifen, was in den Bänden steht, die sie produzieren, vertreten und verbreiten. Ein lehrreiches Exempel solcher Lernunfähigkeit bietet ein aktueller Streit in Österreich – ein Branchen-PR-Desaster, das auch wieder einmal die Unfähigkeit des Verbandes zur offenen, sachlichen Diskussion der Probleme und einer klaren Darstellung der Situation und Interessen seiner Mitglieder gegenüber der Öffentlichkeit demonstriert.

Eine Rekapitulation der Hintergründe:

Am 9. März wurde publik, dass Andreas Tarbuk das Flaggschiff seiner Buchhandelsgrupppe, das legendäre Traditionsgeschäft Prachner an der Wiener Kärntner Strasse verkaufen will. Als Grund führte er [mehr…] weniger eine schlechte Ertragslage (der gesamten Gruppe) als vielmehr die Entwicklung an, die die Kärntner Straße in den vergangenen Jahren genommen habe: Viele Geschäfte seien großen Billigmodenketten gewichen, wodurch sich das Publikum stark verändert habe. So war es etwa in der Wiener Zeitung zu lesen gewesen.

In ein etwas anderes Licht wurde die Sache am 16. März freilich vom österreichischen Nachrichtenmagazin Format gerückt, sinngemäß: Tarbuk brauche die zwei Millionen Euro, die er sich von dem Verkauf des Stammgeschäfts erhofft, um seine Gruppe aus einer wirtschaftlichen Schräglage zu befreien.

Was Andreas Tarbuk vier Tage später page (12075) zu einer heftigen Stellungnahme veranlasste: „In diesem Artikel wurden bedauerlicherweise sowohl falsche Zahlen veröffentlicht, als auch unsere wirtschaftliche Situation unzutreffend dargestellt. Dieser Bericht wurde dann in weiteren Medien (auch Branchenmedien) übernommen und wirft ein falsches und negatives Bild auf unsere Firmengruppe.“

Nun gut, mag sein, dass Format für 2003 hier auf Grund einer Umstellung des Wirtschaftsjahres von Januar bis Dezember auf Juni bis Mai die rund vier Millionen Euro von sechs irrtümlich für ganze 12 Monate angesetzt hat. Akzeptieren wir auch Andreas Tarbuks doch ein wenig merkwürdige Korrektur (auf der Vergleichsbasis des Vorjahrs): „Rechnet man das Rumpfgeschäftsjahr 2003 auf ein volles Geschäftsjahr hoch, so ergibt sich im Jahr 2003 ein Umsatz von 11,3 Millionen“ für die gesamte Buchhandelsgruppe.

Aber: Die von Format erwähnten 6,5 Millionen Euro Verbindlichkeiten werden von Tarbuk bestätigt – und wenn er meint, sie seien gegenüber einem hochgerechneten Jahresumsatz von 11,3 Millionen überhaupt kein Problem, so darf man das wohl als Euphemismus in Frage stellen. Als eher Zweifel als Vertrauen erweckend könnte man auch seine Versicherung werten: “Das Eigenkapital der Gruppe ist unter Einbeziehung eines Gesellschafterdarlehens positiv.“ Was heißt in dem Zusammenhang „positiv“? Etwa, dass die Eigenkapitalquote nicht in den negativen Skalenbereich abgerutscht ist?

Im übrigen versucht er weiterhin den Eindruck zu erwecken, als ob nur das Stammgeschäft an der Kärtner Straße ein wunder Punkt sei: „ Die Wiener Innenstadt hat sich in den letzten Jahren als nicht optimal für den Buchhandel erwiesen.“ Explizite Zahlen für einen Rückgang des dortigen Geschäftsvolumens, die ein Verständnis für seine These erleichtert hätte, nennt er allerdings nicht.

So weit, so gut, wenn auch nicht so schön. Ein Unternehmer wird sein Tun schließlich noch auf einer für seine Interessen günstigste Weise verkaufen dürfen. Inzwischen ist, wie die Erregung unter Wiener Sortimentern anzeigen, die Chose jedoch zum Branchenpolitikum geworden – durch den Vorsitzenden des Österreichischen Buchhändlerverbandes, der zugleich als Vizepräsident des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels fungiert. Erwin Riedesser hat nämlich Tarbuks spezielle Situation und insubstantiierte These ins Prinzipielle und zu einer „Krise“ des Buchhandels überhöht.

„Es macht keinen Sinn mehr“, hat Riedesser gestern dem Kurier erklärt, „etwa in der Kärntner Straße vorhanden zu sein:“ Die von den Billig-Mode- Ketten angelockte Kundschaft sei weniger am Lesen interessiert als am Schnäppchenkauf. Eine Entwicklung, die nicht nur Wiener Buchhändlern Sorge bereite, sondern auch jenen in Graz und Salzburg.

Ohne Zweifel: Das filialistische Überhandnehmen großer Handelsunternehmen ist in allen größeren Städten ein Faktum; unbestreitbar ebenso ein genereller Wandel des Kaufverhaltens der Bevölkerung. Sie macht natürlich allen Einzelhändlern zu schaffen und erfordert ein Überdenken ihrer bisherigen Geschäftsmodelle.

Tendenzen in der Richtung und aus dem Grunde, wie sie Andreas Tarbuk konkret für Prachner geltend macht, sind für den Buchhandel in Graz und in Salzburg aber keineswegs offenkundig.

Treffen sie selbst auf Wien wirklich zu? Tut Erwin Riedesser recht daran, wenn er Andreas Tarbuks Argumentation übernimmt, der seine Behauptung, die Wiener Innenstadt habe sich in den letzten Jahren als nicht optimal für den Buchhandel erwiesen, mit dem Hinweis zu unterfüttern sucht: „Zahlreiche Schließungen wie z.B. Gerold, Sallmayer, Morawa Plankengasse vormals Heidrich, Morawa Krugergasse, Heger, Krey, Braumüller, Das Internationale Buch Trattnerhof und Buchhandlung am Kärntnertor bestätigen das.“

Moment mal.

Erste kritische Anmerkung: Einige dieser Schließungen gehören schon zeitlich gar nicht in diesen Kontext, weil sie, wie etwa Sallmayer, Krey oder Braumüller bereits zehn bis zwanzig Jahre zurückliegen – Sallmayer und Krey übrigens wegen mangelnder Nachfolge; Braumüller wegen unmittelbarer Nachbarschaft eines zu derselben Gruppe gehörigen Sortiments. Und dass die linke, früher gar stark kommunistisch orientierte Buchhandlung Trattnerhof zuachte, hatte wohl eher einen ideologischen Schwund an Bedarf aus den bekannten zeitgeschichtlich politischen Veränderungen zum Anlass: Sie war nämlich kommunistisch. Dann: Heidrich hatte einen als notorisch schlecht bekannten Standort. Und Gerold schloss nicht nur wegen der – offiziell angeführten – anstehenden drastischen Erhöhung der Miete (ein Motiv, das für Prachner eh gar nicht gilt), sondern, wie Wiener Sortimenter sagen, auch wegen Differenzen in der Eigentümerfamilie.

Zweiter Einspruch: Wenn die Geschäfte in der Wiener Innenstadt in unmittelbarer Nähe der Kärnter Straße neuerdings so schlecht laufen und aussichtslos scheinen, warum hat Günter Reisenauer dann vor etwa einem halben Jahr erst die heutige Buchhandlung Seitenweise hinter dem Stefansdom übernommen? [mehr…] Warum wurde Heger von einem neuen Eigentümer (Frick) übernommen und neu ausgerichtet? Warum ist kürzlich die Dombuchhandlung massiv umgebaut und erweitert worden? Warum floriert und expandiert eigentlich Frick? Wie können allein in der benachbarten Wollzeile sieben (!) Buchhandlungen überleben?

Drittens noch folgende Fragen: Ist der Grund für Tarbuks Verkauf von Prachner in der Kärntner Straße nicht vielleicht eher eine seit 1997 zu rasch, wenn nicht gar unbedacht durchgeführte Expansion? (Die Zahl der Mitarbeiter wuchs von 25 auf 106 an.) Hat er nicht eventuell, wie man in Wien munkelt, die Übernahme der Godai-Buchhandlungen und –verlagsauslieferung zu teuer bezahlt? Hat sein expansives Filialisierungskonzept gestimmt? (Die Filialisierung, eine zeitweise Modeerscheinung, per se gilt wirtschaftlich ja längst als anfällig.) War , woran manche inzwischen zweifeln, seine Neueröffnung im Museumsquartier ökonomisch erfolgreich?

Selbstverständlich, wer auf Grund seiner Unternehmenssituation im Rahmen der oft doch begrenzten Möglichkeiten eine Entscheidung trifft, darf, kann und muss das vielleicht tun. Sie aber, weil sie, wie im Sonderfall Prachner, für öffentliche Aufmerksamkeit sorgt, mit allgemeinen Behauptungen so zu erklären, dass die Kollegen darunter für ihre Geschäfte (etwa im Umgang mit Banken) zu leiden haben könnten, steht auf einem anderen Blatt. Wenn dann auch noch ein hoher Verbandsfunktionär ins gleiche Horn stößt, wird’s schlimm.

Kein Wunder – auch wenn es wahrscheinlich übertrieben ist und wohl nur auf dem Hintergrund der Erregungen um die zentrale Vergabe der Bucheinkäufe österreichischer Bundesbehörden an einen hoch rabattierenden Bieter (was zum fast genötigten Rücktritt des Verbandspräsidenten führte) zu verstehen sein mag – wenn man gar von einem „Aufstand“ der Wiener Sortimenter gegen den Verband spricht

Nun hat der sonst so besonnene Erwin Riedesser – Geschäftsführer von Leporello – gewiss Recht, wenn er dem Kurier gegenüber dem Sinne nach außerdem zu erklären versuchte, angesichts des sich wandelnden Kaufverhaltens und der Konkurrenz durch Ketten müsse jede Buchhandlung heute ein eigenes Profil entwickeln, um überleben zu können. Doch diesmal wählte er seine Worte wohl nicht mit Bedacht, wenn er Kollegen eine „Spezialisierung auf Nischenbereiche“ oder eine „Standortverlagerung in grosse Shopping-Center außerhalb der Städte“(!!!) empfahl. Um die Stimmung dann gleich noch weiter zu vermiesen: Dort, so Riedesser laut Kurier, hätten sich aber schon die großen Papier und Buchhandelsketten wie z.B. Libro eingenistet. „Kleinere Feld-, Wald- und Wiesenbuchhändler haben da kaum noch eine Chance.“

Solcherart pauschal abklassifiziert, fühlen seine Wiener Kollegen sich nun sozusagen auch noch von ihrem Verband verunglimpft und – der Kurier ist schließlich eine weit verbreitete und angesehene Boulevardzeitung – öffentlich, gegenüber ihrem Publikum beschädigt. Ist der Ruf erst ruiniert…

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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