Die schönste deutsche Blüte zum Welttag des Buches war vergangenen Freitag in Spiegel Online zu bestaunen: die Offerte einer Publikation beim Internet-Auktionshaus Ebay. „Wer am Ende das höchste Gebot abgegeben hat, bekommt dafür die Garantie, dass sein Werk in etwa 6.000 deutschen Buchhandlungen erhältlich ist…Wer also den großen deutschen Roman des dritten Jahrtausends in der Schublade liegen hat, sollte ab morgen, 15 Uhr, bei Ebay ein Gebot abgeben – der Einstieg liegt bei einem Euro…“
Wahrlich „ein besonderes Angebot“, das der Publikationsservice Books on Demand (BoD) im Hause Libri, das eng mit Spiegel Online zusammenarbeitet, sich da „für schreibende Menschen“ ausgedacht hat; denn, in der Tat, „einen Verlag zu finden“, ist „ein schwieriges Unterfangen“. Es gibt hier zu Lande schließlich bloß rund 17.000 Verlage, die mehrheitlich außerdem keine Romane herausbringen. Die Zahl der „schreibenden Menschen“ aber wächst unaufhörlich, und, um einen berühmten Satz von Verona Feldbusch abzuwandeln, „sie kann geholfen werden“ – nicht nur bei uns.
Werfen wir einen Blick nach Großbritannien, das auf Statistiken steht und immer gern Zahlen sprechen lässt. In 11.000 Teilzeitkursen können die Leute dort die Schriftstellerei lernen; 85 Universitäten – gut zehnmal so viel wie 1992 – offerieren dort Absolventen eines Grundstudiums inzwischen Lehrgänge in „creative writing“ mit akademischen Diplom. Alles in allem trugen sich letztes Jahr rund 110.00 Personen für irgendeinen Kurs dieser Art ein. In Deutschland und Österreich nimmt, von Volkshochschulen bis Universitäten, die Zahl solcher Schreiblernwerkstätten, wie sie zuerst in den USA aufkamen, stetig zu. Vor kurzem hat der Schweizer Autorenverband mit einer Projektstudie öffentlich für die Einrichtung einer helvetischen Schriftstellerakademie geworben. Da werden nun Hoffnungen geweckt – für „schreibende Menschen“, dass es sie zum Erfolg führt. Aber: Sind es auch Hoffnungen für Verlage, dass sie Art von Autoren finden, an denen es mangelt, nach denen sie immer wieder suchen? Hoffnungen für Leser auf Bücher, die sie gern lesen möchten?
Anlässlich der Projektstudie des Schweizer Autorenverbandes für eine Schriftstellerakademie hat die Neue Zürcher Zeitung die deutsche Autorin Katja Lange-Müller um ihre Beurteilung von „creative writing“-Studiengängen gebeten [mehr…] – eine kluge Wahl; denn Katja Lange-Müller, eine sehr gute Schriftstellerin, hat (noch in DDR-Zeiten) an dem legendären Johannes R. Becher- Institut zu Leipzig, das auch Autoren wie Christoph Hein absolvierten, gelernt und an dem ebendort 1993 neu gegründeten Deutschen Literaturinstitut später gelehrt.
Was Leipzig selbst betrifft, dem man gewiss eine Vorrangstellung mit recht vielen positiven Ergebnissen einräumen darf, so urteilt sie meines Erachtens doch ein wenig hart. Anderswo dürften die Fragezeichen jedenfalls größer ausfallen. Aber selbst dort: „In Wahrheit haben die wenigsten der etwa 1000 Direkt- und Fernstudenten , die zwischen 1955 und 1993 in den ‚kreativen Fächern‘ Lyrik, Prosa, Dramatik (es gab auch jede Menge andere) unterrichtet und danach zu Diplomschriftstellern deklariert wurden, jemals ein Buch veröffentlicht.“ Heute sieht Katja Lange-Müller zwei Gefahren: „Nicht gefordertes, sondern lediglich gefördertes Talent begnügt sich vielleicht mit dem Gefälligen.“ Und zweitens, dass gute Schreiblehrer unter dem Konkurrenzdruck von Nachkommenden „ihre ach so geringe und flüchtige Macht daransetzen, Sätze glätten, Eigenheiten abschleifen zu wollen, auf das bloß noch Texte entstehen mögen, die technisch nicht zu beanstanden sind, Leser und erst recht schreibende Leser aber völlig kalt lassen.“ Angenommen,. Katja Lange-Müller hat recht (woran ich nicht zweifle), erhebt sich also die Frage: Was soll – abgesehen von der nicht zu unterschätzenden und sicherlich positiv zu veranschlagenden Breitensteigerung von Gefühlen einer kreativen Selbstverwirklichung, wie es etwa in den 1970ern Töpferkurse beflügelte – dieses ganze Institutionstheater?
Nichts, wie schon gesagt, gegen Leipzig. Und ich hätte mich an der University of Iowa oder an der Universität von East Anglia in Norwich gern fürs „creative writing“ immatrikuliert. Zumindest bei letzterer lernt man, im Unterschied zu einem ambitioniert hochliterarischem Schreiben wie in Deutschland, Handwerk, und Handwerk lässt sich letztlich immer nur im Sinne einer Zufriedenstellung von Kundeninteressen definieren – das bei unseren „Literaten“ wie bei den meisten hiesigen Verfassern von “Unterhaltungsliteratur“ als Manko festzustellen sein würde. Es wäre deshalb auch gut, wenn es bei uns Kurse gäbe, wo man die (durchaus existenten) Regeln und Tricks lernen könnte, wie man so erzählt, dass es die Leser fesseln könnte (wozu die an unseren Universitäten „creative writing“ dozierenden „literarischen“ Autoren und Lektoren gemeinhin außerstande sein dürften). Doch auch in der so anderen angelsächsischen Welt sind die aus Schriftstellerkursen hervorgehenden Resultate, so sie denn überhaupt einen Verlag finden „selten lesenswert“, wie die Kolumnistin Jemima Lewis bei der Londoner Zeitung Sunday Telegraph resümiert.
Weil man in der Schule Lesen und Schreiben gelernt hat, meinen allzuviele „schreiben“ zu können. In den deutschen Verlagen hat sich die Menge der unverlangt eingesandten Manuskripte während des vergangenen Jahrzehnts verdoppelt und verdreifacht – bis zu zwei- oder dreitausend pro Jahr. Wer als Lektor je solche Stapel von bis zu 90 Prozent völlig unzumutbarer Lektüre abzuarbeiten hatte –spätestens nach dem zehnten Romanmanuskript wird man da fast so müde, verdumpft und meschugge, dass selbst ein halbwegs tauglicher Text kaum mehr zu erkennbar scheint. Es kann aber nicht die Aufgabe eines – heute eh wegen Personalmangel total überarbeiteter Lektoren sein, als Müllmann zu agieren. Also rühren sie diese Stapel aus gutem Grund meist gar nicht erst an. Sie haben ja oft nicht mal genug Zeit, sich den Titeln mit gebührender Sorgfalt zu widmen, die aus irgendeinem Produktionszwang ins Programm genommen werden. In den Buchhandlungen gibt es für die ohnehin publizierte Überproduktion eh kein Regal, in den Medien sowieso keinen Platz für Rezensionen mehr, und ein gutes Drittel lockt schon jetzt keine Leser mehr hinter dem Ofen hervor…
Wenn der Welttag des Buches einen Sinn hat, dann den: Lesern zu lohnender Lektüre zu verführen. Bei Romanen ist Publishing on Demand so überflüssig wie ein Kropf – sofern es in diesem Bereich nicht einfach der Eitelkeit von „schreibenden Menschen“ dient, „ihr Ding“ in Form eines quasi professionell hergestellten Buches zum Vorzeigen in Händen zu halten. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat Anfang dieser Woche denn auch zu Recht kommentiert, dass „Publishing on Demand“ geradezu für das Gegenteil von Veröffentlichen und dem Erzeugen von Nachfrage steht.
Wie schreibt Spiegel Online, sozusagen als Kleingedrucktes, in seinem Werbetext für Libri in seinem Annoncentext mitteninne? Die Erhältlichkeit des über Ebay auktionierten Buches in 6.000 Buchhandlungen sei nur – „theoretisch“, das Marketing, das Werben um Leser nicht inklusive.
Ebenso wenig übrigens wie eine Beurteilung, ob das zum Zuge kommende Manuskript überhaupt lesenswert ist.
Ein übles Spiel.
Es zeigt zudem, wie wenig man in Deutschland insgesamt begriffen hat, worum es beim Welttag des Buches eigentlich geht – möglichst viele Menschen für das Lesen von Büchern zu gewinnen, weil Bücherlesen einen Lebensgewinn bedeutet
Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.