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Zahlen und Fakten von Karin Pfeiffer-Stolz

Karin Pfeiffer-Stolz, die in der Rechtschreibdiskussion schon mehrfach das Wort ergriffen hat (und sich dafür von den Refom-Befürwortern als „ignorant und inkompetent“ beschimpfen lassen müssen), hat für buchmarkt-online ein paar Zahlen und Fakten zusammengetragen, die einmal mehr zeigen, daß blindes Eifern in Sachen Rechtschreibung überhaupt nichts bringt. Zumal sich eindrucksvoll belegen läßt, was für ein verkorkstes Gebilde die „Reform“ tatsächlich ist:

Die Zahlen ein bißchen zurechtrücken

Fast beschwörend klingt es, wenn besonders von Seiten der Reformbefürworter in diesen Tagen immer wieder eine unaufgeregte Sachdiskussion wünschen.

Etwa 12,5 Millionen Schüler, so erfahren wir, lernten mittlerweile die „neue“ Rechtschreibung. Diese sachliche Aussage bedarf einer Ergänzung:

Rund 100 Millionen Menschen in aller Welt haben Deutsch zur Muttersprache. In Deutschland gibt es nicht 12,5, sondern nur 9,7 Millionen Schüler. In dieser Zahl inbegriffen sind auch Kindergarten-Vorschulklassen und Sonderschulen für geistig Behinderte, für die das Lesen und Schreiben keine oder eine untergeordnete Bedeutung hat. Betrachtet man den Umstand, daß Grund- und Sonderschulen von den eigentlichen Problemen der Reformschreibung ebenfalls nicht tangiert werden, so reduziert sich die Zahl der betroffenen Schüler erheblich. Zieht man nun die aktuellen Umfrageergebnisse heran, kommt man zu folgenden (gerundeten) Zahlen:

Deutschland hat rund 82 Millionen Einwohner. Etwa drei Viertel, also 60 Millionen, sind für die Rücknahme der Reformschreibung. Nur etwa 6 Millionen Schüler sind durch die Änderungen stärker betroffen.

60 Millionen Menschen quer durch alle Alters- und Bildungsgruppen sollen zugunsten von 6 Millionen Schüler auf die ihnen vertraute Schriftsprache verzichten.

Nachsatz: Die betroffenen Schüler müssen sich in mehreren „Sprachwelten“ bewegen, da die Presseorthographie nicht mit der Schulorthographie übereinstimmt. Das Auseinanderklaffen von Presse- und Schulschreibung ist in der Bevölkerung kaum bekannt.

Wer meldet sich in der Diskussion um die Rechtschreibreform zu Wort?

Die Lehrerverbände GEW und VBE zum Beispiel verkünden, ohne bei ihren Mitgliedern Rückfragen gemacht zu haben: „Die Lehrer sind mit der Reformschreibung zufrieden und daher gegen die Rücknahme der Reform.“

Der Verband der Schulbuchverleger VdS Bildungsmedien e.V. verkündet, ohne seine Mitglieder im einzelnen befragt zu haben, die Verlage seien gegen die Rücknahme der Reform.

Bundeselternrat und Landeselternräte verkünden, ohne die Eltern befragt zu haben, „die Eltern und Schüler“ hätten keine Probleme mit der Reformschreibung und seien gegen deren Abschaffung.

Einige Landesväter bestimmen, daß man bei der Reformschreibung bleiben werde, ohne zu berücksichten, daß …

… das Volk derweil zu 75% (Forsa-Institut) gegen die Beibehaltung der Reformschreibung votiert.

Für wen sprechen diese Verbandsfunktionäre und Politiker? Muß man ihnen unter diesen Umständen nicht das Mandat absprechen?

Wer befürwortet die Reformschreibung?

Antworten und weiterführende Fragen

Zum Beispiel die GEW
Von Anfang an haben die Befürworter der Reform die Änderungen der Sprache mit Fürsorglichkeit für die Schüler begründet. Die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Jahr 1996: „Die GEW begrüßt den frühestmöglichen Vorgriff auf die Reform. Ein Unterrichten von Regeln, die in kurzer Zeit als überholt bezeichnet werden müssten, verstößt gegen die Würde der Lehrenden und Lernenden.“

Man muß daran erinnern, daß 1996 noch keine einzige Zeitung die Reformschreibung verwendete. Erst 1999 stellte die Presse auf eine Reformschreibung um, die nicht dieselbe war wie die in der Schule. Drei Jahre lang lernten die Schüler eine spezielle Schulorthographie, die im Alltag nirgendwo Anwendung fand. Nach 1999 lernen sie wiederum nicht dasselbe, wie es in den Zeitungen steht. Wo blieben da die Proteste der Art, wie man sie heute hört: „Unsere Schüler werden verwirrt!“ – „Chaos!“ – „Es kann doch nicht sein, dass in der Schule etwas gelehrt wird, das anders ist als das, was man liest.“ Gilt das wirklich erst seit heute? Um die Gesellschaft über die Schule zu „erziehen“, war jedes Mittel recht, da wurde sogar die Verwirrung der Schüler, um dies es in Wahrheit nie ging und bis heute nicht geht, billigend in Kauf genommen. Nun, da sich verantwortungsbewußte Personen mit einem verzweifelten Schritt für das Ende der Verwirrung eingesetzt haben, unterstellt man das Chaos, das allein durch die Einführung der Reformschreibung entstanden ist – und zwar von Anfang an.

Zum Beispiel der Philologenverband
Bewährt hat sich die neue Schreibung nach Aussage der Reformer vor allem in den Grundschulen. Was Wunder. Haben doch die Grundschüler mit den Problemen der Reformschreibung gar nichts zu tun. Wenn der Philologenverband Baden-Württemberg durch den Vorsitzenden Karl-Heinz Wurster verbreiten läßt, daß gerade jüngere Schüler die Reform gut angenommen hätten, muß das verwundern. Seit wann macht sich der Philologenverband zum Sprecher „jüngerer“ Schüler, also Grundschüler? Ob die eigene Klientel, also die Gymnasiasten und die Gymnasiallehrer, zufrieden sind, wird nicht erwähnt. Das läßt darauf schließen, daß sie es eben nicht sind.

Zum Beispiel der Bayerische Elternverband (BEV)
Was der BEV durch die Vorsitzende Ursula Walther verlauten läßt, kann kaum im Sinne der vertretenen Eltern sein: „Es gibt in der Sprache Wichtigeres als Rechtschreibung.“ Ist schon einmal aufgefallen, daß all jene, die behaupten, die Rechtschreibung sei nicht wichtig, ihrerseits stets eine korrekte Rechtschreibung anwenden? Eltern sind klüger, als manche meinen. Kinder übrigens auch. Sie werden ihr Urteil zur sogenannten Rechtschreibreform eines Tages abgeben, wenn sie selbst gelernt haben, selbständig zu denken.

Und die Meinung derer, in deren Namen die Verbände sprechen?
Eine Blitzumfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag von RTL ergab eine deutliche Mehrheit für die alte Rechtschreibung. 75 Prozent der lediglich 506 Befragten sprachen sich für die alten Schreibweisen aus …

Worin besteht der Rückhalt der Verbandsfunktionäre? In der Basis haben sie ihn nicht. Sie scheinen vom Willen der Schreiber ebensoweit entfernt zu sein wie manche Politiker vom Willen des „regierten“ Volkes.

Ist die Reformschreibung wirklich besser?
Man muß sich fragen, was an einer Reformschreibung so gut sein soll, wenn sie allen, die sie anwenden wollen, solche Mühe bereitet, daß sie dafür teure Kurse belegen müssen! Wird nicht allein daran schon klar, daß mit der versprochenen Logik und Erleichterung etwas nicht stimmen kann?

In einigen Lehrbüchern zur neuen Rechtschreibung wird der Rat erteilt, bestimmte Wörter, deren Reformschreibung entweder zu schlecht lesbaren, häßlichen oder grammatikalisch falschen Gebilden führen, durch andere Begriffe zu ersetzen. Ist Vermeidungsschreibung wirklich eine adäquate Antwort auf eine schlechte Rechtschreibreform? Sollen wir künftig auf gute Wörter unserer Sprache nur deshalb verzichten, weil sie sich schlecht in das „neuschriftliche“ System einpassen? Welche Bankerotterklärung einer „Reform“!

Die Deutschen – nicht reformfähig?
Was ist an der Einführung der Rechtschreibreform demokratisch gewesen? Was hat das mit Demokratie zu tun, wenn der Wille des Volkes in einer Sache, der nur das Volk betrifft, mißachtet wird? Diese Schreibreform kann man nicht mit anderen Reformen vergleichen. Jeder wird die Notwendigkeit von Sparmaßnahmen einsehen, wenn er auch dagegen protestiert. Doch war es geboten, im Sinne des Gemeinwohles oder im Sinne eines Fortbestehens des Staates eine Schreibreform einzuführen? Wer wollte sie? Weshalb war sie notwendig? Nichts als Kosten, Ärger und Leid sind durch sie entstanden. Daß Deutschland „reformfähig“ ist, hat es mit der sogenannten Rechtschreibreform ebenfalls bewiesen. Sonst hätten nicht die meisten Schreiber (mich persönlich eingeschlossen) einige Jahre lang gehorsam versucht, mit dem abstrusen Regelwerk zurechtzukommen. Wenn etwas nicht funktioniert, hat man irgendwann davon die Nase voll. Und dieser Zeitpunkt ist jetzt gekommen.

Ist nicht die neue s-Schreibung vernünftig?
Immer wieder hört man von Reformbefürwortern: „Wozu die Aufregung? Es sind doch nur 0,2 bzw. 0,5% des Wortschatzes von Änderungen betroffen. Darüber muß selbst der Duden erröten. Die Wahrheit ist, daß bei diesen Zahlenspielen die neue s-Schreibung ausgenommen wurde. Zieht man sie hinzu, und das muß man doch, schnellt die Änderungsquote hoch auf 10%. Gerade die neue s-Schreibung jedoch verunstaltet Texte, erschwert das Lesen und führt zu vielen Fehlern eines neuen Typs (Grüsse, Fussball, Strasse …).

Daß dies tatsächlich so ist, führt uns sogar die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz unfreiwillig vor. Doris Ahnen, eine streithafte Verteidigerin der Schreibreform, läßt bezeichnenderweise auf der Homepage ihres Ministeriums den Besucher wissen: „Wir haben grossen Wert darauf gelegt, …“ http://www.mbfj.rlp.de/wirueberuns/index.html Das Adjektiv „groß“ schreibt man auch nach der Reformschreibung mit ß. Doris Ahnen befindet sich mit vielen anderen Neuschreibern in guter Gemeinschaft.

Wichtigeres als Rechtschreibung?
Deutschland hat andere Sorgen – es gibt Wichtigeres als Rechtschreibung
Erinnern wir uns? Es ist nicht lange her, da lächelten wir nachsichtig über Tanten und Onkeln, Omas und Opas, die uns zum Geburtstag vor allem „gute Gesundheit“ wünschten. Uns, die wir jung und gesund waren, erschien die Gesundheit als etwas Selbstverständliches und daher wenig Wichtiges. Mit zunehmendem Alter, wenn die Gesundheit allmählich abhanden kommt, erkennen wir deren Wert. Und plötzlich wird die Gesundheit ein alles beherrschendes Thema.

Nicht anders ist es mit der Rechtschreibung. Wir halten sie irrtümlich nicht für wichtig, solange sie funktioniert, also still und bescheiden im Hintergrund wirkt. Und doch ist eine allgemein anerkannte Orthographie die Grundvoraussetzung zur Teilhabe an der Schriftkultur und damit an der Kultur unserer Gesellschaft. Nun, da nichts mehr so funktioniert wie es soll, spüren wir, wie wichtig einheitliche Schreibregeln sind. Wer das in Frage stellt, zeigt damit ein gespaltenes Verhältnis nicht nur zur Gesellschaft sondern auch zur eigenen Sprache.

Unsere Kultur konnte sich nur deshalb entwickeln, weil die Kinder nicht immer wieder von vorne anfangen müssen. Die Erwachsenen geben ihnen das bewährte Wissen und Können auf immer höherem Niveau weiter, vor allem auch durch schriftliche Aufzeichnungen. So können sie die Kultur fortentwickeln. Dürfen wir in ein System eingreifen und es willkürlich verändern? Dürfen wir mit der Sprache solche Experimente vornehmen, um auszuprobieren, wie es ankommt? Es besteht die Gefahr, daß wir unseren Kindern tatsächlich den zitierten „Scherbenhaufen“ hinterlassen, den sie erst wegräumen müssen, ehe wieder etwas Taugliches errichtet werden kann. Ob das der Fortentwicklung förderlich ist, möchte ich bezweifeln.

Wir sollten die Geschicke unserer Gesellschaft nicht mehr jenen Personen anvertrauen, die mit fachlichem Halbwissen und ohne Gewissensbisse ihre Geschäfte treiben, deren langfristig schleichende Folgen für uns alle von Nachteil sind. Wir lassen unser Auto ja auch nicht von einer Person reparieren, die außer ihrer Parteizugehörigkeit keine weiteren sachspezifischen Kompetenzen vorweisen kann.

Vor einem mehr als faulen „Kompromiß“ ist zu warnen

Sicher kann man auf das ß ganz verzichten. Wir verzichten damit aber freiwillig und ohne jeden Vorteil auf einen Buchstaben, der sich etabliert hat, um dem Leser entgegenzukommen.
Weshalb möchte man die ss-Schreibung behalten? Läuft das nicht auf den Kniefall vor einer höchst undemokratischen politischen Entscheidung hinaus? Soll damit der Aufprall der fallenden Reform gemildert werden?

Als Pädagogin und Sachkundige warne ich vor einer Beibehaltung der ss-Schreibung. In einigen Jahren werden die Lehrer diese neue Geißel des Rechtschreibunterrichts verfluchen. Weder das Schreiben noch das Lesen wird dadurch erleichtert, im Gegenteil. Die Verwischung der Wortfuge sowie die Verdoppelung und Verdreifachung des Buchstaben s führt nicht nur zu Lese-, sondern auch zu Schreiberschwernis.

„Logisch“ ist die s-Schreibung nur für Umlerner. Das wird sich an den steigenden Fehlerzahlen zeigen, sobald Schüler mit nur den neuen s-Regeln aufwachsen. Schon jetzt schreiben viele Kinder zwar „regelkonform“, aber falsch „du bisst, du hasst ein schönes Zeugniss, der Missthaufen…“, und viele Erwachsene schreiben „Grüsse, Strasse, gross“ – letzteres kann man sogar auf der Homepage der Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz, Doris Ahnen, in ihrem eigenen Editorial bestaunen.

Bei der Entscheidung ist zu bedenken:
– Das ß ist und bleibt eine hervorragende Lesehilfe und ist von der Sprachgemeinschaft als solche eingeführt worden. Die Umwidmung von dem ursächlich graphischen Zeichen in ein rein phonetisches (Länge des vorhergehenden Vokals) schafft neue Probleme.
– Es ist nicht schwierig, das richtige Schreiben von s und ß zu erlernen.
– Mit den neuen Regeln werden mehr Schreibfehler gemacht, weil die Logik nur eine Logik für Umlerner, nicht für Neulerner ist, und weil viele nicht so sprechen wie man schreiben sollte (siehe Spass, Gruss, ausser …)
– Die künstliche „Veraltung“ des gesamten Schriftguts erfolgt vor allem durch die ss-Schreibung. Damit ist der gefürchtete und folgenreiche Bruch mit der Kultur nicht zu vermeiden. Diesen können auch die Befürworter der ss-Schreibung nicht wollen …

Schlußfolgerung: Die ss-Schreibung hat nur Nachteile und keinen einzigen Vorteil außer der psychologischen Tatsache, daß sie zur Zeit „modern“ wirkt, nur weil sie neu ist und vor allem den Reformern ein „Fetzchen“ Erfolg vorgaukelt. Das „Neue“ wird sich abschleifen. Die Nachteile bleiben. Müssen wir das nützliche ß für solch ein zweifelhaftes Ziel opfern, das auf sachliche und inhaltliche Fragen überhaupt keine Rücksicht nimmt?
Karin Pfeiffer-Stolz

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