Home > ARCHIV > Die einen kommen, die anderen gehen: Universal schließt sein Musikportal Popfile// Random House will – wieder – tiefer rein ins Webgeschäft // Google füttert Google Print mit Beständen der Uni-Bibliotheken // Amazon kommt Anfang 2005 mit deutscher „Search Inside the Book“-Funktion

Die einen kommen, die anderen gehen: Universal schließt sein Musikportal Popfile// Random House will – wieder – tiefer rein ins Webgeschäft // Google füttert Google Print mit Beständen der Uni-Bibliotheken // Amazon kommt Anfang 2005 mit deutscher „Search Inside the Book“-Funktion

So schnell geht‘s im Web: Was gestern noch als schick galt, ist heute verpönt und umgekehrt. Wieso Random House http://www.randomhouse.de Chef Peter Olson allerdings glaubt, seinen Mitarbeitern in einem Brief vom 15.12.2004 etwas Neues zu erzählen, wenn er schreibt Random House prüfe „irgendwann in den Online-Buchhandel“ einzusteigen, bleibt sein Geheimnis. Der Bertelsmann Konzern ist über seine Beteiligung bei buch.de http://www.buch.de, die auch weiterhin brav die Marke BOL http://www.bol.de mit einer eigenen Website betreiben, wie auch via Bertelsmann Club http://www.derclub.de im Web aktiv. Immerhin: Als erstes Anzeichen dafür, dass das hausgemachte BOL-Desaster verarbeitet worden ist, dürfen wir es wohl ansehen. Aber auch nicht als mehr.

Noch weniger wird Universal Music http://www.universal-music.de uns ab nächstem Jahr bieten. Der Konzern schließt seine Musik-Download-Website Popfile und folgt damit der deutschen Telekom, die bereits im September ihre Musik-Website Phonoline, nach nur einem halben Jahr, wieder vom Netz nahm. Offenbar hat der Computerhersteller Apple http://www.apple.com mit seinem einfach zu handhabenden Music Store http://www.www.apple.com/de/itunes/store/ und in der von Steve Jobs klug gedachten Kombination mit dem iPod, dem Apple eigenen mp3-Spieler, den Markt endgültig für sich entschieden. Über 800 000 Songs stehen im europäischen Music Store für 99 Cent zu Verfügung, über 200 Millionen Lieder wurden bereits heruntergeladen- was wollen wir mehr?

Mehr wird uns dagegen Amazon, und zwar der deutsche Ableger http://www.amazon.de, ab nächsten Jahr bieten. Schon im Frühjahr 2005, so unsere Quellen, startet die deutsche Variante der umstrittenen Search Inside the Book-Funktion. Die erlaubt es, im Modus der Volltextsuche, die digitalisierten Inhalte der Bücher zu durchkämmen und sich die gefundenen Buchseiten anzeigen zu lassen. Mit dabei sind die renommiertesten deutschen Verlage, die offenbar die Lizenzbedingungen von Amazon nicht sehr genau studiert haben. Wer das nachholen möchte, klickt hier http://www.amazon.de/exec/obidos/tg/browse/-/3110751/ref=br_bx_1_c_2_2/302-2914019-9156060. Nur damit keiner sagt, er hätte nicht gewusst, dass er nicht nur Mantel und Hut an der Amazon-Garderobe abgegeben hat, sondern auch noch Hose, Jacke, Hemd, Strümpfe und die Schuhe. Ganz praktisch: Der Rechteinhaber liefert alle Copyrights bei Amazon mit dem Geschäftsbeginn ab. Der Rechtegeber darf noch nicht mal das digitalisierte, sein eigenes Buch für sich selbst verwenden.

Hingegen verbleiben bei Google Print http://print.google.com, dem momentanen Lieblingskind der Suchmaschine Google http://www.google.de, alle Rechte bei den Verlagen bzw. Inhabern. Außerdem bleibt es dem Rechtegeber überlassen, zu welchen Web-Verkausstellen er seine Links setzt. Wenn sich die Verlage also schon mit dem Belzebub ins Bett legen, sollten sie wenigstens das Weihwasser nicht scheuen, auch wenn dies im Moment eher tröpfelt, denn fließt. Wie schnell aus dem Rinnsal ein Fluss werden kann, deutet die Meldung an, Google digitalisiere bereits seit dem Sommer die Bestände der Universitätsbibliothek Michigan. Kein Pappenstil, es handelt sich um gut 7 Millionen Bücher, die in 6 Jahren digitalisiert werden sollen. Dazu kommen sollen die Bestände der Uni-Bibliotheken von Stanford, Harvard, Oxford sowie eine Auswahl aus der New York Public Library, in der Summe um die 12-15 Millionen Bücher. Wie wir wissen, übernimmt Google die Kosten für das einscannen der Titel und stellt die Dateien anschließend auch den Uni-Bibliotheken zur Verfügung, kostenlos. Angeblich schafft es das Google Programm pro Tag ca. 5000 Bücher zu digitalisieren, also ungefähr 1,8 Millionen Titel in einem Jahr. Diese Bemühungen werden sowohl der Web-Suchmaschine Google selbst, wie auch dem Buchsuchdienst Google Print zugute kommen.

Ganz neu sind alle diese Bemühungen freilich nicht, wir müssen uns nur mal erinnern: Vor gut 10 Jahren startete das Projekt Gutenberg http://gutenberg.spiegel.de in Deutschland, übernommen von Amerika, mit dem Ziel möglichst viele deutsche, rechtefreie Texte via Web zugänglich zu machen. Immer wieder geriet Gutenberg.de, das ohne jegliche Fördergelder oder -mittel auskommt und ehrenamtlich betrieben wird, in Turbulenzen- bis hin zum vollständigen Verschwinden aus dem Web. Bis sich vor einigen Jahren der SPIEGEL http://www.spiegel.de entschied, das Projekt bei sich zu beheimaten und zu hosten. Das Ergebnis nach 10 Jahren kann sich sehen lassen: 420 000 Textseiten, 14 000 Gedichte, 1700 Romane, 1600 Märchen, 1200 Fabeln und 3500 Sagen sind via Gutenberg.de abrufbar.

Und, liebe Verlage, vielleicht wäre auch das wieder ein Ansatzpunkt, für eine unabhängige, verlagsübergreifende Webplattform. Bekanntlich liegt dem Chef, Stefan Aust, das Wohl und Wehe der Buchlandschaft so am Herzen, dass der SPIEGEL offizieller Partner beim neuen Deutschen Buchpreis ist.

STEFAN BECHT
stefan@stefanbecht.de

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