Die Reform der Schriftsprache steht auf der Kippe. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat mit dem Rückbau des umstrittenen Regelwerks begonnen, meldet SPIEGEL-online.
Ein Kernstück der Neuregelung, die Getrennt- und Zusammenschreibung, ist vom Rat für deutsche Rechtschreibung bereits so gut wie gestrichen worden. Der Vorsitzende des Rats, der frühere bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair, hatte Anfang des Monats nach einer Gremiumssitzung in München der überraschten Öffentlichkeit erklärt, Wörter wie „krank schreiben“ oder „kennen lernen“ sollten nicht mehr getrennt, sondern zusammengeschrieben werden, wie vor der Reform [mehr…]. Auf seiner nächsten Sitzung Anfang Juni will der Rat Änderungen beschließen. Und dabei soll es nicht bleiben.
Als Nächstes steht die neue Zeichensetzung auf dem Prüfstand, die nach einhelliger Meinung der Kritiker das Lesen vor allem langer Sätze erschwert, weil zahlreiche Kommata danach entfallen. Bis zum Sommer wollen sich die Reformer der Reform noch die Silbentrennung am Zeilenende vorknöpfen, dazu die Schreibung von Fremdwörtern und, wenn es nach Zehetmair geht, auch die Groß- und Kleinschreibung.
So viel Eifer scheint dem Auftraggeber des Rats, der Kultusministerkonferenz (KMK), nicht zu gefallen. Frostig teilte sie nach der letzten Sitzung mit, sie werde „über die Vorschläge des Rats entscheiden, wenn sie nach Anhörung von Verbänden endgültig vorgelegt werden“. Die KMK hat zudem erklärt, dass zum 1. August nur die unstrittigen Teile der Reform in Schulen und Behörden verbindlich eingeführt werden sollen. Doch da ist man im Rat schon weiter. Der Terminplan der KMK sei „illusorisch“, heißt es aus der Runde: „Es wird ein Moratorium geben.“
Der bisherige Erfolg der fachlich schwierigen und politisch heiklen Mission ist dem Verhandlungsgeschick ihres Vorsitzenden zu verdanken. Hans Zehetmair gehörte als Minister einst selbst zu den Reformern. Doch während der Sitzung am 8. April im Konferenzraum der Münchner Hanns-Seidel-Stiftung räumte der CSU-Mann den „kapitalen Fehler“ ein, sich als „Politiker an die Sprache herangewagt zu haben“. Zehetmair heute: „Das darf nie wieder geschehen.“