Jetzt kommt auch noch eine „Offizielle Stellungnahme der eBuch e.G. zum Wechsel des Vorstehers Schormann in den Douglas-Konzern“ – die deutlich macht, wie sehr unser Verband an genau dieser Frage zu spalten droht: Hier der von Vorstandsmitglied Brigitta Lange und von Aufsichtsrat Bernd Braunbarth unterschriebene Text, der neues Öl ins Feuer gießt:
Überraschend kam die Schliessung der Ferberschen Buchhandlung des Vorstehers Schormann nicht: wenn Douglas kommt, muss der alteingesessene Buchhandel weichen. Auch die teilweise Übernahme der Mitarbeiter und des Chefs ist nichts Neues – wäre es vermessen zu wetten, dass auch die Kundenkartei Teil des Deals war?
Wie sieht ein solcher Deal aus? Douglas übernimmt Teile des Personals (die anderen werden auf Kosten der Allgemeinheit arbeitslos), stellt aber eine Gehaltsstufe tiefer ein; aus der Buchhändlerin wird auf dem Lohnzettel eine bessere Hilfskraft. Für die Chefin / den Chef gilt zwar ähnliches, aber weil sich der mittelständische Unternehmer mit Sonntagsarbeit – zugunsten seiner Mitarbeiter – i.d.R. vorher selbst ausgebeutet hat, ist es, so eine konkrete Aussage eines Betroffenen, nicht so schmerzhaft: weniger Geld bei deutlich kürzerer Arbeitszeit. Der reine Stundenlohn also stimmt zumindest für den Ex-Inhaber, es gibt halt mehr Freizeit. Muss ja nicht schlecht sein.
Wie kann Thalia einen solchen Verdrängungskampf durchfechten? Nun, für diesen Erfolg nach rein neoliberalen Dschungelprinzipien (the winner takes it all) gibt es einige Basisfaktoren:
a) man hat einen Konzern mit nahezu unbegrenzten Finanzmitteln im Kreuz, kann also jede Durststrecke überstehen und abwarten, bis die Kleinen in der Umgebung aufgeben müssen
b) man kann sich jederzeit 1A-Lagen leisten. Dauerhaft natürlich nur aus drei Gründen: – der Personalkostenfaktor dürfte bei 14% oder drunter liegen, und das hat weniger mit Rationalisierung zu tun als vor allem mit schlechterer Bezahlung und einer dünnen Personaldecke – es gibt gewisse Rationalisierungseffekte durch Einheitskonzepte und Einheitsaktionen – man verlangt und bekommt bei den Verlagen Höchstrabatt. Mit diesen Faktoren schafft man die ca. 6-10% Punkte mehr Rohertrag, mit denen man die 1A-Miete und die Konzernrendite bezahlt.
Wem nützt es? Die übernommenen BuchhändlerInnen verdienen weniger, die nicht übernommenen werden von der Allgemeinheit mit ALG bezahlt. Die Immobilienvermieter bekommen dagegen mehr. Und der Douglas-Konzern will auch was verdienen. Viele kleine BuchhändlerInnen, die bei dieser Umverteilung Geld verlieren, die den Verlagen abgeforderten Höchstrabatte und das von der Gesellschaft bezahlte Arbeitslosengeld für das eingesparte Personal ergibt einen großen Berg Geld, von dem Douglas zum einen die weitere Expansion finanziert, und zum anderen einigen Managern in Konzernen und Fonds hübsche Millionengehälter bezahlt.
Volkswirtschaftlicher Nutzen dieser Umverteilung von unten nach oben: Null komma Null. Douglas sorgt ja nicht etwa dafür, dass mehr Bücher verkauft werden. Der Konzern lässt nur einige Marktteilnehmer (Buchhändler und Verlage) etwas weniger verdienen, die Kunden durch weniger Personal bedienen, und nimmt sich die Differenz. Zum eigenen Wohl, zu Lasten der anderen. Kleine Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, Douglas spart sie ein. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ So steht es im Grundgesetz. Bei den Douglas-Herren scheint das unbekannt – denn die Allgemeinheit muss zubuttern, wenn Douglas kommt. Und mit der Auswirkung, dass Douglas-Buchhandlungen demnächst so unterscheidbar sein werden wie ihre Parfümerien oder Aldi Filialen.
Im Lebensmittelhandel hat ein solcher Konzentrationsprozeß mit dem Fall der Preisbindung 1967 richtig Fahrt aufgenommen und ist heute praktisch abgeschlossen. Es gibt zwar noch ein bisschen Penny hier und Handelshof da, und auch noch den ein oder anderen kleinen unabhängigen Supermarkt. Aber im wesentlichen regieren Aldi und Lidl das Land – oder? Nein, der größte Lebensmittelanbieter ist eine Genossenschaft von Einzelhändlern, die zum Glück rechtzeitig genug da war: schon vor über 100 Jahren. EDEKA ist größer als Aldi und größer als Lidl, und 3.800 der EDEKA Supermärkte sind direkt im Besitz eines örtlichen mittelständischen Unternehmers – was man den Märkten leider so nicht ansieht (mehr zur spannenden Edeka-Geschichte hier: http://urly.de/6c23
Die eBuch hat ein klares Ziel: mit dem Projekt ANABEL will die eBuch der starke Arm der unabhängigen BuchhändlerInnen sein. Weil sonst zu befürchten steht, dass die individuelle, inhabergeführte, mittelständische Buchhandlung eines Tages völlig ausstirbt. Und man für jedes Buch in die Innenstadt oder auf die grüne Wiese fahren muss. Im Unterschied zum Lebensmittelhandel, wo dieser Ausflug zumindest mit günstigeren Preisen belohnt wird, nützt die Konzentration im Buchhandel dem Kunden gar nichts: er muss für denselben Preis weitere Wege gehen, wenn die Um-die-Ecke-Buchhandlung stirbt – was vielen Kunden leider nicht bewusst ist. Originalzitat: „Was, der Potter kostet hier auch nur …? Da hätte ich das schwere Buch ja nicht aus der Stadt vom Thalia herschleppen müssen.“
Die Geschichte von Aldi, Lidl und Edeka lehrt uns, dass der Kunde wankelmütig ist, und dass kleine Händler stark sein müssen, wenn sie überleben wollen. Aber auch stark sein können – wenn sie gemeinsam am Markt agieren. So wie die eBuch das mit Anabel versucht.
Brigitta Lange Bernd Braunbarth
eBuch e.G., Schwabach eBuch e.G.3