Studierende der Illustrationskunst an der FH Mainz haben Glück: Dort gibt es einen Professor, der sich engagiert um ihre Ausbildung kümmert – ohne Berührungsängste zwischen Theorie und Praxis. Professor Albrecht Rissler bildet im Fachbereich Illustration den Nachwuchs aus.

Diese Arbeit brachte bislang manchem Verlag tolle Talente, engagierten Studenten schneller als üblich einen Buchvertrag sowie renommierte Auszeichnungen – und der FH Mainz einen guten Ruf bei Verlagen ein. Einer der bekanntesten Diplomanden ist sicher Philip Waechter [mehr…], dessen Titel „Ich“ (Beltz & Gelberg) zuletzt von der Stiftung Buchkunst zu den schönsten Büchern des Jahres 2004 gekürt wurde.
Zu den mehrfach ausgezeichneten Mainzer Absolventen gehört auch Anke Faust: Das von ihr illustrierte Buch „Ein Schaf fürs Leben“ (nach dem Text von Maritgen Matter), erschienen bei Oetinger, erhielt 2004 den Deutschen Jugendliteraturpreis.
Für die Büchergilde Gutenberg übernahm die FH Mainz nach Hamburg, Leipzig und Luzern als vierte Hochschule die Ausrichtung des Büchergilde-Gestalterpreises. Eine Gruppe Studierender illustrierte 2004 einen ausgewählten Text, der prämierte Entwurf

wird im Büchergilde-Programm veröffentlicht. Die Auswahl, welche studentische Illustration Stanislaw Lems Erzählung „Der Schnupfen“ im Frühjahr 2006 zieren wird, fiel nicht leicht. Zuletzt machte Mandy Schlundt das Rennen, deren Arbeit mit dem Büchergilde-Gestalterpreis 2006 ausgezeichnet wird.
Das Bilderbuch „Anders ist auch schön“, eine FH Mainz-Diplomarbeit der Illustratorin Barbara Junge, wurde 2003 umgehend vom Carlsen Verlag eingekauft und 2005 von der Stiftung Buchkunst mit dem ersten Preis ausgezeichnet.
Professor Rissler sucht die Zusammenarbeit und bietet interessierten Verlagen gern an, seine Studenten in einem Semesterprojekt oder als Abschlussarbeit Texte illustrieren zu lassen, die der jeweilige Verlag vorschlägt. Der das Projekt betreuende Lektor oder Hersteller des Verlags kann in regelmäßigen Abständen den FH-Kurs besuchen und in Zusammenarbeit mit Albrecht Rissler Hilfestellung bei der Illustrationsarbeit geben. Die Figuren werden gemeinsam entwickelt, Bildaufteilung und Skizzen diskutiert, Techniken und Farbauswahl kritisch beurteilt.

Im Baumhaus Verlag erscheint in diesem Herbst das Bilderbuch „Gute Nacht, Nina-Schatz!“ von Jennifer Pfeffer, die die Bebilderung des Textes von Ursel Scheffler zum Thema ihrer Diplomarbeit machte. Vergangenen Herbst brachte Baumhaus das Bilderbuch „Die Weihnachtskatze“ heraus, die Illustratorin Annika Maier ist ebenfalls Absolventin der FH Mainz. Eine weitere Diplomarbeit aus dem Risslerschen Betreuungsfundus reüssiert im Frühjahr 2006 beim Ravensburger Buchverlag: „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ von Bettina Nutz entstand unter der akribischen, hilfreichen Betreuung des FH-Professors.
Doch nicht jeder Student hat das Glück, noch während der Ausbildung oder mit seiner Abschlussarbeit von einem Verlag unter Vertrag genommen zu werden. Daher entwickelten die Studierenden in diesem Semester unter Lektoren-Anleitung eine Präsentationsmappe mit Arbeitsproben. Fragestellung für Kinderbuch-Verlage: Was will der Lektor von jungen Talenten sehen, um deren Eignung fürs eigene Buchprogramm beurteilen zu können?

Sicher gibt es unterschiedliche Ansätze, manche Verleger und Lektoren wollen lieber ein komplettes Buch vorgelegt bekommen, doch folgende Szenen helfen häufig bei einer Vorstellung auf der Buchmesse oder per Post in den Verlag: Kinder in verschiedenen Altersstufen, unterschiedliche Tiere, Hintergründe (Landschaften/Natur, Stadt, Häuser, Zimmer).
Dies möglichst in verschiedenen Techniken (Aquarell, Acryl, Kreide, Buntstift, Bleistift, Tusche, diverse Mischtechniken), gern gesehen mit deutlichen Konturen. Auch kleine Bildfolgen mit einer Lieblingsfigur eignen sich gut, um darzustellen, wie man eine Figur unterschiedlich auftreten lässt, und mit ihr ein Storyboard entwickelt, das beweist, dass man ein ganzes Buch in einem bestimmten Stil durchhalten kann.
Schließlich legte der Kurs los! Erst wurden Kinder in unterschiedlichen Altersgruppen gezeichnet, Professor Rissler empfahl seinen Studenten immer wieder, Kinder zu beobachten, in den Kindergarten zu gehen oder in der U-Bahn zu zeichnen – überall dort, wo die kleinen Modelle zu finden sind. Notfalls müssen eben die Fotos aus Katalogen für Kinderbekleidung als „Modell“ herhalten.

Gar nicht so einfach: Wodurch wirkt ein Säugling wirklich wie ein Baby – und der Kopf nicht wie der eines Erwachsenen auf einem Kinderkörper? Die Studenten übten sich in Kindchenschemata, zogen Augen, Nasen und Münder näher zusammen, arbeiteten die hohe Stirn von Säuglingen heraus – um sich dann wenig später auf Grundschulkinder einzuschießen und von diesen wiederum Teenager mit längeren Armen und Beinen zu unterscheiden.
Fleißig wurden Kinder-Frisuren erforscht, zu breite Hinterköpfe vorsichtig realistischer angelegt, aktuelle Kindermode studiert und immer wieder von Albrecht Rissler kritisch begutachtet.
Gelegentlich liegen auch Märchen im Trend, daher erblickten zahlreiche Rotkäppchen, mal modern, mal klassisch, mal frech oder lieb, Sterntaler, Aschenputtel, Wölfe und Geißlein bis hin zum Kleinen Muck das Licht der FH-Welt.
Eine beachtliche Entwicklung machte beispielsweise Birgit Alt durch, die nach kürzester Zeit und mit Computereinsatz eine wunderbare Sterntaler-Szene entwarf, in Acryl fröhliche Tapetendesigns und Möbel zauberte und mit frechem Strich originelle Charaktere entwickelte.
Das Zeichentalent Mandy Schlundt www.mandysbilder.de begeisterte mit pfiffigen Rotkäppchen in zig Tusche-Variationen, einem beeindruckenden Wolf und außerordentlich sicherem Strich.

Ebenso Wolf Schröder, der mit subtilem Witz in seinen Illustrationen derzeit eher in Richtung Geschenkbuchillustration geht. Schröders „Dicker Mann am Meer“ (nach einem Text von Christa Kempter), der kleine König oder Bruno zeigen die Palette seines Könnens: Vom Bleistift über Tusche bis zu Aquarell und Acryl, in den unterschiedlichsten Techniken gelingt es dem Studenten sicher und pointiert sein Sujet zu charakterisieren.
Carsten Immel setzte gegen Ende des Kurses auf Illustrationen, die am Computer bearbeitet werden und derzeit eher in die Comicrichtung gehen.
Fariba Gholizadeh legte den Schwerpunkt aufs Bilder- und Kinderbuch und ließ ihr pfiffiges Rotkäppchen dem Wolf in verschiedenen Szenen und Techniken begegnen. Am überzeugendsten war die Variante in Acryl mit Kreide, doch die junge Illustratorin beherrscht auch wunderschöne Naturzeichnungen mit Öl-Pastellkreiden und überzeugt mit frechen Katzen auf den Dächern persischer Städte.

Lena Weissweiler experimentierte mit Acryltechnik und Buntstift. Ihre Bildfolge zu „Der Wolf und die sieben Geißlein“ könnte als illustriertes Märchen im Bilderbuch überzeugen. Besonders ansprechend sind auch Weissweilers fantastische Viechereien, die ein Tipp für den Peter Hammer Verlag sein könnten.
Elke Broska hingegen zeichnete akribisch Mädchen und Jungen verschiedenen Alters, Tiere und Landschaften. Ihr detailreicher Illustrationsstil könnte sich in Richtung Erstleserbereich entwickeln.

Regina Thaumiller kämpfte anfangs mit Kopfformen, um später Kinder farbenfroh und fröhlich kopfüber an der Teppichstange balancieren und eine ganze Meute Mädels, mit blauer Feder gezeichnet, um einen rot konturierten Knaben herumwuseln zu lassen. Ihre Idee, Zeichnungen im Postkarten-Format für die Präsentation auf der Buchmesse zu konzipieren, kam bei allen gut an.
Ebenso praktisch, da handlich und aussagekräftig auf kleinstem Format: Wolf Schröders schmales Booklet mit Arbeitsproben, das sich auch gut verschicken lässt.
Noch werden nicht alle aus dem Kurs auf der nächsten Buchmesse ihr Glück versuchen und Arbeitsproben präsentieren, aber die Auseinandersetzung mit den Erwartungen und Anforderungen einen Verlags war für alle sicher von Vorteil. Über mehrfach ausgesprochenen Dank und die Tatsache, manchem Talent sinnvolle Tipps mit auf den Weg gegeben zu haben, freute sich
Gabi Strobel
Kontakt: Professor Albrecht Rissler, FH Mainz, risslerart@yahoo.com