Gute Bilderbücher können vieles: Sie bieten einen ersten Einstieg in die Welt der Bücher, sind die erste Berührung mit der Kunst, bieten Spielideen, schaffen Geborgenheit beim Vorlesen, schärfen die Sinne, regen die Fantasie an und sind, wenn die Typographie stimmt, erstklassige Erstlesebücher. Sie machen Kindern wie Erwachsenen Spaß. Wenn gute Bilderbücher so viel können – warum kann man sie dann immer schwerer verkaufen?
Es ist ein Dilemma, das in den letzten Jahren immer vehementer beklagt wird. Unterhält man sich auf der wichtigsten internationalen Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna mit den Verlegern, muss man nur kurz und beiläufig „Bilderbuch?“ sagen und kann noch in der selben Sekunde gequälte Gesichter fotografieren – jedenfalls bei einer Mehrheit. Und befragt man Buchhändlerinnen, so ist auch unter den engagiertesten ein gewisses Seufzen nicht zu überhören.
Die Anfang August durchgeführte Umfrage über das BuchMarkt-Panel in Kooperation mit Innofact download(JZBilderbuch.pdf) ergab, dass 32,5 Prozent der 77 befragten Buchhändler mit dem Bereich Pappe und Bilderbuch zwischen ein und zwei Prozent vom Gesamtumsatz erwirtschaften, weitere 33,8 Prozent erreichen zwischen drei und fünf Prozent.
Allerdings – und hier lassen sich Ursache und Konsequenz schwer voneinander differenzieren – geben 46,8 Prozent der Befragten dem Bilderbuch auch nur eine Fläche von ein bis fünf Prozent der Gesamtladenfläche. Diese wiederum wird mit reichlich Ware bestückt, auch wenn 58,4 Prozent der Buchhändler im Gegensatz zu den vergangenen Jahren weniger Titel einkaufen.
„Das Bilderbuch tut sich gigantisch schwer“, bestätigt Ulrike Boesneck-Voigt, Inhaberin der Kinderbuchhandlung Eselsohr in Frankfurt/Main. „Wenn wir nicht regelmäßig Kindergärten zu uns einladen, Weiterbildungsabende für Erzieherinnen machen und einfach sehr viel Zeit in die Beratung stecken würden, wäre es noch schwieriger.“
Es stimmt, im Moment muss man viel tun fürs Bilderbuch, trotz oder gerade wegen PISA. Die Studie, die deutsche Schüler schlecht aussehen ließ, scheint eher dazu zu führen, dass Eltern von der Pappe nahtlos zum Lernheft für ihr Kind übergehen, anstatt die Chancen zu nutzen, die Bilderbücher bieten. Beratung tut also Not.
Doch wenn die Verkaufszahlen nachlassen, schwinden oftmals nicht nur die Regalmeter, sondern auch die Motivation, sich zu engagieren. Zumal in Zeiten, in denen vielerorts Personal eingespart wird, die Leistungsgrenzen eben auch eher erreicht sind. Aber hat nicht gerade hier das Bilderbuch einen eigentlich unschlagbaren Vorteil? Welches Produkt in einer Buchhandlung lässt sich – fern eines schwierigen Daseins in Schütten und Regalen – wirkungsvoller, vielfältiger und noch dazu in unterschiedlichsten Abteilungen in Szene setzen? Im Idealfall so effektiv, dass sich das Produkt anschließend fast von alleine verkauft?
Dabei ist nicht immer aufwändiges Dekomaterial vonnöten, das teilweise von Verlagen in Aktionspaketen mitgeliefert wird. Gerade dieses ist nicht selten recht beliebig, denn es muss auf möglichst viele Titel des Programms passen und verschenkt damit den Trumpf der Originalität. Eine einfache, persönliche Idee kann da mehr erreichen.
Ein Beispiel gelang vor zwei Jahren der Buchhandlung Literatur bei Moths in München. Die Inhaberin Regina Moths hatte das Pappmaché-Buffet der Künstlerin Marei Schweitzer ins Fenster gestellt, das als Vorlage für das Bajazzo-Bilderbuch „Notizen vom Käptn’s Dinner“ gedient hatte. Und das Buch dazu gelegt, von dem dann einige Partien über den Ladentisch gingen. Wer es warum für wen kaufte, ist schwer zu sagen. Aber es wurde verkauft, obwohl man die mit Kugelschreiber gemalte Geschichte ohne Worte eher als „schwierigen“ Titel einordnen könnte.
Maßgeblich für solch individuelle Aktionen ist zumeist der direkte Draht zum Verlag. Und hier gibt es möglicherweise noch einigen Nachholbedarf. Dass gerade in den Lektoraten, die oft über Monate mit den Künstlern an ihren Bilderbüchern arbeiten, noch ungenutztes Potential schlummert, zeigt eine BuchMarkt-Umfrage: „Wie würden Sie Ihre Bücher verkaufen?“, haben wir die Macher gefragt – die Antworten ergeben einen reichhaltigen Schatz an Ideen vom Zahnbürsten-Mobilé über Mützen bis hin zur rosa Schaukel.
Es sind Ideen, die aus Bildern entstehen, und jene Bilder wiederum entstehen unter immer schärferen Bedingungen. Der Illustratoren-Nachwuchs wird – im Gegensatz zu vergangenen Zeiten – heute sehr viel früher auf einen „Markt“ vorbereitet (s.a. unser Beitrag zum Illustratoren-Fachbereich in der Mainzer FH [mehr…]). Das ist unerlässlich für die wirtschaftliche Zukunft eines Künstlers, kann im schlimmsten Fall aber auch Kreativität mindern, die – eben nicht gewünschte – Experimente und Innovationen hervorbringen könnte und die Bücherlandschaft auflockern würde.
„Sie sind alle furchtbar vorsichtig geworden“, bestätigt ein Marktbeobachter, und wer sollte es Verlegern, Lektoren, Künstlern oder Buchhändlern verdenken. Nur – den großen Clou darf man aus einer Hab-Acht-Stellung heraus auch nicht erwarten. Wenn die Programme aber immer austauschbarer werden, weil der angesagte Künstler Y in x Programmen auftaucht und der Illustratorennachwuchs auf eben diese Linie von Künstler Y getrimmt wird,
kann sich keiner wundern, dass die Bestellzahlen aus dem Sortiment nachlassen.
Ein Debüt eines Illustrators im Bilderbuch muss heute auf Anhieb funktionieren, sonst hat er kaum eine zweite Chance, bestätigen zahlreiche Lektoren. Aber bilderbuchmüde sind sie deshalb noch lange nicht, die Illustratoren. Ob in Ateliergemeinschaften wie dem Hamburger Dachwerk (siehe der Beitrag „Unter dem Dach der Fantasie“ [mehr…]) oder auf dem Weg nach Fernost (siehe unser Beitrag „Bilder reisen nach Korea“ [mehr…]). Und wie handfest, alltagsnah und problemlösend die Themen sein können, die dabei erarbeitet werden, zeigt ein Blick auf das „Geschäft mit dem Geschäft“ [mehr…].
Keine Frage – ebenso wie im Handel besteht in den Verlagen erhöhter Handlungsbedarf in Sachen Bilderbuch. Die Befragung von BuchMarkt und Innofact zeigt, dass zusätzlich zu den geringer werdenden Bestellzahlen 26,3 Prozent der 80 Teilnehmer am Verlags-Panel mit einer im Vergleich zu den Vorjahren gestiegenen Remissionsquote zu schaffen haben, nur 18,8 Prozent jedoch haben ihre Titelzahl verringert.
Dass dies in Addition eigentlich nur zu weiteren Mengen von Ramsch führen kann, liegt auf der Hand. Und das reichhaltige Ramschangebot mit zum Teil sehr guten Titeln macht es Buchhändlern wiederum schwer, Kunden den Wert eines Bilderbuchs mit gebundenem Ladenpreis zu vermitteln.
Trotz dieser angespannten Lage meint Marianne Wasserburger, Inhaberin der Buchhandlung Mäx + Moritz in Baden-Baden: „Wir sollten endlich aufhören, ständig den Preis eines Bilderbuchs zu rechtfertigen. Und statt dessen dafür sorgen, dass die richtigen Kinder die richtigen Bücher bekommen.“ Eine ihrer Ideen zum wirkungsvollen Auftritt der Gattung Bilderbuch: „Ich würde gern eine große bunte Büchertasche fürs Bilderbuch etablieren.“ Eine Tasche, mit der Vorleserinnen und Vorleser in die Kindergärten gehen und die den Kindern signalisiert: „Heute ist Bilderbuchtag“. Die Bilderbücher also zum Teil des Alltags macht.
Die Kompetenz, die richtigen Bücher zu empfehlen und zu verkaufen, lässt sich zum einen durch die praktische Arbeit, in komprimierter Form jedoch nur durch Weiterbildung erwerben. Der Bedarf ist erkannt: 44,2 Prozent der von BuchMarkt und Innofact befragten Buchhändler wären dankbar für einen Leitfaden zum Bilderbuchverkauf, 40,3 Prozent haben Bedarf an Seminaren.
Sicher, vielerorts ist für Fortbildungen im Moment weder die Zeit noch das Geld da, aber auch hier beißt sich die Katze erneut in den Schwanz. Die Seminare, die Gabriele Hoffmann, Inhaberin der Kinderbuchhandlung Leanders Leseladen www.leandersleseladen.de, www.leseleben.de in Heidelberg durchführt, werden im Übrigen teilweise durch unterstützende Verlage refinanziert (Informationen gibt es unter der Telefonnummer 06221/28822). Solche Termine sind eine Chance, in jeder Hinsicht aus dem Alltagstrott, der einen so oft gefangen nimmt, auszubrechen, neue Ansätze zu finden und sich mit Kolleginnen auszutauschen.
So manche der bisherigen Teilnehmerinnen hat anschließend gründlich die eigene Einkaufspolitik überdacht. In Zeiten der Überproduktion ist nicht nur Gabriele Hoffmann eine absolute Verfechterin von Schwerpunkttiteln. Was ihr überflüssig erscheint, wird konsequent weggelassen. Und nur, was man zuvor in Ruhe geprüft hat, wird bestellt.
Auch hier scheint es noch Verbesserungsbedarf in der Zusammenarbeit von herstellendem und verbreitendem Buchhandel zu geben, denn viele Buchhändlerinnen bemängeln, dass der Vertreter – über ihn läuft der Großteil der Bestellungen im Bilderbuch, zeigt das BuchMarkt-Expertenpanel – oftmals lediglich Teile eines Bilderbuchs zeigen könne. Die Situation des Vertretergesprächs lasse ohnehin keine gründliche Analyse zu. Verständlich: 80,5 Prozent der Buchhändler wünschen sich Ansichtsexemplare. Auch verständlich: Die Antwort der Verlage, dass dies zu teuer sei.
Vielleicht aber lassen sich im elektronischen Zeitalter auch neue Wege beschreiten? Immerhin 22,1 Prozent der Befragten könnten sich mit dem Gedanken anfreunden, vorab Bilderbücher in Form von pdfs zu sichten, bei den Filialisten mit bis zu 20 Filialen sind es immerhin schon 33,3 Prozent. Diese Form kommt im Übrigen bei der Zusammenarbeit mit der Presse immer häufiger vor und erscheint, zumindest auf den ersten Blick, recht ökonomisch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.
Weniger Titel, und diese dafür mit umso mehr Engagement an die Kunden bringen – das scheint ein Konzept, das sich immer mehr Buchhändlerinnen zu Eigen machen, die dem Bilderbuch nicht abschwören möchten. An Ideen für unterstützende Aktionen mangelt es auch nicht:
Birgit Nerenberg, Inhaberin der Buchhandlung Sternschnuppe in Hannover beispielsweise, hat kürzlich ein literarisches Kindergartenquartett im Laden gehabt. Die Vier- bis Fünfjährigen stellten ihr Lieblingsbilderbuch vor – auch eine gute Gelegenheit, die Bedürfnisse derjenigen zu erkunden, die das Bilderbuch eigentlich erreichen soll. „Das große Thema bei dieser gelungenen Premiere waren Brillen“, berichtet Birgit Nerenberg.
Die Buchhandlung Gondrom in Ulm begrüßte in Kooperation mit der Katholischen Fachschule für Sozialpädagogik gar 3.000 Besucher zu den zum achten Mal durchgeführten Ulmer Bilderbuchtagen – mit Spiel- und Bastelangebot rund um eine große Bilderbuchausstellung.
Oder das Bilderbuchkino: Es ist immer noch eine der einfachsten Arten, zahlreiche Kinder auf einmal in eine Geschichte mitzunehmen, und es lässt sich auch auf begrenztem Raum umsetzen. Dazu muss man die Bücher nicht mühsam abfotografieren – es gibt Anbieter wie die gemeinnützige GmbH Matthias Film in Stuttgart, die Komplettpakete aus den Reproduktionen der Bilderbuchseiten in Form von Dias, einem methodischen Begleitheft sowie dem Originalbuch anbieten. Informationen dazu gibt es unter www.bilderbuchkino.de.
Es bleibt dabei: An kaum einer anderen Stelle des Sortiments haben Buchhändler auf so engem Raum so viele Geschichten und Bilder auf Lager, die sich noch dazu in so kurzer Zeit erfassen lassen. Kaum ein Produkt lässt so viele Möglichkeiten zu in Präsentation und Verkauf. Diese Besonderheit weniger als Schwierigkeit denn als Chance zu begreifen, könnte sich wirtschaftlich lohnen.
Mehr Mut, diese Schätze selbstbewusster zu präsentieren, wünscht sich auch Brigitte Sidjanski, die als Gründerin des Nord-Süd Verlags das Bilderbuchgeschäft seit über 40 Jahren beobachtet und mitgestaltet hat. Das Gespräch mit ihr (siehe der Beitrag „Mehr Mut zum Bilderbuch“ [mehr…]) zeigt, dass viele der momentanen Tendenzen nicht wirklich neu sind, allenfalls besonders festgefahren scheinen.
Was Bilderbücher alles vermögen, ist auch Inhalt eines Flyers für Endkunden, der von der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen mit Unterstützung des Börsenblatts und des BuchMarkts entwickelt wurde (zu den Hintergründen siehe der Beitrag „Bilder fürs Bilderbuch“ [mehr…]). Die Illustrationen von Philip Waechter, grafisch umgesetzt von Moni Port, machen Lust auf ein besonderes Produkt.
Sie bleiben faszinierend, die Bilderbücher. Und was fasziniert, kann auch Umsatz machen.
Susanna Wengeler