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Thomas Böhm: Zur Hässlichkeit der Buchmenschen

Worin unterscheidet sich die Buchmesse von anderen Betriebsfesten? Sicher nicht durch eine größere Attraktivität der Betreiber und Betriebenen. Nachdem Thomas Böhm in der letzten Woche dem Einschlafen in Lesungen seine guten Seiten abgewann, läßt er dieses Mal einen Traum platzen.

Stimmt doch. Oder kennen Sie einen wirklich attraktiven Kritiker, eine atemberaubend schöne Autorin oder einen gutaussehenden Buchhändler? Die paar Ausnahmen, die Ihnen und mir nach langem Grübeln einfallen, lassen die anderen noch viel schlechter aussehen.

Bevor ich aber weitere Schönheitspflastersteine werfe, sei nur kurz gesagt: der Verfasser verfügt über alle Attribute, die in Kontaktanzeigen üblicherweise als Ausschlußkriterien genannt werden. Aber wir Buchmenschen legen ja keinen Wert auf Äußerlichkeiten, füllen unser Leben mit inneren, mit kulturellen Werten. Was uns in der Antike niemand abgenommen hätte, dort galt nur als schön, wer zum wohlgeformten Geist den entsprechenden Körper pflegte.

Mit Bedauern sehe ich stets die Autoren, die auf den Klappenfotos so irritiert wirken wie Wesen, die aus ihrer Höhle an die Sonne gezogen wurden. Ich bin übrigens nicht der erste, dem die Augen aufgehen über die Bucklig- und Tageslichtuntauglichkeit der Buchmenschen. Am schärfsten formuliert es wohl Jürgen Mantheys Aphorismus: „Die Literatur – eine Behindertenolympiade?“ So weit würde ich bei allem Spaß am Politisch-Unkorrekten nicht gehen. Bezeichnender finde ich eine Anekdote des englischen Schriftstellers Julian Barnes, wonach die Taxifahrer in Frankfurt die Buchmesse hassen. Bei allen anderen Messen haben sie, so Barnes, viel damit zu tun, die Messegäste wenn nicht ins Bahnhofsviertel, so doch ins Frankfurter Nachleben zu chauffieren.

Bei der Buchmesse sei das nicht so. Die Leseratten und Bücherwürmer bleiben in ihren Hotels und vergnügten sich miteinander.

Naja, Rougeschwämmchen drüber. Wenn wir hässlichen Buchentlein schon nicht gut, müßten wir dann nicht wenigstens interessant aussehen? Dank unserer vom beständigen intensiven, d.h. mitleidenden Lesen trainierten Gesichtzüge? Leider ist auch das keine Schönheitskur. Weil wir uns einerseits von Berufswegen immer in und übers Feuilleton streiten müssen, anderseits durch beständiges Lesen mehr und Besseres von der Welt wissen als die meisten anderen Menschen, haben unsere Mienen einen Zug zum Entstellten und Entgleisten. Den wenigsten Buchmenschen macht das jedoch etwas aus, sind sie sowieso nur von ihresgleichen umgeben, Stichwort: Buchmesseninzucht.

Aber die Sache hat einen wirklichen Pferdefuß. Nach einer der ältesten und bis heute gebräuchlichen Metaphern ist die Literatur der „Spiegel der Gesellschaft“. Warum aber hat sich die Gesellschaft so wenig zum Guten verändert, wenn die Literatur der Welt seit Jahrhunderten den Spiegel vorhält? Offensichtlich fühlen sich die Reichen, Schönen und Mächtigen von ihren literarischen Abbildern nicht belästigt. Auf die Frage: „Büchlein, Büchlein in der Hand, wer besitzt Schönheit, Reichtum, Macht über das ganze Land?“ kommt stets die richtige Antwort aus dem literarischen Spiegel. Und sollte dies einmal nicht der Fall sein, wird einfach in die Visagen von uns Spiegelhaltern geschaut und befunden: „Ihr Buchmenschen könnt froh sein, daß Papier nicht reflektiert.“

Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.

Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de

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