Nachdem Thomas Böhm den Geräuschpegel der Buchmesse mit einigen Zeilen über die „Häßlichkeit der Buchmenschen“ zu übertönen versuchte, ändert er in dieser Woche die Lautstärke er widmet sich einem vertrauten aber vernachlässigten Klang.
Weil sich niemand mehr traut, mir Bücher zu schenken, bekomme ich nur noch „aparte“ Präsente, wie neulich jene CD, auf der Geräusche sind, die ein Mitbewohner verursachen würde. Deren Idee: Singles legen diese CD ein und haben das Gefühl, nicht mehr allein in der Wohnung zu sein. Ich mußte gleich an den französischen Philosophen Pascal denken, der meinte, der Mensch könne Stille nicht aushalten, weil sie ihn an den Tod erinnere.
Das mir spontan angenehmste Geräusch des akustischen Mitbewohners war der Track „Leser im Nebenzimmer“. Sie hören richtig: Auf der CD findet sich ein Stück von 7:30 min Länge, auf dem alle 30 Sekunden das Geräusch des Umblätterns zu hören ist. Insgesamt also 15 mal. Ich wurde stutzig. Wie war diese Aufnahme entstanden? Hatte sich jemand mit Stoppuhr in ein Studio gesetzt und im halbminutiösen Rhythmus umgeblättert? Oder wurde das entsprechende Geräusch nur einmal aufgenommen und dann kopiert. Und was genau wurde umgeblättert: Zeitung? Magazin? Oder Buch? Ich begann sogleich mit aufwendigen Versuchsreihen und wußte bald: es war ein Buch, aber das Umblättern war kopiert. Als ich meiner Frau davon erzählte – die inzwischen mißtrauisch beobachtete, wieviel Zeit ich mit einer CD für Singles verbrachte – fragte sie, woran ich das erkannt habe? Wie denn bitteschön das Umblättern eines Buches klingen würde? Ich kam in Verlegenheit. Umblättern klingt wie Umblättern eben. Aber gibt es denn keine bessere Beschreibung, keinen poetischen Vergleich. Neue akustische Versuchsreihen begannen. Hier die vorläufigen Ergebnisse: „Umblättern“ klingt wie das Geräusch, das trockenes Laub macht, wenn man darauftritt. Wie nasser Schnee, wenn er vom Dach rutscht. Wie der Flügelschlag von Tauben, allerdings dürfen sie dabei nicht gurren. Wie ein ganzes schnelles Trippeln von Mäusen.
Wenn Sie dies nicht überzeugend finden, vergleichen Sie doch selbst mal; nehmen Sie eine Buchseite zwischen die Finger, blättern Sie – und denken sie daran, daß wenigstens einmal in der Literaturgeschichte jemand – der Urheber der CD für todesstillefürchtende Singles – mit diesem Geräusch Geld verdient hat. Womit wir von der hohen Idee Pascals zu den niedrigsten Trieben des Menschen gekommen wären. Und schon scheint ein neues Potential der CD auf – ein Kriminelles. Sie ließe sich zum Beispiel einlegen, um sich ein Alibi zu verschaffen. Ein belesener Kommissar würde es mit folgender Falle auffliegen lassen. „Sie haben also gelesen, während die Nachbarin ermordet wurde. Wenn Sie so regelmäßig umgeblättert haben, daß Ihre Frau das mitbekommen hat, müssen Sie ja ganz schön in das Buch vertieft gewesen sein. Um nicht zu sagen: Sie waren abwesend.“ Der Mörder glaubt sich erkannt, hält den Atem an, gesteht, vom Blättern überführt.
Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.
Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de
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