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Thomas Böhm: Über Kolumnisten

Ganz langsam füllt sich das Archiv der Kolumne von Thomas Böhm. Ungleich schneller füllen sich die Regale derer, die zu den wöchentlichen Lieferungen der Bucheditionen der Zeitungen und Zeitschriften greifen. Zeit für Thomas Böhm, sich darüber Gedanken zu machen.

Es kommt der Tag im Leben eines jeden Kolumnisten, wo ihm keine Idee kommen will. Dann hilft nur eines: über das Kolumnenschreiben schreiben. Um diese so erhellende wie redundante Tätigkeit nicht einer einfallslosen Stunde zu überlassen, stelle ich mir gleich jetzt die großen Fragen: Wo kommen wir her, wir Kolumnisten? Was ist der Sinn? Und vor allem: Ist es schon zu spät, noch etwas zum Schillerjahr zu schreiben?

Manches davon läßt sich leicht beantworten. Kolumnisten sind diejenigen, die etwas neben wohlgeordneten Zahlen- und Buchstabenblöcke schreiben, die nach der lat. columna, der Säule, benannt sind. Im Mittelalter z.B. schrieben die Mönche beim klösterlichen Kopieren der Bibel Kommentare und Deutungen neben den eigentlichen Text. Mit dem Aufkommen des Zeitungswesens im 17. Jahrhundert herrschte bald ein großer Bedarf an Deutung und Kommentar zu den großen Blöcken des Tagesgeschehens: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. Und so wurden – bevorzugt ganz außen auf der Zeitungsseite oder ganz hinten –, Plätze geschaffen, an denen die Kolumnisten Gelassenheit zeigen im Angesicht der stets schlechten Nachrichten, Spalten, in den besser gewußt und quergedacht wird. Berufsgenossen des Kolumnisten sind somit der Zyniker, den Ambrose Bierce in seinem „Wörterbuch des Teufels“ definiert als „Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung die Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten.“ Und der Prophet, laut Bierce ein „Künstler, der seine Glaubwürdigkeit jetzt verkauft und später liefert.“

Gelingt es dem Kolumnisten, dem Zeitgeist eine Kopfnuß zu verpassen, ein Bonmot oder einen neuen Gedanken anzubringen, zelebriert er dies wie eine große Entdeckung. Indien ist seins.

So ist eigene Kolumne unter Schreibenden das begehrteste aller Territorien, läßt es sich doch problemlos mit Gardinenpredigten, Nachschlagen in Fachbüchern und Zitatsammlungen, Netzbeschmutzungen beherrschen. Und weil man den Kolumnisten Originalität unterstellt, erhalten sie nicht das übliche Zeilenhonorar, sondern werden gut bezahlt. Daß die meisten Kolumnen über den Tag hinaus ihr Geld nicht wert sind, zeigt sich immer dann, wenn die kleine Stücke in mittleren Büchern gesammelt werden, bei deren Lektüre sich größtmögliche Langeweile einstellt. Denn das Ei des Kolumnisten überlebt nur als Gegacker.

Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.

Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de

Um im Archiv alle Folgen dieser Kolumne aufzurufen, geben Sie als Suchwort bitte „boehmkolumne“ ein.

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