Will man Günter Jauchs Ratequiz zum Maßstab nehmen, scheint die literarische Unbildung der Deutschen besonders ausgeprägt zu sein. Egal, ob Dostojewski oder Christa Wolf, das Rat(e)volk ist fast immer gleich ratlos. Heute in der WELT eine neue „Episode“ in der Parade der fortgesetzten Unbildung:
Montag, RTL, „Wer wird Millionär?“ Stefan M., Assistent der Geschäftsführung eines Berliner Krankenhauses, wird an diesem Abend leider keiner. Er scheitert, mit Unterstützung des Studiopublikums, an der 16 000-Euro-Frage. Die lautet: „Der einzige Roman von Rainer Maria Rilke trägt den Titel „Die Aufzeichnungen des…“?“
A: Clowns
B: Felix Krull
C: jungen Werthers (sic!)
D: Malte Laurids Brigge
Kandidat Stefan M., der einräumt, die Lösung nicht zu kennen, ist so klug, das Ausschlussverfahren zu wählen. Dieser Weg scheint zunächst Erfolg zu verheißen. Den Clown ordnet er – irgendwie – dem Böll zu, den Krull – eher – einem von den Gebrüdern Mann, den Werther – wohl – dem Goethe. Bliebe – eigentlich – nur der Rilke für den Brigge übrig. Ausgerechnet diese logisch zwingende Option aber, die er doch eben noch schlüssig hergeleitet hat, erscheint M. nun überhaupt nicht einsichtig. Darum – credo, quia absurdum – wählt er den Publikumsjoker – und damit sein intellektuelles und finanzielles Verderben. Denn das Studiopublikum entscheidet sich zu 57 Prozent für Antwort B, Felix Krull; mit großem Abstand (18 Prozent) folgt Antwort D. M. schließt sich dem Publikumsvotum an. Und fällt auf 500 Euro zurück.
Postskriptum I: Böll: „Ansichten eines Clowns“ (1963), Thomas Mann: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1922/1954), Goethe: „Die Leiden des jungen Werther“ (1774), Rilke: „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (1910).
Postskriptum II: „Ist es möglich“, räsoniert Malte Laurids Brigge in einer besonders schönen Passage a.a.O., „dass man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es möglich, dass man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und dass man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot isst und einen Apfel?“
Ja, es ist möglich.