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Thomas Böhm über anrufende Bücher

Sich füllende Regale waren letzte Wochen das Thema von Thomas Böhm, heute geht es etwas kleinteiliger zu: um Handys (und ihre Besitzer). Und um eine Vision unseres Autors, die freilich ziemlich bedenklich ist. Vielleicht sollten wir ihn mal auf dem Handy anrufen dazu…

Der größte Feind des Lesers ist der Handybesitzer. Ist Lesen doch ein Wachtraum und der Handybesitzer ein Erwecker, der mittels Klingeln zunächst mitteilt, daß er so wichtig ist, daß die Welt ihn überall erreichen können muß, um dann anschließend sofort ins Weltgeschehen einzugreifen und Standortbestimmungen abzugeben. „Ich bin grade am Neumarkt… Ja, alles gut gelaufen. Bin gleich da. Tschüß.“

Wenn ich nicht wüßte, wie Handys aussehen und sie mir anhand der Geräusche vorstellen müßte, die sie von sich geben, dann würde ich mir ein tennisballgroßes, struppiges, schwarzzotteliges, gesichtsloses Wesen vorstellen, eine Kreatur ohne Intelligenz, die grade mal in der Lage ist, dümmliche Kurzversionen von Lautfolgen abzusondern.

Die Handybesitzer haben sicher keine so glockenklaren Vorstellungen von den Büchern. Das wäre doch eine schöne Rache, wenn sich das änderte, und die Bücher anfangen würden, zurückzurufen. Die Handybesitzer nehmen den Anruf an, und hören plötzlich eine Stimme, die sie mit einem literarischen Zitat darauf hinweist, wie sehr ein Handyanruf über sein Ziel hinausschießt. Einem Zitat zum Beispiel aus der siebten Duineser Elegie Rainer Maria Rilkes, wo das lyrische Ich eine Liebende aus dem Grab zurückrufen will: „Siehe, da rief ich die Liebende. Aber nicht sie nur / käme… Es kämen aus schwächlichen Gräbern / Mädchen und ständen. Denn, wie beschränk ich, / wie, den gerufenen Ruf?“

Denkbar wäre auch ein literarischer Anschlag auf das Ohr mit einem der „Letzten Gedichte“ Ernst Jandls: „das ans ohr gepreßte ohr / das ans ohr geheftete ohr / das ins ohr gestopfe ohr / das durchs ohr dringende ohr / das aus dem ohr herauskommende ohr / das aus dem ohr fallende ohr / das ohr auf dem boden / das vom ohr zertretene ohr“.

Das Prinzip der bei den Handybesitzern anrufenden Bücher ist: Literarische Verstörung als Antwort auf telefonbedingte Störung. Die Bücher würden natürlich zulasten der Handybesitzer von 0190-Nummern anrufen, damit denen klar wird, was für einen wertvolles Gut die Literatur ist. Und daß man Leser nicht ungestraft stören darf, weil sie sich dann zum Beispiel ausmalen, wie Hans Erich Nossacks Buch über den Untergang Hamburgs im Feuersturm 1943 bei dem Besitzer eines der schwarzzotteligen Wesen anruft, das Wagners Walkürenritt nachpfeift. Der Handybesitzer hört Nossacks Text, ist verstört, denkt, seine Firma wäre abgebrannt, wirft aus Wut und Verzweiflung das Handy fort, genau an den Kopf einer durch das ganze Zugabteil telefonierenden Tante, die, sobald sie aufgelegt hat, einen Anruf aus Dantes „Göttlicher Komödie“ erhalten wird, und zwar direkt aus dem fünften Kreis der Hölle. Doch soweit kommt es nicht. Das aus Verzweiflung fortgeschleuderte Handy trifft sie am Kopf, sie bricht blutüberströmt zusammen, ihre Finger verhaken sich an der Notbremse des in diesem Augenblick mit 300 km/h dahinrasenden ICE, der daraufhin entgleist…

Bevor dieser Alptraum sich fortsetzte, wurde ich geweckt. Von einer Handyversion der Titelmelodie von Dr. Schiwago. Seltsam erschein mir, daß ich über Tolstois „Krieg und Frieden“ eingeschlafen war. Wollte das Handy etwa ein Friedensangebot unterbreiten? Ein Stillhalteabkommen würde mir genügen.

Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.

Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de

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