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Über die Schule des Bücherverleihens: „Kannst Du mir das mal leihen?“

Neues Jahr – neuer Umgang mit Büchern. Wenn der alte nicht manchmal so prägend wäre.

Bei dieser Frage denke ich stets: „Nein.“ Und lasse mir sofort etwas einfallen, wozu ich das Buch, das bis grade unter einer schätzungsweise 6jährigen Staubschicht lag, unmittelbar nach Abzug des Besuchs dringend brauchen werde. Wir leben schließlich nicht mehr in der Antike, in der das Leihen aufgrund der Seltenheit und Kostbarkeit Voraussetzung für das Entstehen der Buchkultur war. Heute bekommt man jedes Buch über das Internet, und wenn nicht, brauche ich keinen in Kalligraphie ausgebildeten Kopisten mehr zu bezahlen; ein schlechtbezahlter Student und eine Maschine mit Einzelblattsortierung nehmen jede Arbeit ab.

Womit ich beim ersten Glied meiner Enttäuschungskette wäre, in den Zeiten des Studiums. Nachdem ich einem Freund das Buch „LSD-Astronauten“ von Philip K. Dick geliehen hatte und in einem Zustand zurückbekam, der darauf schließen ließ, daß das Buch ein Vollbad genommen hatte, was der Entleiher mit den Worten von sich wies, daß Buch habe „schon vorher so ausgesehen“ – nachdem sich diese Urszene zugetragen hatte, beschloß ich, nie wieder ein Buch zu verleihen. Da sich das bei den dann immer häufigeren Besuchen von Kommilitoninnen nicht durchhalten ließ, kaufte ich mir einen Stempel zum Selbstsetzen und stempelte fortan „Thomas Böhm Oberhausen“ in meine Bücher, was ihnen den Anschein verleihen sollte, Teil einer genauestens katalogisierten Privatbibliothek zu sein.

Genutzt hat es wenig, denn ich vergaß das Katalogisieren, schrieb nie auf, wer welches Buch forttrug, geschah dies doch meist in frühen Morgenstunden, wenn Herz und Kopf von schlechtem Wein und guten Gesprächen so voll waren, daß Lebensgeschichten und Begleitlektüren gleich en gros übergeben wurden. Gerne auch mit liebeshändlerischen Absichten, an eben jene schon erwähnten Kommilitoninnen, was das Zurückverlangen in vielerlei Hinsicht schwierig machte. Da Typologien – „Hornbrille, liest also viel und gibt mir die Bücher wohl erst dann zurück, wenn sie sie wirklich gelesen hat, also wohl nie, oder: Lange Haare. Kiffertyp, Achtung: Liest in der Badewanne.“ – nicht weit führten, verfiel ich auf eine andere Taktik: Ich verlieh nur Bücher an Menschen, bei denen ich mir zuerst selbst Bücher ausgeliehen hatte. Prinzip: Faustpfand. Und bei denen, die mir Bücher schuldeten, nahm ich ganz beiläufig Gefangene, und irgendwie kam es dann ganz von selbst zum Rücktausch. Und wenn nicht, machte das auch nichts, ich hatte in einer mir heute unangenehmen Kleinlichkeit eine genau Gewinn- und Verlustrechnung aufgemacht, aus der ich als Gewinnler hervorging.

Heute nehme ich an diesem großen Tauschhandel nicht mehr teil. Was ich haben möchte, kaufe ich mir. Dann kann ich darin unterstreichen, kann Lesezeichen reinlegen und sie drin vergessen, brauche mir einfach über Bücher keine Gedanken mehr zu machen. Sie sind da und das wars.

Und in Büchereien gehe ich sowieso ungern, die Bücher da haben so etwas Schmuddeliges, abgegriffenes, Sie wissen schon was ich meine.

Als ich allerdings neulich in der Zeitung las, daß bei uns wieder drei Stadtteilbibliotheken geschlossen werden, versuchte ich einen Zusammenhang herzustellen zwischen meiner privaten Leihsperre und dem Unmöglichmachen von Buchleihe durch öffentliche Institutionen. Wird da nicht eine wunderbare, alternative Denk- und Erfahrungsart zerstört, die auf einem kleinen, aber ganz wichtigen Unterschied zum alltäglichen kapitalistischen Kaufen und Verkaufen beruht: Alles was man in einer Bibliothek bekommt, ist nur geliehen. Man hat die Verpflichtung, damit gut umzugehen, es zurückzugeben, damit andere es wieder lesen können. Und wenn man ein geliehenes Buch in der Hand hält, dann merkt man, dass es andere schon gelesen haben, daß man eine oder einer in eine Kette ist. So ist jeder Besuch, ist jede Ausleihe eine Einübung in die Verpflichtung der Kultur.

„Kannst Du mir das mal leihen?“ Wenn mir demnächst ein Gast die Frage stellt, werde ich antworten: „Gerne. Aber vergiß nicht, es mir wiederzugeben. Du weißt ja, sonst schließen noch mehr Stadtbibliotheken.“

Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.

Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de

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