Wie viele Bücher haben Sie und wie nutzen Sie sie zum Wohle Ihrer Kinder? Neue Untersuchungen führen in Versuchungen.
Am Anfang von Italo Calvinos Roman „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“, dem postmodernen Buch der Bücher, steht eine Liste von 52 Motiven, aus denen sich ein Leser in einem Buchladen ein Buch kauft. Ich habe lange darüber nachgedacht, welches Motiv in der Liste fehlt; alles zwischen Fehleinkauf, Wunschdenken und wirklichem Lesedrang schien mir aufgezählt, bis ich neulich im Internet las, daß amerikanische Forscher – wer denn sonst? – sammelwütige Menschen untersucht haben und dabei feststellten, daß alle von ihnen eine Verletzung am vorderen Stirnlappen aufwiesen.
Die Übertragung auf den Buchkauf leuchtet sofort ein, denn es hat ja etwas Hirnrissiges, immer und immer neue Bücher zu kaufen, von denen man weiß, daß sie in der verbleibenden Lebenszeit nicht mehr zu bewältigen sind, man sie vielmehr beim nächsten Umzug ob ihrer Gravität verflucht.
Dazu passen die Ergebnisse der jüngsten Bewußtseinsforschung, die bewiesen haben will, daß der Mensch nicht über einen freien Willen verfügt, sondern nur von genetischen Anlagen, Reizen, Reflexen und Defekten außengesteuert wird.
Und so fragt man sich, ob die schlechten Pisaergebnisse daher kommen, daß die Kinder zu selten ein Buch auf den Kopf kriegen – und zwar im wörtlichen Sinne. Ich denke nicht an schwere schwarzpädagogische Geschosse der Abteilung Don Bosco, sondern eher einen leichten Klassiker, der im Bücherregal etwas locker steht, wenn die Kinder darunter spielen. Das Taschenbuch von „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ wiegt knapp 200g, also soviel wie zwei Schneebälle. Sorgen Sie sich nicht, es ist zum besten Ihres Kindes, und kann kaum wehtun. Oder erinnern Sie sich daran, wie ihr Stirnlappen verletzt wurde?
Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.
Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de
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