Still blättert das alte Hutzelmännchen in den Seiten, der Schein einer alten Öllampe beleuchtet flackernd das runzlige Gesicht und die meterhohen Stapel alter Bücher ringsherum. Spinnen weben eifrig ihre Netze zwischen ledernen Büchern, und hier und da spielt ein Luftzug mit den Staubmäusen Fangen. Quietschend öffnet sich die alte Ladentür, und ein Besucher verirrt sich in die dunkle Höhle. Er nähert sich dem alten Mann hinter den Büchern und äußert sein Begehr. Der Antiquar schlurft hinüber zum meterhohen Regal und zieht einen riesigen Band heraus. Staub wirbelt auf, der Kunde hustet kurz und nimmt dann den mit Edelsteinen besetzten Lederband in die Hände, seine Augen leuchten. Einige Zeit vergeht, in der das Buch angeregt begutachtet wird. Schließlich wandert ein Bündel Geldscheine über die Ladentheke und der Herr verlässt den Laden, das Finderglück malt ihm ein Lächeln aufs Gesicht. Das Türglöckchen findet langsam wieder zur Ruhe und Stille kehrt zurück in die kleine dunkle Höhle …
Fließende Grenze zwischen Literatur und Kunst
Ob sich manche Menschen das „Ur-Antiquariat“ wohl so vorstellen? Oder doch eher als eine Art Buchdetektei, immer auf der Fährte nach geheimnisvollen, wertvollen, gar gefährlichen Büchern, so wie ihn Jonny Depp in „Die neun Pforten“ oder Vater und Sohn Sempere in Zafóns „Der Schatten des Windes“ verkörpern? Sicher, das Antiquariatsbusiness bietet Raum für solche Gestalten, doch zeitgemäß sind sie sicher nicht. Die Zukunft hat auch hier nicht halt gemacht und fordert ihren Tribut: Wenngleich so manch Antiquar gern noch seine Kataloge handgeschrieben auf Papier im ZVAB einreichen würde, so ist doch die überwiegende Mehrheit längst auch auf der Datenautobahn des Internets sicher unterwegs und hockt längst nicht mehr (sofern dies überhaupt je der Fall war) nur in einem verstaubten Ladengeschäft.

die richtige Stimmung aufkommen
lässt: Nun gibt es auch alte
Schallplatten auf link( www.zvab.com)
Und auch der Markt erweitert sich stets, was daran liegt, dass viele Medien, viele Titel früher oder später an der Endstation Sehnsucht einlaufen, die auch unter dem Namen „vergriffen“ bekannt ist. So sammeln sich beim Antiquar nicht nur Bücher, sondern alte Medien allgemein. Die Grenze zwischen Literatur und Kunst ist daher im Antiquariat fließend wie sonst nirgendwo. Ob Stiche, Graphiken, Landkarten, jedes Druckwerk, das einen gewissen kulturellen Wert hat oder auch einfach nur gebraucht gut zu verkaufen ist, findet sich im – meist spezialisierten – Antiquariat.
Vom Buch bis zum Vinyl
Daher kann das Angebot durchaus überraschen, wirft man einen Blick ins ZVAB, wo sich die Angebote tausender Antiquare vereinen. Dort finden sich seit kurzem auch eine Auswahl an altem Vinyl in jeder Größe (Single- und Langspiel-, alte Grammophonplatten) und über 11.000 alten Wertpapieren wie Aktien oder Schuldverschreibungen. Ein weiterer Nischenmarkt, sicherlich. Doch der lohnt der Betrachtung und bietet dem Suchenden so manch’ Augenschmaus: Auf einigen der alten Scheine sind wahre Kunstwerke abgedruckt. Der Grund ist einfach: Als das Aktiengeschäft aus diversen Gründen noch ein Spiel der „Oberen 10.000“ war und die Wertpapiere tatsächlich auch real gedruckt und ausgehändigt wurden, engagierte man einstweilen Künstler, die dem wertvollen Schriftstück eine optische Entsprechung verleihen sollten.

Maritimes de Bruges“.
Die Gesellschaft baute den Hafen
der Stadt Brügge mit Verbindungs-
kanal zur Nordsee und betreibt
den Hafen heute noch.
Wert: EUR 265,00,
Quelle: link(www.aktiensammler.de)
So sind – ähnlich wie bei antiquarischen Büchern – die Preisspannen enorm: Seltenheitswert, Alter, Bekanntheitsgrad der Marke und die Gestaltung vom Papier bestimmen den heutigen Sammlerwert der Papiere. Auf www.zvab.com lassen sich Angebote von acht bis 3.000 Euro finden. In Sammlerkreisen werden jedoch durchaus auch schon einmal 122.000 Euro gezahlt, wenn es sich um ein besonderes Exemplar handelt, wie zuletzt bei der Gründeraktie der Deutschen Bank von 1871, die im Dezember 2004 versteigert wurde.
Fazit: Der stöbernde Kunde bekommt durch das Antiquariat vor Ort oder besser noch durch Zusammenschlüsse wie dem ZVAB Anreize für neue Sammelbegierden, sei es Themengebiete oder gleich andere Medien. Und ganz nebenbei wird die enge Vorstellung vom Antiquar als altes Hutzelmännchen inmitten von verstaubten Büchern relativiert. Ein Glück.
SAM
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