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20.06.2007: Martin Hielscher (50)

Martin Hielscher

Martin Hielscher, Leiter des Literaturprogramms bei C.H.Beck, wird heute 50 Jahre alt. Autor Uwe Timm gratuliert ihm zum Geburtstag:

„Er hat mich einmal, es muss im Sommer 1997 gewesen sein, in New York besucht. Er war damals gerade bei Kiepenheuer & Witsch mein Lektor geworden, und wir hatten zusammen an dem Roman „Johannisnacht“ gearbeitet.

Ich schrieb in New York, wo ich für einen Monat ein Apartment gemietet hatte, an einem Drehbuch über Bubi Scholz. Eine amerikanische Freundin hatte uns Karten für einen Boxkampf in der Madison-Hall besorgt, in der ein Weltmeisterschaftskampf im Mittelgewicht stattfinden sollte.

Wir saßen in der Halle ziemlich weit hinten mit Blick auf den Ring, wo alles bereitgestellt war, Wassereimer in den Ecken, Handtücher über den Ringseilen, alles gut ausgeleuchtet. Darüber in vier Richtungen Projektionsflächen, noch war nichts darauf zu sehen. Wir saßen und redeten und dieses Reden ging über Adorno und Max Schmeling, über Bach und Charly Parker, über Richard Ford, dessen Wild Life er gerade übersetzt hatte, über Veronika Ferres und Lou Salome.

Die Zeit verging, und nur hin und wieder fragten wir uns kurz, wann denn nun der Kampf anfing. Aber dann redeten wir weiter über Gott und die Welt, wobei eine solche Wendung sicherlich wieder hätte Gegenstand einer Diskussion werden können, ob, was ich vermute, die Sprachbilder, die ja oft noch aus der Luther-Übersetzung stammen, immer mehr verblassen, immer weniger benutzt werden, zum Teil, weil sie ihre frühere Bedeutung verloren haben, zum Teil weil die Sprache flacher geworden ist, stärker auf Information ausgerichtet ist. Verliert das gesprochene Deutsch an Anschaulichkeit, an Bildhaftigkeit, wie es zum Beispiel im Italienischen seit zwei Jahrzehnten der Fall sein muss?

Aus solchen spontanen Fragen entwickeln sich unsere Gespräche, in denen er assoziativ auf seine profunden literarischen Kenntnisse zurückgreifen kann. Sein Gelesenes ist ihm auf eine bewundernswürdige Weise präsent und lebendig. Und mit einem feinen Spürsinn verfolgt er die Spuren der Sprache. Wobei sich aus seiner Sensibilität für die Sprache auch sein Witz für Wortspiele und Doppeldeutigkeiten speist.

Wir lachen viel und oft zusammen. Ein Lachen, das sich ihm schenkt auch dann noch, wenn er voller Zorn oder Verzweiflung ist, wenn er sich über Ungerechtigkeiten ärgert mit seinem feinen Empfinden für Zurücksetzung und Unaufrichtigkeit, nicht nur was ihn betrifft, sondern vor allem was andere betrifft, Personen oder, und da verrät sich der fanatische Leser, Bücher. Ein heiliger Zorn, wenn ein Buch aus Bosheit und Ressentiment niedergemacht wird. Seine Begeisterungsfähigkeit. Sein Gerechtigkeitssinn.

Martin Hielscher ist, was selten ist, ohne Arg, ohne jede Ranküne, unfähig zu Intrigen und jeder, der ihn kennt, wird es bestätigen – von einer großen, fast selbstzerstörerischen Solidarität und Hilfsbereitschaft. Also jemand, der schenkt, ja, ein Schenkender: sein Wissen, seine Anteilnahme und eben auch das, sein Lachen. Ein Freund und Lektor. Wir saßen weit über eine Stunde im Madison, um uns hatten sich die Reihen gelichtet, die leeren Bier- und Colabecher lagen herum, bis wir – und es lag an uns, an unserer Unterhaltung – merkten, dass der Boxkampf gar nicht hier stattfand, sondern, was um uns herum natürlich alle wussten, es nur eine Übertragung gab.

Die Wassereimer, Handtücher: Schaustücke der Täuschung. Und die Zeit war uns eben nicht lang geworden, sondern vergnüglich kurz. Der Weltmeister hatte sich in Puerto Rico, wo der Kampf stattfand, verspätet. Jetzt tauchte er auf dem Bildschirm auf, wir sahen, wie er sich im Ring ein wenig warm hüpfte, und dann schlug er gleich in der zweiten Runde seinen Gegner K.O. Das war alles.

Natürlich haben wir gelacht. Wobei – nach Kant – das Lachen die „Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts“ ist, was ja meint, dass es, ist es nicht hämisch oder schadenfroh, die wunderbare Leichtigkeit der Interesselosigkeit hat. Es war eine dieser merkwürdigen Begebenheiten, die wir immer wieder gemeinsam erleben.

Warum gerade er und ich? Darauf habe ich noch keine Antwort. Brauche noch einige Zeit, um darin ein Muster, eine Erklärung zu finden. Auch darum wünsche ich ihm, also auch mir, dass wir noch weitere dieser merkwürdigen, kuriosen Situationen erleben, also auch lachen können.“

Kontakt: martin.hielscher@beck.de

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