So langsam steigt das diesjährige Harry-Potter-Fieber wieder ins Unerträgliche. Im Juli die Filmpremiere „Harry Potter und der Orden des Phönix“, dann die ersten Enthüllungsgeschichten um den Ausgang des siebten und vermeintlich letzten Bandes und schließlich das Erscheinen der englischen Ausgabe. Und bis zum Erscheinen der deutschen Ausgabe im Oktober wird das Fieber weiter steigen.
Millionen jugendlicher Fans verkürzen sich die Wartezeit und erhöhen sich die Spannung noch zusätzlich: Die bereits erschienenen und vielfach gelesenen Bücher liegen wieder neben dem Bett, der iPod wird wieder mit den Hörbüchern geladen und die DVDs stehen auf der Wunschliste, wann immer Fernsehzeit angesetzt ist.
Selbstverständlich gehören die Harry-Potter-Bücher landauf, landab auch zum festen Kanon der Buchvorstellungen, die Schüler der mittleren Klassenstufen alljährlich abliefern und vortragen müssen. Gut so, Leseförderung ist eben Teil des Lehrplans…
Anders und gar nicht so gut z.B. in einer kleinen evangelischen Privatschule in München. Zwar gibt es auch dort ebenso viele Potter-Fans wie anderswo, aber Schüler, die Harry-Potter-Titel als Referatthema wählen und sich damit schon angesichts der von Band zu Band gewachsenen Umfänge als Vielleser outen, bekommen eine klare Abfuhr. „Die Schulleitung dulde das nicht“ heißt es dann dort aus Pädagogenmund. Satanische Verse für Kids? Nein, niemand hat zum Mord an der Autorin aufgerufen.
Damit geht es der gottlosen Jugendliteratur ebenso fundamental (… istisch) an den Kragen wie andernorts der gottlosen Evolutionstheorie Darwins. In dieser Mission tut sich in jüngster Zeit Hessens Kultusministerin Karin Wolff hervor und fordert „zur Verknüpfung von biblischer Schöpfungsgeschichte und Biologieunterricht“ auf, wie „Der Spiegel“ diese Woche berichtet. Kreationismus nennt man diese Denkweise – sie wird von bibelfesten Amerikanern mit Fleiß in die Lehrpläne der Schulen geklagt (siehe http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,384087,00.html). Anders als dort muss in Hessen wohl niemand klagen, um die Biologie bibelfest zu machen.
Die aktuellste Ausprägung dieses Glaubens nennt sich übrigens „Intelligent Design“ und hält sich für wissenschaftlich. Auch sie ist auf gutem Weg in die Schule. Das jüngste Standardwerk zum Thema hat ein Biochemiker geschrieben, dessen wissenschaftliche Reputation, schaut man die Diskussion um seine Person bei Wikipedia an, qualitativ mit der eines Erich von Däniken („Die Götter waren Astronauten“) durchaus vergleichbar scheint. Gerade ist die deutsche Ausgabe erschienen und der Verleger, der sich der „ biochemische Einwände gegen die Evolutionstheorie“ so liebevoll angenommen hat, verfolgt auch privat eine heilige Mission: …. als Gründer und Vorstand einer kleinen evangelischen Privatschule in München. Sorry, Harry…
S. Schwarz