Dass auf der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste abweichend von den diversen Bestsellerlisten Andrea Maria Schenkels „Kalteis“ nur noch am unteren Ende finden, ist kein Ausdruck gesunkener Wertschätzung, sondern der Regel geschuldet, dass kein Juror mehr als dreimal für dasselbe Buch stimmen darf.
Mit James Sallis‘ „Driver“ findet sich das Buch eines Verlages auf Platz 1, der von Krimis eingestandenermaßen wenig, von Literatur aber eine Menge versteht: Liebeskind. Erstaunlicher- oder wunderbarerweise gelingt es aber immer wieder Autoren dieses Münchner Kleinunternehmens, unsere Qualitäts-Charts zu stürmen. Denken Sie nur an David Peace, dessen letzter Band des Red-Riding-Quartetts im Frühjahr erscheinen wird.
Ganz auf Krimis der allerschwärzesten Sorte spezialisiert ist Frank Nowatzkis Kleinstunternehmen Pulp Master (Berlin). Auch dieser Verlag ist überdurchschnittlich oft auf der Krimi-Bestenliste zu finden: Nowatzki hat einfach Gespür. Ich empfehle Ihnen, Rick DeMarinis „Kaputt in El Paso“ zu vergleichender Lektüre mit Sallis‘ „Driver“: zwei amerikanische Männerbilder.
Ian Rankin (Edinburgh) und seinen 17. Rebusroman erwähne ich an dieser Stelle eigentlich nur, weil einer von Ihnen mir mal gestanden hat, er kenne diesen Autor nicht. Gucken Sie mal rein. Eugene Sue (Paris) oder Raymond Chandler (Los Angeles) kannte man ja sehr zum eigenen Schaden eine Zeitlang auch nicht. Und dann noch diese freche Französin! Hannelore Cayre. (Tobias Gohlis)
Die komplette Liste für November:
1. (3) James Sallis: Driver. Liebeskind.
Phoenix/Los Angeles: Driver ist Stuntman, immer beobachtend, immer in Bewegung. Bei Überfällen fährt er auch, sonst nichts. Bis Amateure dazwischenfunken. Da nimmt Driver den aufgezwungenen Kampf an. Bis zum Ende. Minimalistisch gehämmerter Abgesang auf den amerikanischen Helden, meisterhaft. Große Entdeckung.
2. (2) Heinrich Steinfest: Die feine Nase der Lilli Steinbeck. Piper.
Stuttgart/Mauritius/Hawaii/Athen: Spezialermittlerin Lilli Steinbeck und der ultrafette, Kugeln abweisende Detektiv Kallimachos taumeln durchs große Spiel der Gangster/Götter. Entführer und Entführte, Schnell und Langsam, Schein und Mythos – darum geht es Steinfest dieses Mal, oder auch um die tolle weltweite Jagd.
3. (5) Rick DeMarinis: Kaputt in El Paso. Pulp Master.
El Paso/Juárez: Uriah Walkinghorse ist nur sein Körper geblieben, Fettanteil unter 5 Prozent. Frau, Job, Familie: abgehauen, am Ende, im Sterben. Als ein Banker bei SM-Spielchen draufgeht, verwandelt sich die Welt in einen tödlichen Strudel. Bodybuilder Uriah war nie ein Held, aber ehrlich. Hart, Geheimtipp.
4. (4) Deon Meyer: Der Atem des Jägers. Rütten&Loening.
Südafrika: Als sein achtjähriger Sohn erschossen wird und die Täter entkommen, nimmt Ex-Befreiungskämpfer Thobela die Gerechtigkeit selbst in die Hand. Dem Krieger mit dem Zulu-Speer ist der alkoholkranke Benny Griessel auf der Spur. Komplexer Thriller, rasant erzählt. Südafrika: unexotisch brutal. Starkes Stück.
5. (-) Ian Rankin: Im Namen der Toten. Manhattan.
Edinburgh/Gleneagles: Die Herren der Welt dinieren und parlieren. G8-Gipfel 2005: Rebus’ Stadt im Belagerungszustand. Zwei Politiker sterben, drei Vergewaltiger auch. Anständige Polizeiarbeit ist unmöglich. Rebus in Hochform: Im Kampf gegen Unterwelt und Oberwelt.
6. (-) Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat. Metro im Unionsverlag.
Paris/Genf: Pflichtverteidiger sind doppelt verarscht. Die Edelanwälte ignorieren sie, die kleinen Gangster, die sie am Fließband vertreten, bringen kaum Geld. Als Christophe Leibowitz-Berthier zwei Mio Euro winken, zögert er nicht lang. Und landet im Knast. Ätzende Justizsatire einer Insiderin. Böse. Brillant.
7. (8) Arne Dahl: Ungeschoren. Piper.
Stockholm: Mitsommer 2002. Die A-Gruppe ist verwirrt von vier Morden, die keiner der Erst-Verdächtigten begangen hat. Tätowierungen an den Leichen deuten auf Shakespeares Mittsommernachtstraum, der Täter auf den Missstand der Welt. Der Kriminalroman im Elchtest: schwedischer Edelstahl.
8. (-) Oliver Bottini: Im Auftrag der Väter. Scherz.
Freiburg/Kroatien: Im Garten der Niemans steht ein Fremder und sagt: „Das ist mein Haus. Verschwindet.“ Louise Bonì und Kollegen ermitteln hektisch, ohne etwas auszurichten. Als der Fremde zuschlägt, macht Louise sich auf, zurück in die Geschichte, weg ins Heimatlose, auf den Balkan.
8. (-) Ulrich Ritzel: Forellenquintett. btb.
Friedrichshafen/Katowice/Ulm: Vor 17 Jahren ist ein Junge verschwunden. Als traumatisierter Pianist scheint er wunderbar zurückgekehrt. Lebenslügen der Kleinstadt: Mittendrin Tamar Wegenast, Kommissarin. Polen und die deutsche Provinz, in Ritzels Brennglas überscharf gesehen.
9. (1) Andrea Maria Schenkel: Kalteis. Edition Nautilus.
München 1931-1939: Josef Kalteis fährt Rad, schaut ins Land und nach den Weibern. Schenkel erzählt von den fünf jungen Frauen, die er umbrachte, von ihren Träumen und Hoffnungen, von Mord und Zerstückelung. „Kalteis“ folgt auf „Tannöd“: ebenso gut, genau, erschütternd.
Die November-Ausgabe der KrimiWelt-Bestenliste wird auch im NordwestRadio (heute live mit Jurysprecher Tobias Gohlis zwischen 8:05 und 9:00 Uhr und am So. in der „Literaturzeit“ zwischen 15:00-16:00 Uhr), unter www.arte.tv/krimiwelt mit Kommentaren des Jurysprechers, Kurzrezensionen der Juroren und weiteren Infos zu Büchern und Autoren („Krimiautoren A-Z“) sowie in der Literarischen Welt vorgestellt.
Buchhändler können einen dreifarbigen Flyer mit der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste bestellen. Kontakt: KrimiWelt, c/o asv vertriebs GmbH, Süderstraße 77, 20097 Hamburg, E-Mail: krimiwelt@axelspringer.de, Fax: 040/34 72 76 68.