Ror Wolfs „Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille“ wurde in der Bearbeitung von Thomas Gerwin von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Jahres 2007 gekürt.
In der Begründung der Jury heißt es: „Ror Wolf ist ein Hieronymus Bosch des Erzählens und das Tranchirer-Lexikon sein ›Garten der Lüste‹. Ein Nachschlagewerk aus lauter Literatur in Wolfs eigenwillig-phantastischem Stil zum Klingen zu bringen, ist Thomas Gerwins Verdienst. Er hat Kurztexte aus dem Band ›Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille‹ (aus Ror Wolfs ›Enzyklopädie für unerschrockene Leser‹) zu einer akustischen Besichtigung komponiert.
Der Textstil entspringt bildungsbürgerlichen Konversationslexika oder Haushalts-Ratgebern vom Ende des 19. Jahrhunderts, also aus einer Zeit, in der man den aufklärerischen Weg noch sicher beschritt, optimistisch auf wissenschaftliche Totalerklärung der Welt zu. Gerade die populäre Ausprägung dieser Gelehrsamkeit untergräbt und dekonstruiert Wolf, er reißt die Folie des Lexikalischen auf, lässt die Einzelteile wie ein zerrupftes Beutestück seiner Gedanken einfach liegen, unterbricht den dozierenden Duktus, und aus allen Ritzen hervor quillt: das Unheimliche.
Ror Wolf, ein Eigensinniger der experimentellen Literatur, versteht wie kein anderer, den Rezipienten erst durch Welterklärung in der Pose bürgerlicher und akademischer Rechtschaffenheit in Sicherheit zu wiegen, ihm dann jedoch die geschlossenen Handlungsräume und die Konsequenz der Logik zu verweigern, seinen Wirklichkeitsbegriff zu torpedieren und ihn diesen Verlust gar als Lustgewinn empfinden zu lassen. In der leichthändig gelungenen Umsetzung dieser Methode liegt die auszeichnende Qualität dieses Hörspiels.“
Das Gesamtwerk Ror Wolfs erscheint bei Schöffling & Co. [mehr…].