Während die Aufregung über den Sohn abklingt, präsentieren wir Ihnen den Vater auf Platz Eins. Ganz unaufgeregt, denn Robert Littells „Die Söhne Abrahams“ ist kein spektakuläres, lautes Buch. Es ist, im Geiste der britischen Spy-Novel-Tradition, ein großes (Gedanken-) Spiel um die Gemeinsamkeiten der ineinander verkrallten muslimischen und jüdischen Kulturen: spannend, anregend, und sehr skeptisch.
Die Dominanz, aber auch die Stil- und Klangvielfalt des anglophonen Krimis spiegelt unsere April-Liste mit jeweils mehreren Autoren aus Australien, USA und Großbritannien. Wobei der Autor, der am amerikanischsten scheint, ein Brite ist: Lee Child.
Ein Highlight ist das Erscheinen des 14. Romans mit dem New Yorker Privatdetektiv Matt Scudder: „Verluste“. Sein Verfasser Lawrence Block ist in der anglophonen Welt ein großer Autor, hierzulande immer noch zu wenig bekannt. In diesem Zusammenhang mein Hinweis auf die kleine feine Reihe „Funny Crimes“ im Berliner Shayol-Verlag, deren Herausgeber Richard Betzenbichler wir diese und eine ganze Reihe aufregender Wieder- und Neu-Entdeckungen verdanken.
Die Fahne des deutschsprachigen Krimis wird, wie es sich im 70. Todesjahr Friedrich Glausers gehört, von einem Schweizer hochgehalten. Linus Reichlins bemerkenswertes und merk-würdiges Debüt „Die Sehnsucht der Atome“ besetzt einen respektablen Platz Drei.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website bei ARTE (www.arte.tv/krimiwelt).
Sie strahlt jetzt in neuem Licht: Die monatliche Bestenliste und die Informationen über Neuigkeiten („What’s New?“) einzelne Autoren („Krimiautoren A-Z“) und die neuen Bücher („Zurufe der Jury“) sind noch übersichtlicher miteinander verknüpft. (Jurysprecher Tobias Gohlis)
Hier die komplette Liste für April:
1. (2) Robert Littell: Die Söhne Abrahams. Scherz
Heilige Stadt Jerusalem: Der fundamentalistische Rabbi Apfulbaum wird entführt vom islamistischen Doktor Al-Shaat. Im Wettlauf zwischen Geheimdiensten und Entführer siegt die Logik des Wahns. Warum gibt es keinen Frieden in Nahost? Faszinierendes Gedankenspiel von Robert Littell, dem Vater Jonathans.
2. (3) Peter Temple: Shooting Star. C. Bertelsmann
Melbourne: Anne Carson, 15, ist gekidnappt. Das Ziel der Entführer: Demütigung der Carsons. Sie sind die „Kennedys Australiens“. Frank Calder vermittelt zwischen den Fronten, bis ihm die Galle kocht. Im gnadenlosen Familienkrieg hat keiner eine Chance. Temples Australien: verseucht von Hass und Gier.
3. (9) Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome. Eichborn
Brügge/Arizona/Mexiko: Ein amerikanischer Tourist stirbt ohne erklärbare Ursache. Kommissar Jensen sucht die verwaisten Kinder. Der Hobby-Philosoph und eine blinde Begleiterin geraten an die Grenzen des Wahrscheinlichen. Hintersinnig-raffiniertes Debüt: Spannung aus dem Reich der Quantenphysik.
4. (–) David Peace: 1983. Liebeskind
Yorkshire: Wie schon 1969 und in den siebziger Jahren wird ein Schulmädchen vermisst. Maurice Jobson erfoltert Geständnisse wie je. Anwalt Pigott verteidigt, ermittelt, erstickt. Stricher AF nimmt Rache. Band Vier des Red Riding Quartets: Grandioser Abschluss. Thatchers Yorkshire als verlorenes Paradies.
5. (1) Martin Cruz Smith: Stalins Geist. C. Bertelsmann
Moskau/Twer: Wahlkampf. In der Metro ward er gesichtet, in Twer soll er gar auf dem Felde erscheinen: Stalin. Unter Väterchen Putin sammeln sich derweil die nationalen Kräfte: Kriegsverbrecher, amerikanische Wahlkampfberater, Auftragskiller. Nur Arkadi Renko hält stand. Ein (Alb-)Traum von Politthriller.
6. (–) Andrew McGahan: Last Drinks. Kunstmann
Brisbane/Highwood, Queensland: Alles kommt wieder hoch, als Journalist George Verney einen alten Saufkumpan gefoltert und gegrillt in einer Umspannstation identifiziert. Zehn Jahre Abstinenz schützen nicht vor alten Feinden und Erinnerungen: In Brisbane, der Hauptstadt der Korruption, muss er sich ihnen stellen.
7. (–) Lee Child: Sniper. Blanvalet
Nowhere in Indiana: Amerikanischer Alltag. Ein Scharfschütze nietet fünf Passanten um, der Täter ist bald gefasst. Jack Reacher kommt, um ihn sicher einzulochen. Doch ein Indiz ist zu viel in der lückenlosen Kette. Die Child-Formel mit Suchtpotenzial: Spannung + Intelligenz = Aktion.
8. (–) Lawrence Block: Verluste. Funny Crimes bei Shayol
New York: Reden nützt nichts, wenn einer einen umbringen will. Mick Ballou, Gangster, und Matt Scudder, Privatdetektiv, wollen nur ihren Angelegenheiten nachgehen. Aber irgendwer hat es auf sie abgesehen. Da fällt die Zivilisation von ihnen ab. Ohne Bedauern: Jeder stirbt. Altmeister Block redivivus.
9. (–) Michael Collins: Der Bestseller-Mord. btb
Bannockburn College, Midwest: Professor Pendleton suizidiert. Der Rest ist Halbkoma. Sein vergessener Roman wird Bestseller und der Halbtote verdächtig. Hat er den Mord begangen, den er beschreibt? Alles steht in Frage. Krimi postmodern: komisch, überdreht, ambitioniert, satirisch.
10. (–) Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse. Hard Case Crime bei RotbuchEdinburgh/Orkneys: Erst hat er Literatur studiert, dann Geldeintreiben. Mit dem Baseballschläger ist Joe Hope perfekt. Bis seine Frau damit erschlagen wird. Da muss der Loser sich auf seinen Verstand und neue Freunde einlassen. Sonst landet er lebenslang im Knast.
Die April-Ausgabe der KrimiWelt-Bestenliste wird auch im NordwestRadio (heute live mit Jurysprecher Tobias Gohlis zwischen 8:05 und 9:00 Uhr und am Sonntag in der „Literaturzeit“ zwischen 15:00-16:00 Uhr) sowie in der Literarischen Welt vorgestellt.
Buchhändler können einen dreifarbigen Flyer mit der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste bestellen. Kontakt: KrimiWelt, c/o asv vertriebs GmbH, Süderstraße 77, 20097 Hamburg, E-Mail: krimiwelt@axelspringer.de, Fax: 040/34 72 76 68.