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2. Branchenparlament tagte in Frankfurt am Main

Goldene Nadel für Dr. Jürgen Bach (l.)

Im 2. Branchenparlament des Börsenvereins, das heute im Arkadensaal des Goethe-Museums in Frankfurt stattfand, standen zwei Hauptthemen auf der Tagesordnung: der Umgang mit Remittenden und die fortschreitende Konzentration in der Buchbranche. Außerdem gab es eine aktuelle Stunde – neu im Programm – zum Thema BAG.

Dr. Rosemarie von dem Knesebeck erhält ebenfalls eine Goldene Nadel

In seiner Eröffnungsansprache bekräftigte der Parlamentsvorsitzende und Vorsitzende des Verlegerausschusses, Dr. h.c. Karl-Peter Winters die Bedeutung eines solchen Forums für eine offene, auch kontroverse Debatte zwischen den Sparten.

Heinrich Riethmüller, Vorsitzender des Sortimenterausschusses, erklärte, dass ein Remissionsproblem bestehe, seit das Buch zum Massenartikel geworden ist. Für die Lösung dieser Aufgabe seien die Verlage zu sensibilisieren. Es könne nicht Aufgabe der Sortimenter sein, „Ramschbücher“ zu prüfen.

In einer Umfrage des Sortimenterausschusses an 118 Verlage haben 34 geantwortet, 30 Prozent davon gaben Remittenden nach 18 Monaten in den Ramsch. Bei einem Umfang von 5 Milliarden Euro Umsatz jährlich werden 10 bis 15 Prozent der Bücher remittiert, das entspricht einem Wert von 500 bis 750 Millionen Euro – hohe Kosten, die damit auflaufen.

Allgemein ist zu beobachten, dass jährlich immer mehr Neuerscheinungen auf den Markt kommen, die „Verfallsdauer“ der Bücher immer kürzer wird. Die Kunden suchen zunehmend nach „Schnäppchen“. Aber die Preisbindung schafft eine Sondersituation im Buchhandel. Von daher sei die preisgebundene Ware sauber von der reduzierten zu trennen.

Matthias Ulmer

Matthias Ulmer, stellvertretender Vorsitzender des Verlegerausschusses, war ebenfalls der Meinung, dass schon sehr früh preisgebundene mit reduzierten Büchern konkurrieren. Die Schwierigkeit für die Verlage bestehe auch darin, den Autoren zu erklären, dass ihre Bücher nun auf den „Zweiten Markt“ kommen. Ein weiterer Punkt: Pauschalremissionen gestatten den Verlagen nicht, nachzuprüfen, welche Titel eigentlich reduziert angeboten werden. Es gilt also, das System der Remission von vielen Seiten her zu überdenken. Makulieren sei oft eine bessere Möglichkeit als die Verramschung von Büchern. Außerdem müsse zwischen echten und scheinbaren Mängelexemplaren getrennt werden. Im Gespräch muss auch die körperlose Remission bleiben, dafür sollten entsprechende Vorschläge und Regeln erarbeitet werden.

Ernst Nellissen, Geschäftsführer Großhandel für Modernes Antiquariat Dunker & Nellissen GmbH, der das Moderne Antiquariat vertrat, erklärte, dass im MA ein Umsatz von unter 100 Millionen Euro erreicht werde – eine im Vergleich geringe Zahl. Erstaunlich jedoch sei immer wieder, dass im Internet noch vor dem Erstverkaufstag eines Buches dieses bereits reduziert angeboten werde. Woher kommen diese Bücher, fragte er.

Er als Großhändler gehe sehr sorgsam mit Restauflagen und Mängelexemplaren um und halte sich an die Regeln. Er erklärte für die Gruppe MA außerdem: „Wir wollen nicht die Buhmänner des Buchhandels sein.“

Auch Jürgen Huss, Zwischenbuchhändler, freute sich über die Möglichkeit, auf dem Branchenparlament sprechen zu können. Er selbst arbeite seit 1982 in diesem Markt und könne so auf viele Erfahrungen verweisen. Ganz wichtig sei es, die Preisbindung nicht zu beschädigen. Mängelexemplare jedoch haben auf dem Buchmarkt nur marginale Bedeutung. Für ihn stellt sich allerdings die Frage: Kann sich ein Verlag die Makulierung leisten? Das treffe doch nur in Ausnahmefällen – etwa bei Kalenderverlagen – zu.

Rowohlt-Verleger Dr. Helmut Dähne forderte, klar zwischen Remittenden, Ramsch und Mängelexemplaren zu trennen – man dürfe nicht alles in einen Topf werfen und müsse die Begriffe klar voneinander trennen.

Oliver Voerster

KNV-Chef Oliver Voerster, Mitglied im Ausschuss für Zwischenbuchhandel, verwies auf Zahlen, nach denen die Remissionen in den vergangenen Jahren nicht überdurchschnittlich zugenommen haben. Zu den Mängelexemplaren meinte er: Allerdings wird ein Mangel an einem Exemplar höchst unterschiedlich wahrgenommen. Er bat darum, dass die Sortimenter ihre Retouren sorgfältiger packen sollten, denn hier kämen oft Beschädigungen vor.

Ruth Klinkenberg, stellvertretende Vorsitzende des Sortimenterausschusses, ging ebenfalls auf das Thema körperlose Remission ein und erklärte: „Mir wäre es sehr unangenehm, eine Tonne vor dem Laden aufzustellen, in der die Bücher, befreit vom Titel, makuliert werden.“ Besser wäre es, eine Verweildauer festzulegen, oft werden Novitäten zu schnell wieder zurück geschickt. Solche Regularien müssen allerdings gemeinsam mit den Verlagen erarbeitet werden.

Zum Thema „Vorverkauf im Internet“ vor dem Erstverkaufstag kündigte der Börsenverein einen Sticker an, den die Verlage vor dem Versand ihrer Leseexemplare anbringen können. Damit soll ein Verkauf dieser Exemplare über das anonyme Internet erschwert werden – bleibt abzuwarten, mit welchem Erfolg.

Dr. Henning Stumpp

Im zweiten Themenschwerpunkt ging es um die Konzentration in der Buchbranche. In seinem Vortrag stellte Dr. Henning Stumpp, Geschäftsführer des Argon Verlags, Berlin, und Mitglied der kaufmännischen Leitung der S. Fischer Verlage, anhand von Beispielen dar, dass die Preisbindung die zunehmende Konzentration zwar nicht verhindern, aber verlangsamen kann. Er verglich außerdem die Buchbranche mit anderen und wies darauf hin, dass beispielsweise im Lebensmittelhandel eine weitaus höhere Konzentration anzutreffen ist.

Stephan Jaenicke, Vorstandsmitglied des Börsenvereins, sieht die Konzentration seit Jahren als Markttrend. Die Preisbindung sei richtig und wichtig, aber es müssen auch die Konditionen zwischen den Verlagen und den Filialisten streng beobachtet werden. Damit sollte sich der Börsenverein beschäftigen.
Andererseits müssen die kleinen Buchhandlungen aufpassen, von der Zeit nicht überrollt zu werden. Sicher wird die Anzahl unabhängiger Buchhandlungen weiter zurückgehen, aber: „Es wird immer unabhängige Buchhandlungen geben“, zeigte sich Jaenicke überzeugt. Wichtig für ihren Fortbestand seien Professionalität, Flexibilität, Service, Individualisierung, Spezialisierung und Kreativität. Sicher jedoch sind das keine Garantie-Rezepte, wenn ein Filialist eine inhabergeführte Buchhandlung aufzukaufen gedenkt. Aber es sind zeitgemäße Orientierungspunkte.

Stephan Jaenicke

Dietrich zu Klampen, Arbeitskreis kleinerer unabhängiger Verlage, machte zunächst Unterschiede drastisch deutlich. So lieferten die Großverlagskonzerne alles, „von Porno bis Adorno“ – und zwar günstig. Die Klein- und Mittelverlage dagegen hätten es schwer, denn sie müssen auswählen. Eine gute Kommunikation zwischen diesen und dem Barsortiment ist daher äußerst wichtig. Eine Vertriebgemeinschaft der kleinen und mittleren Verlage wäre beispielweise ein Schritt in die richtige Richtung.
Zu Klampen forderte auch ein besseres Branchenmarketing und den schnelleren Ausbau der libreka!-Plattform.

In der aktuellen Stunde einigte man sich auf eine Empfehlung im Umgang mit dem BAG-Debakel. Alle Ausschüsse betonten, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht leicht gefallen sei und der Entschluss, auf eine Verfolgung zivilrechtlicher Ansprüche zu verzichten, aufgrund der komplexen und schwierigen Problematik gefasst worden sei. Diese Entscheidung bedeute weder einen Freibrief für ehrenamtlich Tätige, noch ein unaufgeklärtes Ende für diesen Fall. Es müsse daher noch vor der 182. Hauptversammlung des Börsenvereins im Juni ein Abschlussbericht erarbeitet werden, um die Mitglieder des Börsenvereins entsprechend aufzuklären und zu informieren.

JF

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