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Gert Frederking zu Entwicklungen innerhalb der Buchbranche

In wenigen Tagen wird Gert Frederking siebzig Jahre alt – das ist Anlass für ein

Gert Frederking:
„Die Branche nutzt ihre Chancen nicht konsequent –
und ich vermisse die Leidenschaft beim Machen“

Gespräch zwischen Christian v. Zittwitz und einem Mann, der die Buchbranche besser als viele andere kennt. Denn er hat in seiner Karriere in fast allen Sparten der Buchbranche gearbeitet: Er war Buchhändler, Vertriebsleiter, Geschäftsführer, Buch-, Taschenbuch-, Kinderbuch-, MA- und Bildband Verleger; er war Angestellter und selbständig, er war Gründer und ideenreicher Event-Organisator und er war und ist mutig: In einem Alter, da andere ans Altenteil denken, hatte er (nach zehn Jahren auch als Verleger des Bertelsmann-Clubs) noch einmal den mit seiner Frau Monika gegründeten Verlag Frederking & Thaler (den er zwischenzeitlich verkauft hatte) zurückerworben, zu neuer Blüte geführt und erst vor kurzem wieder abgegeben.

Ich kenne keinen, der die Buchbranche so intim kennt wie Du. Gibt es einen Rat, den Du im Rückblick der Buchbranche geben könntest?

Gert Frederking: Steht mir das zu? Aber wenn Du mich fragst, will ich gern einige Anmerkungen machen. Die Branche nutzt ihre Chancen nicht konsequent – und ich vermisse die Leidenschaft beim Machen.

Was meinst Du damit?
Die Aktualität von Büchern wird z. B. nicht stringent an die Buchkunden vermittelt. Es wird täglich erfreulicherweise von den Medien über Bücher berichtet, aber die Kommunikationssysteme in der Branche, bei Verlagen und dem Buchhandel, werden nur ansatzweise genutzt. Es mangelt nach meiner Beobachtung an Flexibilität und Kreativität auf beiden Seiten.

Dann nenn doch ein Beispiel
Nimm Tibet etwa. Das ist derzeit im Focus aller Nachrichten, aller Medien, großartige und wichtige Bücher sind vorhanden – aber in wievielen Schaufenstern liegen jetzt Titel der Regionen Tibet, China, Nepal, Bhutan, Indien aus? Gerade in unserem Land wird zur Zeit viel diskutiert, eine große Chance für den gesamten Buchhandel, ob Ein-Mann-Betrieb, ob Kettenläden oder Großbuchhandel.

Ist das nicht ein eher selektiver Eindruck?
Nein, seit ich etwas mehr Zeit habe, bin ich viel öfter als früher in Buchhandlungen unterwegs, ads ist leider kein Einzelfall. Aber ich nenne Dir gern mehr Beispiele: Nimm etwas das Moderne Antiquariat: Ich war ja in dem Segment damals bei Pawlak selber aktiv; MA ist notwendig und richtig, soll vorhanden sein, aber ich sehe dort auch Auswüchse, Überproduktion und falsche Nutzung. Hier vermisse ich jetzt eine Interessensgemeinschaft der Verlage, die zielführend für die gesamte Branche sein könnte…

… Das hatten wir schon mal mit den „Bücher der Neunzehn“.

Ja, genau das oder wie damals die Gruppe „dmS -das moderne Sachbuch“. Es wäre die sinnvollste Substanznutzung mit Anspruch und hoher Preiswürdigkeit und würde Verlagen, Buchhandel und den interessierten Lesern Nutzen bringen. Aber ichs age Dir noch ein Beispiel: Der Welttag des Buches und die Serie der “Städte lesen“ – Veranstaltungen (Leipzig liest, München liest, Hamburg liest) wäre eine Arbeitsgemeinschaft von Verlagen, Buchhandel und Medien mit viel mehr Einsatz wert, so könnte Lesen wieder einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft bekommen.

Ich denke , das Thema ist fest in der Gesellschaft verankert, das Buch hat einen hohen Imagefaktor…

Das stimmt auch, aber wir amchen nichts draus. Mein Eindruck ist vielmehr, dass die Buchbranche mehr auf dem klagenden Rückzug ist als in einer ideensprühenden Offensive, und das, obwohl wir in einer Zeit der Intensivkommunikation weltweit leben.

Du wirfst mangelnde Leidenschaft auch den Verlegern vor.
Ich glaube, dass mehr Kooperation, mehr Ideen, mehr Mut und mehr Überzeugung gefragt sind. Wir hätten in den Verlagen ein kreatives Potential und ein funktionierendes Netzwerk, das in stimmigen Kooperationen Großes bewegen könnte. Aber die Energien fließen eher ins Konkurrenzdenken; das ist keine positive Kraft, die etwas bewegt.

Waren die Zeiten früher besser, die Perspektiven verlockender, die Ideen sprühender?
Früher waren es auch keine goldenen Zeiten, dafür aber sehr innovative. Jeder neue Buchplan beinhaltet Chance und Risiko, eine Sicherheit gibt es nicht. Wenn aber die Ideen mit dem Zeitgeist korrespondieren, sie richtig strukturiert sind und überzeugt und leidenschaftlich vom Team in allen Stufen durchgeführt werden, sind sie auch erfolgreich.

Hast Du Beispiele auch dafür?
Ich denke hier an zwei Buchaktionen: die Marketing-Kampagne für Hildegard Knefs „Der geschenkte Gaul“ bei Molden, mit der das Bestseller-Markteting eine neue Dimension erhielt. Und ich denke an die Millionen-Auflage der Wallace-Aktion aus dem Goldmann-Verlag. Und ich denke an die schwierigen Verhandlungen bei der Ausarbeitung des Potsdamer Abkommens zwischen den Verlegern, den Sortimentern, dem Preisbindungstreuhänder und dem Bertelsmann Buchclub. Die haben nur zu einem Regelwerk geführt, weil alle Beteiligten von der Notwendigkeit einer schriftlichen Leitlinie überzeugt waren und ihre Eigeninteressen zugunsten des gemeinsamen Ziels zurückgestellt haben.

Dein Fazit?
Verlage und Buchhandel müssen mehr Gemeinsinn entwickeln, um den Stellenwert des Buches, des Lesens zu fördern. Wenn wir an einem flächendeckenden Buchhandelsvertrieb weiterhin interessiert sind, dann müssen gerade jetzt große gemeinsame Anstrengungen von der gesamten Buchbranche unternommen werden, um das beste Buchvertriebsnetz, die „5ooo Schmidtschen geistigen Tankstellen“ zu erhalten. Die Vielfalt kleiner und großer Buchhandlungen, kleiner und großer Verlage muß bestehen bleiben , deshalb ist Kooperation auf allen Seiten nötiger denn je.

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