Holger Kreitling, Jahrgang 1964, ist Stellv. Ressortleiter Feuilleton der WELT-Gruppe und betreut seit Spätsommer

2006 den Kulturauftritt von WELT ONLINE. Er studierte Publizistik, Geschichte und Theaterwissenschaften an der FU Berlin, 2003 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis für eine Reportage über einen Mann, der die Bundesligaspiele von Energie Cottbus in Sonettform bedichtete.
BECKMANN: Wie so oft unter dem Eindruck neuer Medien, ist allzu früh ein baldiges Ende der Presse profezeit worden. Mittlerweile wird klar: Tages- und Wochenzeitungen sind bleiben für die meisten Leser aller Voraussicht nach zumindest mittelfristig eine unersetzliche Lektüre. Andererseits ist es aber doch wohl so, dass die Nutzung der Online-Ausgaben von Zeitungen laufend signifikant zunimmt…
KREITLING: Das stimmt, die Zugriffsraten steigen bei allen Webseiten. WELT ONLINE hat dabei den größten Sprung gemacht. Die Zahl der Page Impressions ist von März 2007 mit 36 Millionen Klicks in einem Jahr auf 163 Millionen im Monat gestiegen, die Zahl der Besucher hat sich auf 20 Millionen im Monat verdreifacht. Das bedeutet, dass die Leser das journalistische Angebot im Netz immer stärker nutzen und oft mehrmals am Tage auf die Webseiten schauen. Und andererseits kommen ständig neue Leser hinzu, die das Angebot zu schätzen wissen und ihre Lesegewohnheiten umstellen. Für uns ist das sehr ermutigend. Und gleichzeitig wird die klassische Abonemment-Zeitung dadurch nicht geschwächt – so soll es sein.
BECKMANN: Gilt die wachsende Zunahme solcher Internet-Lektüre nun für alle Altersgruppen? Oder sind hier, wie immer wieder mal zu hören ist, tatsächlich generationsstypische Unterschiede erkennbar?
KREITLING: Im Moment lesen uns eher jüngere Nutzer, die ihre Gewohnheiten schon länger umgestellt haben. Allerdings habe ich das starke Gefühl, dass ständig neue Leser dazu kommen, die bisher oder parallel Zeitung lesen, und die älteren Semesters sind. Man merkt dies an den Klickraten für bestimmte Texte, die früher nicht so gut liefen. Ich unterteile mit Blick auf die Kultur lieber in Tageszeiten. Es gibt die Büronutzer, die von morgens acht Uhr bis klassisch um 17 Uhr WELT ONLINE lesen, und es gibt die Privatnutzer, die ab 17 Uhr stärker werden, und die am Wochenende im Netz lesen – auch eine Gruppe, die immer stärker zunimmt. Danach richten sich Leseinteressen und -gewohnheiten.
BECKMANN: Gegenüber Print-Ausgaben haben online-Zeitungen den Vorteil, dass sich die Leser-Quote bei den verschiedenen Themenbereiche – von Politik bis Wirtschaft und Wissenchaft, von Gesellschaft bis Sport – laufend ziemlich genau messen lässt. Nun ist mit Blick auf das Feuilleton, einschließlich der Literaturseiten, immer wieder ein massiver Verlust an Lesern, Wirkungsmacht und Bedeutung befürchtet oder beklagt worden. Ergibt sich aus den online-Nutzungsstatistiken Grund zu der Annahme, dass ein Interesse des Publikums an Kultur generell signifikant abnimmt?
KREITLING: Nein, überhaupt nicht. Wir waren selbst überrascht, wie stark das Interesse ist – und es gibt keinen Grund zum kulturkritischen Jammern. Zum Beispiel ist die Neugier auf Geschichtsthemen sehr groß, durch alle historischen Epochen hindurch. Der Internet-Leser möchte genauso wie der gute alte Zeitungsleser etwas lernen. Die am besten laufenden Geschichten sind immer die, wenn man als Nutzer sagen kann: „Ach, das ist ja interessant, das wusste ich gar nicht“.
BECKMANN: Das gilt auch für andere Genres?
KREITLING: Ja, sicher. Populäre Themen haben es natürlich leichter als andere Stoffe, genau wie bei der Zeitung. Der Internet-Leser möchte und muss von einem Thema überzeugt werden, bevor er sich in die Geschichte klickt. Die Schwelle, über die er tritt, liegt wesentlich höher als bei einer Zeitungsseite. Danach will der Nutzer informiert, gebildet, aufgeklärt oder unterhalten werden. Und dann ist die Länge eines Textes relativ egal. Das Vorurteil der Häppchenkultur im Netz ist falsch, genau wie der Vorwurf: Junge Leser wollen nur kurze Texte in der Zeitung, weil ihnen die intellektuelle Kraft für lange Stücke fehlt.
BECKMANN: Nehmen wir ein Feld, das unseren BUCHMARKT-Lesern ganz besonders nahe geht: die journalistische Berichterstattung und Kommentierung von Büchern. Verlage, Buchhändler und Autoren stellen fest, dass Rezensionen – der alte „Königsweg“ der medialen Beachtung von Neuerscheinungen – zunehmend weniger, wenn überhaupt noch, Menschen zum Kaufen und Lesen von Romanen und Sachbüchern bewegt. Wie stellt sich das aus der Sicht eines online-Redakteurs dar? Stoßen Rezensionen bei Online-Lesern generell grundsätzlich auf Desinteresse?
KREITLING: Nein, Rezensionen können schon funktionieren. Literaturbesprechungen haben es aber schwerer als etwa Film- oder Popkritiken. Das hat etwas mit dem Wissen und dem Interesse der Leser zu tun. Die Klickentscheidung hängt doch oft von einem gewissen Bekanntheitsgrad des Autors ab – und wiederum von der Art der Aufbereitung. Überschriften und Vorspänne führen im Internet oft auf das Thema hin, nach dem Motto: „Diese Geschichte ist so spannend, faszinierend, ergreifend, dass es sich lohnt“. Dies ist aber nicht die Herangehensweise einer Rezension – und da liegt die Crux.
BECKMMANN: Suchen Leser nicht die wertende Entscheidung, ob ein Buch gut oder schlecht ist?
KREITLING: Natürlich wollen sie das. Auch hier wird der Journalismus nicht neu erfunden. Wenn Leser ein Stück anklicken, möchten sie unbedingt Wertung, am besten hohes Lob oder strikter Tadel. Es genügt aber in den seltensten Fällen zu sagen: Autor A wird von Kritiker B besprochen. Zeitungsleser schließen vielleicht noch diesen Pakt des Vertrauens mit ihrem Blatt, Onlineleser kaum. Mit einem Klick sind sie schon wieder woanders. Die klassische Leser-Blatt-Bindung ist im Netz wesentlich schwächer als bei Printmedien, das hat für uns Vor- und Nachteile.
BECKMANN: Viele Feuilletons setzen mittlerweile – auch was Autoren, einzelne Titel, Buchthemen und – modern betrifft – „Debatten“ auszulösen. Ist dieser Trend eventuell vor allem ein Element ihres Wettstreit untereinander um kulturelle „Meinungsführerschaft“? Wie stark ist das Interesse der Leser an solcher Inszenierung von Meinungen und an Meinungen überhaupt, an Kommentaren nach Maßgabe der Reaktionen von online-Lesern?
KREITLING: Unbedingt. Das Internet ist ja generell auf Subjektivität und anarchisch wuchernde Meinung gegründet. Die Leser regen sich gerne auf und kommentieren polarisierende Artikel, wobei das Niveau zugegebenermaßen schwankt. Das sind in der Regel die Texte, die am meisten weiterempfohlen oder verlinkt werden.
BECKMANN: Was schließen Sie daraus?
KREITLING: Ich glaube, dass der Feuilletonton sich weiter ändern wird. Das Internet fördert sehr stark den aus dem angelsächsischen Journalismus kommenden, meinungsstarken Ton. Autoren, die „ich“ sagen. Autoren, die humorvoll an Themen herangehen. Autoren, die pointiert ihren Lesern etwas erzählen. Der Kritiker, der am Beginn seiner Besprechung aufzählt, was Schriftsteller X oder Regisseur Y so alles schon geschrieben oder in Salzburg inszeniert hat, um dann an einem Hegelwort die Unzulänglichkeit des Seins zu demonstrieren, der ist zum Aussterben verdammt, weil ihm die Leser nicht über die ersten 20 Zeilen folgen. Ich habe den ernsten Verdacht, dass dies auch für gedruckte Texte in der Zeitung gilt.
BECKMANN: Auch in der Kultur und in den Feuilletons ist eine gewisse Boulevardisierung zu beobachten. Reagieren online-Leser stark auf „Events“?
KREITLING: Schon. Das Internet kennt auch das Fernsehen als prägendes Medium. Leser lieben es etwa, morgens Kritiken von „Anne Will“, „Beckmann“ oder einer Castingsshow zu lesen. Sie glauben gar nicht, wie viele Leute sonntags nachlesen, wie „Wetten, dass…?“ war. Wenn beispielsweise bei Gottschalk Cecilia Bartoli aufgetreten ist, steigt auch das Interesse an hochseriösen Texten über die Sängerin. Und wenn Günter Grass irgendeine Veranstaltung macht, ist die Nachfrage ebenfalls hoch. Das gilt weltweit: Das einmalige Londoner Konzert von Led Zeppelin oder der Fund eines Caesar-Kopfes in der Rhone bei Arles faszinieren gleichermaßen.
BECKMANN:….oder auf „Personality“-Stories? Sorgt ein Autoren-Name per se schon für erhöhtes Interesse? Günter Grass, Martin Walser, Ingo Schulze…?
KREITLING: Was immer über Günter Grass gehöhnt wird, er ist der einzige der Altvorderen, der die Massen in der teilnehmenden Beobachtung vereint. Punkt. Martin Walser und seine Bücher interessieren im Netz meiner Erfahrung nach nicht besonders. Eine Autorin wie Charlotte Roche hat diesen riesigen Erfolg nicht bloß wegen des Themas ihres Buches, sondern weil natürlich alle jüngeren Menschen ziemlich genau wussten, wer sie ist und wofür sie steht. Noch eine Binsenweisheit, die auch für das Internet gilt: Generell funktionieren Porträts, Gespräche, gemeinsame Aktionen mit Autoren besser als schlichte Rezensionen.
BECKMANN: Zur Zeit treffen die neuen Vorschauen – für die Herbstsaison – in den Redaktionen ein. In den Verlagen, die für nur wenigen Novitäten ein halbwegs ausreichendes Werbebudget mit auf den Weg geben, wird immer mehr, immer lauter das Motto ausgegeben: „Die Pressearbeit muss es richten.“ Sie und Ihre Kollegen können nur auf einen Bruchteil der vielen Neuerscheinungen eingehen. Können Sie anhand der Präsentation in den Vorschauen mit einiger Sicherheit erkennen, was darunter medial interessant ist? Was im Sinne Ihrer vorausgegangenen Antwort Thema bzw. Stoff für eine wirklich interessante Buchgeschichte sein könnte?
KREITLING: Hm, wir bemühen uns. Die meiste Arbeit wird selbstverständlich von den Kollegen des Literatur-Ressorts erledigt, deren Texte wir verwenden. Bei manchen Stoffen weiß man einfach, dass die Internetleser schnell unterrichtet werden möchten. Wenn der Kommunarde Rainer Langhans Dönekens aus seinem Harem zwischen Buchdeckel packt, dann muss man es im Netz gleich bei Vorstellung oder Erscheinen machen – oder ganz lassen. Auf einer Literaturseite hat eine Kritik noch ein paar Wochen später ihre Berechtigung. Ich habe den Eindruck, dass die Verlage auch aus diesen Gründen ihre Publikationsweise verändern. Es genügt nicht mehr, im Herbst und Frühjahr zwei Schock Bücher auf den Markt zu bringen, die dann bis zur neuen Lieferung besprochen werden.
BECKMANN: Es wird seitens der Verlage laufend geklagt, die journalistische Darstellung von Sachbüchern lasse im besonderen sehr zu wünschen zu wünschen übrig. Könnte es sein, dass dafür die Pressearbeit der Verlage mitverantwortlich ist? Könnten Sie eventuell Hinweise geben, was hier zu optimieren wäre?
KREITLING: Für Sachbuch wie für Belletristik gilt: Die Verlage sollten großzügiger sein. Die Buchbranche wird das gleiche Schicksal wie die Musik- und Filmbranche erleiden. Interesse an Stoffen wächst in Zeiten der unendlichen, globalen Vielfalt vor allem über Fütterung. Das Internet prägt unsere Gewohnheiten und besonders die der nachwachsenden Generation. Wenn ein Leser etwas will, dann sofort. Man muss die Möglichkeiten der Vernetzung ausnutzen und so den begehrten Mehrwert schaffen.
BECKMANN: Wie soll das konkret aussehen?
KREITLING: Auf englischsprachigen Webseiten kann man sich etwa das erste Kapitel eines Romans sofort anklicken, weil die Verlage so etwas zur Verfügung stellen. Oder eine andere einführende, Lust machende Stelle eines Buches, und ich rede hier nicht von den „Stellen“. Man kann auf die Webseiten der Autoren verlinken, wenn es sie gibt. Man kann Lesungen vor Erscheinen des Buches als Downloads anbieten, wie es Rowohlt im kommenden Winter mit dem in diesen Dingen sehr gewitzten Daniel Kehlmann macht. Man kann überhaupt Internetpräsenz schaffen. Die Anzahl der Autoren mit einer „MySpace“-Seite ist ja doch gering – jedenfalls geringer als beim kommenden Publikum.
BECKMANN: Das ist aber kaum Aufgabe der Verlage.
KREITLING: Mag sein. Aber bisher gefallen sich die Verlage doch vor allem darin, mit diesem ganzen neumodischen Kram nichts zu tun haben zu wollen. Ich finde das unprofessionell. Mir wäre als Minimalziel schon viel geholfen, wenn auf den Webseiten der Verlage endlich ordentliche Fotos der Autoren abrufbar wären. Und zwar aktuelle und professionelle, keine Schülerbilder, die der beste Freund gemacht hat. Niemand verlangt Annie-Leibovitz-Porträts, aber ein wenig mehr Standard wäre schon schön. Im Augenblick ist es ja so, dass man zu Berufszeiten in der Pressestelle anrufen muss und dann kommt, wenn überhaupt, ein Foto in zu kleiner Auflösung, bei dem die Rechte bei einer bekannten Fotografin liegen, nicht beim Verlag.
Zum letzten Sonntagsgespräch mit [Stefan Haselbach über das Vergnügen, Ratgeber zu verlegen und zu lesen: [mehr…]]