Mehrfach wurde im Feuilleton auf den Offenen Brief der Aufbau-Lektoren hingewiesen – hier ist er im Wortlaut:
„Es ist höllisch heiß in Martirio, doch die Zeitungen auf der Veranda sind voller frostiger Neuigkeiten“, beginnt DBC Pierres Roman „Jesus von Texas“. Kurz nachdem er 2004 mit dem renommierten Booker-Preis ausgezeichnet wurde, erschien er im Aufbau-Verlag. Eine Lektorin hatte das Manuskript gemeinsam mit der Programmleitung lange zuvor akquiriert. Ein junger Übersetzer hatte den Roman brillant übertragen, Hersteller und Graphiker gestalteten ihn nach allen Regeln der Kunst, bevor ihn die Presse-, die Werbe-, die Vertriebsabteilung ins Land trugen, mit Enthusiasmus und Stolz. Zur Buchpremiere ließ sich der damalige Aufbau-Verleger ein Exemplar vom Autor signieren.
Vier Jahre später, am 31. März 2008, versammelten sich alle Mitarbeiter des Hauses zur Präsentation des neuen Programms. Es war der erste Tag der Vertreterkonferenz, und der Verleger kam zu spät, wie so oft. Dieses Mal absichtsvoll; er wollte sich feiern lassen: Der Bundesgerichtshof hatte ihn als Eigentümer des Verlags bestätigt. Und so trat Bernd F. Lunkewitz vor seine Mannschaft, breitete die Arme aus und sagte: „So sehen Sieger aus.“ In dem folgenden Applaus kamen Respekt, Freude und Erleichterung zum Ausdruck. Lunkewitz erklärte, dass Aufbau eine gute Zukunft sicher sei. Es wurde gelacht und gescherzt, in bester Zuversicht, und der Verleger versprach, alle juristischen Widersprüche zu lösen. Schließlich klingelte sein Mobiltelefon, und er verließ für den Rest des Tages den Raum.
Voller Vertrauen und Elan gingen 60 Menschen an ihre Arbeit – jenes merkwürdige Geflecht aus Handwerk und Intuition, aus Lektüre und Gespräch, Empathie und Kritik. Das Versprechen, das der Verleger gegeben hatte, trugen sie weiter: zu den Druckern, Graphikern, Übersetzern, Buchhändlern, Korrektoren, Literaturagenten, zur Presse, zu den Lesern, zu Veranstaltern, Lizenzpartnern im In- und Ausland. Und nicht zuletzt zu den Autoren, denen Programmleiter und Lektoren nun eine noch sicherere verlegerische Heimat garantieren konnten. Es braucht, neben einer soliden finanziellen Basis, viele und vieles, um am Ende ein Buch in Händen zu halten: Leidenschaft, Respekt, Geduld, Visionen, Phantasie – und Verlässlichkeit.
Höllisch heiß und voller frostiger Neuigkeiten war der 30. Mai 2008. Wieder hatten sich die Mitarbeiter versammelt. Dieses Mal trat der Verleger nicht vor die Belegschaft, vielmehr mussten die Geschäftsführer einen Brief von ihm verlesen. Er danke „für die hervorragenden Leistungen, die … für das Unternehmen und die deutsche Literatur geleistet“ worden seien. Der Verlag sei jedoch eine „vermögenslose Hülle“, nunmehr müssten die Geschäftsführer „die schwere Entscheidung eines Insolvenzantrags“ treffen. Der ehemalige Verleger besann sich auf seine Rolle als Immobilien-Eigner und kündigte dem Verlag noch am selben Tag die Räume. Statt seinen Autoren, Geschäftspartnern und Mitarbeitern Rede und Antwort zu stehen, drohte er in der Presse mit Vokabeln wie „exekutieren“, „liquidieren“ und „Licht ausmachen“.
Inzwischen gibt Bernd F. Lunkewitz zu verstehen, dass seine Investitionen nicht um der Literatur und der Autoren willen getätigt worden sind, sondern um für den Prozessausgang gewappnet zu sein – der Verlag dient ihm als Drohmittel und Bauernopfer in einem Millionenpoker. Mit verlegerischem Ethos hat dies nichts zu tun. Der Mann, der dem Aufbau-Verlag über all die Jahre eine gute Zukunft versprach und im Gegenzug dafür auf das uneingeschränkte Engagement seiner Mitarbeiter zählen konnte, war nicht einmal mit halbem Herzen dabei – sein Herz war nie bei der Sache. Darum geht es.
Dass dieser Aufbau-Verlag keinesfalls eine „vermögenslose Hülle“ ist, stellte der vorläufige Insolvenzverwalter fest. Seither sind es er, die Geschäftsführung und die Mitarbeiter, die für den Fortbestand des Verlages sorgen. In unzähligen Gesprächen, Briefen und E-Mails wurde die Botschaft ausgegeben: Wir machen weiter. Autoren, Übersetzer, Buchhändler, Graphiker, Drucker, Korrektoren, Literaturagenten, Presse, Leser, Veranstalter, Lizenzpartner im In- und Ausland antworteten: Wir machen mit. Denn ein Verlag braucht vieles und viele.
Das Lektorat des Aufbau-Verlags