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Handel hat seine Aufgaben gemacht / Offener Brief in Sachen Übersetzerstreit

Die Jahrestagung der AG Publikumsverlage hat im Münchner Literaturhaus begonnen. Ein vielseitiges Programm [mehr…] erwartet die Teilnehmer. Nach der Eröffnung des Börsenverein-Vorstehers Heinrich Riethmüller ergriff Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis das Wort: Der stationäre Handel habe seine Hausaufgaben gemacht und seine Öffentlichkeitsarbeit trage Früchte.

Alexander Skipis

Angesichts der Marktveränderungen sei es an der Zeit, sich um die eigentlichen Inhalte zu kümmern. „Unsere Branche hat die Kraft, Kristallisationsaspekte unserer Gesellschaft anzusprechen“, sagte Skipis, und hier sieht er auch neue Aufgaben für den Börsenverein. Das Thema Friedenspreis soll weiterentwickelt und die Buchmesse soll politischer werden: „Wir müssen uns zu Wort melden für die, die nicht unseren Luxus der freien Meinungsäußerung haben“, sagte Skipis. Stolz sei er auf Erfolge in der politischen Arbeit. So sei z.B. die reduzierte Mehrwertsteuer für Hörbücher erreicht. Freilich: Die Verhandlungen zum USA-Freihandelsabkommen sieht Skipis nach wie vor skeptisch.

Heinrich Riethmüller

Riethmüller war in seinem Grußwort ebenfalls auf die Situation der Branche eingegangen. Der Leser und Kunde habe heute eine ganz andere Macht als noch vor zehn Jahren – darauf müssen wir uns alle einstellen. So nütze auch nichts, auf Amazon zu schimpfen, ohne ein gleichwertiges oder besseres Angebot zu bieten.Der stationäre Handel dürfe nicht schlechter gestellt werden als der Versandhandel, forderte Riethmüller und erklärte seinen Respekt vor der Umbreit-Entscheidung, die Amazon-Zentren in Polen aus Kostengründen nicht anzufahren.

Ein Programmpunkt bei der AG Pub war auch der sog. Übersetzerstreit: Random House-Vorstand Frank Sambeth berichtete von juristischen Auseinandersetzungen zwischen Verlagen und Übersetzern – bei denen die Gegenseite darauf abhebe, dass die „Hanser-Regel“ so etwas wie eine Branchenlösung sei. Denn mehrere Publikumsverlage warnen davor, dass einzelne Übersetzer derzeit „durch die Hintertür“ versuchten, die Hanser-Vergütungsregel bei Gericht zu einem Branchenstandard zu machen.

Bisher 33 Verlage haben einen offenen Brief an den VdÜ-Vorsitzenden Hinrich Schmidt-Henkel unterzeichnet:

„Mit Verwunderung und zunehmender Verärgerung beobachten wir, dass der Verband der Übersetzer seit einigen Wochen systematisch versucht, die mit dem Hanser Verlag vereinbarte Vergütungsregel für die Honorierung von Übersetzern, der sich fünf weitere, überwiegend kleine Hardcoververlage angeschlossen haben, als für sämtliche Publikumsverlage in Deutschland verbindliche ‚Gemeinsame Vergütungsregel‘ durchzusetzen. Besonders ärgerlich ist dabei, dass das Gros der deutschen Publikumsverlage in diese Verhandlungen nicht einbezogen worden ist. Zudem sind einige der ursprünglich beteiligten Verlage ganz bewusst aus den Verhandlungen ausgestiegen, als sich das Ergebnis in Richtung der jetzt mit Hanser verabschiedeten Vereinbarung bewegte. Der VdÜ hat es – auch gegenüber dem Börsenverein – mehrfach abgelehnt, mit einer repräsentativen Gruppe von Publikumsverlagen über eine branchenweite gemeinsame Vergütungsregel auf der Basis der durch jahrelange Rechtssprechung bestätigten Usancen zu verhandeln.
Sie, verehrter Herr Schmidt-Henkel, haben zwar im Nachhinein versucht, auch uns für die Hanser-Vergütungsregel zu gewinnen, scheinen aber Ihren Mitgliedern verschwiegen zu haben, dass wir uns ausdrücklich nicht angeschlossen haben.
Dessen ungeachtet wird in einer Fülle offensichtlich konzertierter Einzelfälle penetrant die unzutreffende Behauptung aufgestellt, es handele sich bei dieser ‚Hanser-Vergütungsregel’ um eine Branchenlösung. Unbeteiligte Dritte (Rechtsanwälte und Gerichte) sollen wohl auf diesem Wege instrumentalisiert werden, diese Ihnen angenehme Vereinbarung durch die Hintertür als Branchenstandard zu etablieren. Wir verstehen dieses Verhalten als demonstrative Abkehr von einem partnerschaftlichen Miteinander.
Wir gehen davon aus, dass der VdÜ seine Mitglieder über die bestehende Sachlage nur unzureichend informiert hat. Ohne die Verabschiedung einer Vergütungsregel, die den Geschäftsmodellen und Erlösstrukturen der großen Mehrheit der deutschen Publikumsverlage gerecht wird, geben uns Rechtsprechung und Gesetz den Rahmen einer angemessenen Vergütung vor. Die Übernahme der mit Hanser ausverhandelten Vergütungsregeln für Übersetzungen für unsere Verlage lehnen wir hiermit noch einmal und in aller Deutlichkeit ab.“

Unterzeichnet haben diesen offenen Brief bislang die Verlage Arche, Bastei Lübbe, C.H. Beck, Campus, Carlsen, Coppenrath, Dorling Kindersley, Dressler, DuMont, S. Fischer, Fischer Kinder- und Jugendbuch, Gmeiner, Herbig, Kindler, Kunstmann, LangenMüller, NordSüd, Nymphenburger, Oetinger, Oetinger Media, Piper, Ravensburger, Reclam, Rowohlt, Rowohlt.Berlin, Rowohlt Polaris, Silberburg, Suhrkamp, Verlagsgruppe Droemer Knaur, Verlagsgruppe Random House, weissbooks.w, Wunderlich und zu Klampen.

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