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Hedy Kunze: Warum die Inhaberin einer kleinen Buchhandlung die neue Thalia-Filiale in ihrer Nähe nicht als Existenzbedrohung sieht

Hedy Kunze hat bei der exzellenten (ehemaligen) Buch- und Kunsthandlung Egger gelernt und war vier Jahre lang in der Buchhandlung Hoffmann – beide in Passau – als Sortimenterin tätig. 1993 hat sie mit der Gründung der Buchhandlung im Baronhof ihren langgehegten Wunsch nach Selbständigkeit verwirklicht: in ihrem Geburtsort Waldkirchen (10.000 Einwohner). Dort macht sie heute auf 80 qm Fläche mit einer Halbzeitangestellten und zwei Teilzeitkräften einen Umsatz von annähernd 500.000 Euro.

Beckmann: Passau gilt als Shopping-Magnet für einen Umkreis von 50 Kilometern, das kleine Waldkirchen liegt nur 25 Kilometer nördlich, Sie hatten also bisher schon starke Konkurrenz seitens der dortigen großen Pustet-Filiale….

Club der VOR-Leser

Kunze: Auch wenn es Sie vielleicht wundert: Aber Pustet hat uns nie geschadet, ist für uns keine Konkurrenz gewesen, eher ein Ansporn. Zwischen dem Leiter Michael Henke, seiner ersten Sortimenterin Maria Steinkress und mir besteht ein gutes kollegiales Verhältnis…

Beckmann: Aber nun hat in dem Passauer Einkaufszentrum der Neuen Mitte Weltbild soeben eine Filiale aufgemacht….

Kunze: Den Weltbild-Laden finde ich enttäuschend und nicht sonderlich einladend, den sehe ich nicht als Konkurrenz.

Beckmann: Aber die neueröffnete Thalia-Filiale in der Passauer Neuen Mitte muss Ihnen doch wohl Angst machen. Sind Sie da etwa nicht um Ihre Existenz besorgt?

Kunze: Ich weiß schon, dass die Expansion von Thalia viele Kollegen mit großer Sorge erfüllt. Thalia stellt meines Erachtens jedoch bloß für andere Filialisten bzw. große und mittlere Buchhandlungen eine Bedrohung dar, kaum für gute geführte kleine Sortimente.

Beckmann: Haben Sie sich die neue Passauer Thalia-Filiale mal angeschaut?

Kunze: Natürlich. Zweimal, und zwar gründlich. Also, sie ist sehr schön, professionell und übersichtlich gestaltet. Wirklich beeindruckend. Trotzdem glaube ich nicht, dass sie Pustet in Bedrängnis bringen wird, dafür ist Pustet viel zu gut geführt und zu stark im Passauer Raum verwurzelt. Und meine Buchhandlung im Baronhof ist zu breit und tief in Waldkirchen und Umgebung verankert, als dass Thalia uns Angst machen könnte. Wir haben auch viele Kunden aus Passau, und ich bin überzeugt, dass sie weiterhin zu uns kommen werden. Nein, ist sehe da keinen Anlass zum Jammern und Trübsalblasen. Wir betrachten Thalia als Herausforderung, es noch besser zu machen als bisher, uns noch mehr für unsere Kunden einfallen zu lassen.

Beckmann: Bekannte, die Ihre Buchhandlung kennen, sagen: Bei Frau Kunze ist der Kunde König.

Kunze: Also, das höre ich natürlich gern, sehe den Kunden eigentlich aber nicht als König. Wir betrachten und behandeln ihn vielmehr als Gast, wir tun alles, damit er sich als Gast bei uns willkommen, geachtet und persönlich wohlfühlt. Auf die Weise lernt man sich ja auch persönlich kennen.

Beckmann: Ein Schwerpunkt Ihres Sortiments ist die Belletristik.

Kunze: Richtig. Ich denke, da haben wir sogar ein besseres, interessanteres Sortiment als Thalia. Dafür geben wir uns nämlich große Mühe. Lese-Exemplare werden bei uns ausnahmslos auch gelesen. Wir wollen jedem Buch, grundsätzlich eine Chance geben. Und diese Titel werden bis zur letzten Seite gelesen, auch wenn die Lektüre uns persönlich nervt. Es geht ja nicht darum, ob ein Roman einfach meinem und dem privaten Geschmack meiner Mitarbeiterinnen entspricht. Wir müssen auch sehen, ob ein Buch Menschen in unserer Stadt etwas bedeuten könnte.

Beckmann: Sie kaufen vor allem mit Blick auf Ihnen bekannte Kunden ein?

Kunze: Nur so geht’s bei uns. Wenn Vertreter mich gegen meine Linie und Überzeugung zu etwas überreden wollen, beißen Sie auf Granit. Wenn ein Vertreter mir weismachen will, ich müsse aber den oder jenen Roman unbedingt ordern, weil sein Verlag eine Riesenwerbung dafür veranstaltet oder angeblich eine fantastische Medienkampagne hinkriegen wird und andere Sortimenter den Titel wie verrückt ordern, dann sag ich ihm: Tut mir leid, aber die überregionale Bestsellerei ist für mich uninteressant, im übrigen wollen und müssen wir nicht wie andere Buchhandlungen sein, wir sind eben eine individuelle Kundenbuchhandlung mit eigenem, besonderen Angebot.

Beckmann: Sie huldigen also auch nicht so sehr ihrem ganz individuellen literarischen Geschmack – was man gerade Sortimenterinnen oft gern nachrühmt.

Kunze: Ich möchte die Arbeit engagierter Kolleginnen eigentlich nicht kommentieren, aber ganz allgemein doch so viel sagen: Wir Frauen müssen oft besonders aufpassen, dass wir unsere Buchhandlung nicht wie ein Hobby oder als persönliche Liebhaberei betreiben. Und sollten uns von Vertretern nicht schmeicheln und mit schönen Worten wider besseres Wissen über den Tisch ziehen lassen.

Beckmann: Aber funktioniert das wirklich, sich beim Einkauf auf die eigene Nase und Kundenkenntnis zu verlassen? Gestatten Sie, sozusagen als Test, zu dem Punkt eine dumme Frage: Wie hoch ist eigentlich Ihre Remissionsquote?

Kunze: Unsere Remissionsquote ist gleich null

Beckmann: Mit einer 80-qm Ladenfläche fast eine halbe Euro-Millionen Umsatz zu erreichen, ohne Remissionen, bei solch kleinem Personal, müsste eigentlich ein ausgezeichnetes Betriebsergebnis zeitigen…

Kunze: Da können wir sehr zufrieden sein.

Beckmann: Es setzt allerdings auch eine recht große Kundschaft voraus. Wie haben Sie so viele Kunden gewonnen? Wie gewinnen Sie neue Kunden?

Kunze: Zu uns kommen inzwischen Leute aus einem Umkreis von 50 Kilometern, die meisten aber natürlich aus Waldkirchen. (Lacht.) Die beste Werbung machen glückliche, zufriedene Kunden. Sie setzen eine kontinuierliche gute Mundpropaganda in Gang. Aber wir setzen auch auf regelmäßige Aktionen und Veranstaltungen – mindestens eine im Monat.

Beckmann: Auch Lesungen?

Kunze: Selbstverständlich auch Lesungen.. Und weil überregional bekannte, von weither anreisende Schriftsteller für uns zu kostspielig scheinen, laden wir meist örtlich ansässige Autorinnen und Autoren aus der Umgebung ein. Anfangs haben die Lesungen in der Buchhandlung stattgefunden, die wurde allerdings bald zu klein, da gab’s Gott sei Dank gleich in unserer Nähe ein Kellerlokal, das hundert Personen fasst. Es wird fast immer voll. Eintrittskarten gibt’s bei uns übrigens nur in Vorkasse-

Beckmann: Spielt das regionale Moment für Ihre Buchhandlung im Baronhof überhaupt eine wichtige Rolle?

Kunze: Sicher. Heimat- und Regionalliteratur ist neben der Belletristik die zweite Säule unseres Sortiments. – natürlich auch dank der Touristen. Waldkirchen mit seiner Umgebung, im Eingangsgebiet des Bayerischen Waldes ist ja sehr schön. Und weil es da unmittelbar manchmal an Literatur fehlt, habe ich mich mit dem Ohltaler Verlag in Riedlhütte zusammengetan, der auf meine Kosten gelegentlich besondere Bücher herausbringt. Zum Beispiel 2007 einen Titel der ortsansässigen Künstlerin Reinhilde Schreiber – die Erstauflage von tausend Exemplaren war binnen eines halben Jahres verkauft. Oder jüngst einen Waldkirchen-Bildband des hervorragenden Fotografen Dr. Eugen Knollmüller – im Hauptberuf praktiziert er hier als Zahnarzt.

Beckmann: Ich habe auch von Veranstaltungen anderer Art gehört.

Kunze: Ja. Da gibt es etwa Kabarettabende wie mit dem regional bekannten, begnadeten Komiker Toni Lauerer. Und weil ich das Marketing für einige Vereine mache, in denen ich engagiert bin, wie für das „HNKKJ-Haus“, zum Beispiel auch Klavierabende. Für die „Initiative Mit Krebs leben“, deren Vorstand ich angehöre, führe ich Benefizveranstaltungen durch – und am ersten Samstag im Juni jeden Jahres einen „Firmen-Flohmarkt“, an dem sich alle Firmen in der Stadt beteiligen. Dort verkaufen wir Bücher zum Kilo-Preis: alte, gebrauchte Bücher, von denen unsere Kunden und Mitbürger sich trennen wollen, weil sie nicht mehr benötigt werden, sowie Titel, die sich in unserer Buchhandlung schlussendlich doch nicht verkauft haben. Im vergangenen Juni haben wir so 350 Kilo Bücher verkauft. Der Erlös geht an die „Initiative Mit Krebs leben“.

Beckmann: Sie sind in hohem Maße kommunal engagiert.

Kunze: Waldkirchen ist schließlich auch meine Geburtsstadt. Ich gehöre dazu. Und in solch einer kleinen Gemeinde hat eine Buchhandlung nun mal eine wichtige kulturelle und soziale Funktion. Zugegeben, das bringt auch geschäftliche Vorteile. Aber ich verreise ja auch so gut wie nie, mache kaum Urlaub, ich bin voll und ganz für meine Buchhandlung und meine Engagements da.

Beckmann: Arbeiten Sie außer bei dem Flohmarkt sonst noch mit örtlichen Firmen zusammen?

Kunze: Natürlich. Solche Schulterschlüsse liegen doch im Interesse aller Beteiligten , und sie liegen im Interesse der Kunden aller. Ich erweitere auf diese Weise nicht nur meinen Kundenkreis, ich bringe ihnen so auch wieder das Buch nahe. Deshalb führe ich z. B. mit einer örtlichen Apotheke Veranstaltungen zum Thema Gesundheit durch. Oder etwa in Kooperation mit einem Blumengeschäft einen Vortragsabend mit einem Fachmann, der ein hervorragendes Werk über Rosen geschrieben hat. Oder mit einem Geschäft für Edelsteine eine ähnliche Veranstaltung über die Herkunft bzw. die heilenden Kräfte solcher Steine.

Beckmann: Die dritte Säule Ihres Sortiments sind Kinder- und Jugendbücher.

Kunze: Ja. Darum bin ich auch ins Schulbuchgeschäft eingestiegen und stehe so in engem Kontakt mit Schulen und Kindergärten. Aber auch auf diesem Gebiet haben wir uns eine besondere Aktion ausgedacht und in diesem Jahr erstmals durchgeführt: Wir haben einen „Club der VOR-Leser“ gegründet. Da helfen uns Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren, die richtigen Bücher für unsere Kinder- und Jugendbuchabteilung auszuwählen – in vier Lesegruppen, von 6-8 jährigen, 9-11jährigen, 12–14jährigen und 14–18jährigen.

Beckmann: Und wie soll das funktionieren?

Kunze: Wer Mitglied des Clubs wird, erhält einen Clubausweis und kann sich in der Buchhandlung Lese-Exemplare, also Titel, die es noch nicht zu kaufen gibt – nach seinem Geschmack aussuchen, sie bis zu drei Wochen zum Lesen behalten, mit der Verpflichtung zu einer kurzen schriftlichen Mitteilung darüber, wie ihm das jeweilige Buch gefallen hat. Diese Beurteilung wird dann in der Buchhandlung veröffentlicht. Dafür bekommt er außerdem ein kleines Geschenk. Clubtreff ist am ersten Dienstag des Monats, und einmal jährlich findet ein gemeinsames Clubtreffen mit einer Überraschung statt.

Beckmann: Und wie ist die Idee aufgenommen worden?

Kunze: Die Resonanz des Projekts hat alle Erwartungen übertroffen. Die Verlage haben Exemplare von rund 130 Neuerscheinungen zur Verfügung gestellt, wir haben die Zahl dann um weitere 70 Titel auf unsere Kosten aufgestockt. Am ersten Clubtreffen im Juni in der Buchhandlung haben 120, am zweiten im „Baronkeller“ – dem benachbarten Kellerlokal – haben 140 Kinder und Jugendliche als Clubmitglieder teilgenommen.

Beckmann: Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?

Kunze: Ich bin verheiratet, habe selbst keine Kinder, liebe jedoch Kinder über alles und bin überzeugt, dass Bücher und Lesen für Kinder und Jugendliche enorm wichtig sind. Das Urteil und der Geschmack von uns Erwachsenen unterscheiden sich ja nun aber oft gewaltig vom eigenen Urteil der Kinder und der Jugendlichen, und wir tun ihnen keinen Dienst, wenn wir ihnen unser Urteil und unseren Geschmack aufdrängen – damit nehmen wir ihnen vielleicht sogar oft die Freude und das Interesse am Lesen. Darum nehmen wir sie als Leser und auch als Kunden ernst. Außerdem ermutigen wir sie auf diese Weise dazu , sich mit Büchern aller Art auseinander zu setzen, ihr eigenes Urteil zu bilden, es auszusprechen und öffentlich dazu zu stehen . Es wird ja, für alle sichtbar, publik gemacht.

Beckmann: Nun wirken Sie schon wie eine Pädagogin?

Kunze: Also, Sie haben sicherlich gemerkt, dass ich mich als Buchhändlerin in hohem Maße als Geschäftsfrau verstehe, sonst könnten wir ja auch nicht überleben. Eine Buchhandlung ist meines Erachtens aber nicht einfach bloß ein Geschäft, Bücher sind schließlich auch nicht eine bloße Handelsware, sondern als zentrales Kommunikations-, Bildungs- und die Fantasie anregendes Unterhaltungsmedium ein fundamentales kulturelles und gesellschaftliches „Lebensmittel“. Ich meine darum, dass wir unser „Geschäft“ erst richtig verstehen und auf eine gute Basis stellen, wenn wir auch diesen Aspekt ernsthaft berücksichtigen.
Doch konkret zu Ihrer Frage. Als „Pädagogin“ möchte ich mich nicht bezeichnen. Der Begriff ist mir hier zu eng.

Beckmann: Als was verstehen Sie sich dann aber?

Kunze: Ich glaube und hoffe, dass Kinder und Jugendliche ,mit unserem Club auch ein wenig die Tugend der Zivilcourage entwickeln. Und dass sie verstehen lernen: Eigenes Leben macht nicht nur Spaß- allein das wäre freilich schon ein wichtiges Erlebnis und Resultat -, sondern mit der Beurteilung und Bekanntgabe dessen, was ihnen selbst Freude macht, können sie auch anderen weiterhelfen. Über die Mitgliedschaft in diesem Club werden sie schließlich auch zu Lehrmeistern und Ratgebern für uns Buchhändlerinnen und, indem sie sich aktiv zu Bildung bekennen, lernen sie persönlich Verantwortung übernehmen für die Entwicklung einer guten Lesekultur unter ihren Altersgenossen. So mausern sie sich vielleicht schon ganz früh zu verantwortungsbewussten Mitgliedern unserer Gesellschaft. Ist denn das nicht auch ein eigentlicher, wesentlicher Aspekt von Bildung und Lesen? Bei Bildung und Kultur kann es, darf es doch nicht nur um Spaß, um ästhetische „Selbstbefriedigung“, ums gesellschaftliche Positionieren eines Individuums und eigenes berufliches Fortkommen gehen. Es geht doch um viel mehr, und diesen „Mehrwert“ zu fördern, das ist die Aufgabe und die Chance gerade des unabhängigen Buchhändlers, in dieser Hinsicht werden wir auch in Zukunft unersetzlich sein, das ist die Grundlage, die Existenzberechtigung, das macht den Reiz unseres Geschäfts aus, dafür lohnt es sich zu arbeiten und zu leben – auch wenn ich kaum „Freizeit“ habe und ich mir wenig Ferien gönne.

Beckmann: Anders gesagt: es ist ein Leben, ein Beruf. Ein Geschäft der Selbstaufopferung, oder?

Kunze: Nun kommen Sie mir bitte nicht noch mit diesen dummen alten Sprüchen. Wenn wir unbedingt mit hochtrabenden Begriffen um uns werfen müssen: Handelt es sich da nicht eher um einen nicht ganz unwesentlichen Bestandteil menschlicher und beruflicher „Selbstverwirklichung“ oder „Erfüllung“? Auf jeden Fall erfüllt meine Tätigkeit als Buchhändlerin mich persönlich, beruflich und gesellschaftlich mit Stolz. Sie macht mich stark.

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