Am kommenden Mittwoch, dem 24. September wird das 8. internationale literaturfestival berlin eröffnet. Miriam Gabriela Möllers betreut seit rund sieben Jahren die Programmsparte

E-Mail: miriam.moellers@web.de
„Internationale Kinder- und Jugendliteratur“.
19 Autoren und Illustratoren aus aller Welt sind in diesem Jahr eingeladen worden, manche von ihnen werden eigens für das Festival übersetzt. buchmarkt.de sprach mit der stellvertretenden Festivalleiterin über ihre Erfahrungen mit Autoren, Übersetzern und dem Publikum.
buchmarkt.de: Internationalität ist das Kennzeichen des ilb. Welche Erfahrungen haben Sie in der Zusammenarbeit mit den Übersetzern gemacht? Gibt es besonders „schwierige“ Sprachen?
Miriam Gabriela Möllers: In der Zusammenarbeit mit Übersetzern habe ich – bisher – immer nur gute sehr gute Erfahrungen gemacht. Und ganz besonders mit Übersetzern, die sich vornehmlich der Kinder- und Jugendliteratur widmen. Natürlich ist in meiner Arbeit vor allem der Umgang mit jenen Sprachen herausfordernd und spannend, die man selber vielleicht nicht perfekt spricht.
Da unser Festival ‚international’ ausgerichtet ist, haben wir Gäste aus Albanien, Brasilien, Dänemark, China, Griechenland oder Russland. Und oft müssen insbesondere aus den süd- und osteuropäischen sowie den asiatischen Ländern Texte übertragen werden, da aus diesen Ländern eher selten Kinder- und Jugendliteratur auf den deutschen Buchmarkt kommt.
Worauf kommt es dabei an?
Da muss man sich wirklich auf sein gutes Sprachgefühl, sein Verständnis von deutschen Texten und eben gute Übersetzer verlassen. „Schwierig“ sind Sprachen insbesondere dann, wenn sie sich in ihrer Syntax und Semantik sehr deutlich von der deutschen Sprache und ihrer Struktur unterscheiden, so dass bei manchen Sprachen einfach ein viel geschickteres „Transponieren“ ins Deutsche notwendig ist. So gibt es meiner Erfahrung nach im Grunde für jede Sprache typische ‚Fallen’, die ‚umschifft’ werden müssen, und die die Übersetzer kennen (sollten).
Sollte eine Übersetzung Ihrer Meinung nach stärker die Kultur der Ausgangssprache wiedergeben oder dem kulturellen Hintergrund der Zielsprache angepasst werden?
Generell halte ich sehr, sehr viel davon, Literatur als Kunst zu betrachten. Und von einer gebührenden Demut dem Autor bzw. Illustrator und seinem Werk gegenüber. Dennoch finde ich, dass manche Sprachen eine größere Freiheit bei der Übersetzung ins Deutsche erfordern als andere. Und das finde ich in Ordnung und vor allem notwendig.
Eine Übersetzung darf einen literarischen Text nie verfälschen und sollte immer versuchen, den Ton der Literatur zu treffen und der Stimme des Autors so nahe wie möglich zu kommen. Um eine bestimmte Atmosphäre, einen bestimmten Ton in der deutschen Übersetzung wiederzugeben, sollten jedoch moderate Freiheiten legitim sein.
Und was die Kultur der Ausgangssprache bzw. den kulturellen Hintergrund der Zielsprache betrifft: Beides muss ein Übersetzer im Auge haben und damit gekonnt jonglieren. Das eine geht nicht ohne das andere, um einem literarischen Werk gerecht zu werden. Die Philosophie unseres Festivals und insbesondere unseres Programms für junge Leser ist ja, über Literatur und Sprache fremde Welten lebendig werden zu lassen. Daher kann ich nur sagen: Die Kultur der Ausgangssprache sollte unbedingt erfahrbar werden in einer Übersetzung, denn sonst kann eine Geschichte, ein Gedicht oder ein Roman in der Übersetzung nicht authentisch wirken.
Wo liegen die Grenzen der Freiheit beim Übersetzen?
Es gibt Länder, deren märchenhaft-erzählende Kinder- und Jugendliteratur sich deutlich von beispielsweise anglophoner Jugendliteratur mit einem starken Bezug zu den realen Lebenswelten von Jugendlichen unterscheidet, die also – noch – sehr „niedlich-verspielt“ ist. In der litauischen Kinderliteratur sind mir beispielsweise viele Diminutive begegnet, die (junge) Leser in Deutschland nicht ansprechend finden.
Also habe ich gemeinsam mit dem Übersetzer und der Zustimmung des Autors die Diminutive weitgehend „verändert“. In anderen Fällen können Details aus der Ausgangssprache und -kultur hingegen stehen bleiben und sogar besonders authentisch wirken: So muss in einer Norwegisch-Übersetzung aus der Währung „Krone“ nicht zwanghaft ein „Euro“ werden. Wenn der Text deutlich macht, dass es sich bei einer „Krone“ um ein Geldstück handelt, dann kann sie übernommen werden.
Aber ein Text sollte nie „folkloristisch“ werden, darf nicht fremd und unnahbar werden durch zu viele Worte oder Begriffe, die keinen Bezug möglich machen. Bei einer Übersetzung müssen immer Entsprechungen zur Kultur der Zielsprache gefunden werden, die wie ein Referenzrahmen fungieren, damit der Leser die Details verorten und die Stimmung erfassen kann.
Sprachliche Unterschiede, die aus der Erzähltradition eines Landes und dem Schreibstil eines Autors herrühren, sind immer schwieriger anzupassen als inhaltliche Details, die sich auf die andere Kultur beziehen. Und wenn es keine geeigneten Entsprechungen gibt, dann müssen sie sprachlich „irgendwie“ geschaffen werden – und brillante Übersetzer können genau dies.
Gibt es Besonderheiten bei der Übersetzung von Kinder- und Jugendliteratur – im Gegensatz zu Büchern für Erwachsene?
Die Übersetzungen von kinder- und jugendliterarischen Texten sollten auch kinder- und jugendgerecht sein, niemals aber künstlich verniedlichend oder kitschig angelegt werden, nur weil es sich ja nicht um erwachsene Leser handelt. Das fände ich ganz falsch. Ein literarischer Text und seine Übersetzung sollen, dürfen und können ruhig herausfordernd sein.
Zu den Besonderheiten zählt für mich zum Beispiel, dass man ein besonderes Augenmerk auf die Wortwahl und den Umgang mit Fremdwörtern legt. Manche Begriffe, die Erwachsenen geläufig sind und uns gar nicht als Fremdwörter auffallen, sollte man genau hinterfragen. Denn gerade, was den Sprachgebrauch betrifft, ist es wichtig, nah an der jugendlichen Ausdrucksweise und ihrem Sprachverständnis zu sein – aber: Nie auf Kosten der Authentizität und der Poesie eines Textes.
Die Autoren lesen während des Festivals vor Kindern und Jugendlichen zunächst in ihrer Sprache, die Texte werden anschließend von Schauspielern auf Deutsch gelesen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Publikum, während in der fremden Sprache gelesen wird?
Meine Erfahrungen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen als Publikum solcher zweisprachig angelegten Veranstaltungen sind durchweg sehr, sehr positiv. Ich bemerke immer wieder, dass wirklich sehr viel „rüberkommt“. Uns ist es wichtig, dass eine Begegnung authentisch ist und dass Autoren und Illustratoren ihre Literatur und ihre Bilder zunächst selber vorstellen. Es geht darum, die Stimme des Autoren zu hören, seine Intonation, die Art seines Vortrags sowie die fremde Sprache und ihren Klang zu erfassen. Dabei vermittelt sich ungemein viel, denn eine Kultur wird auch und vor allem über ihre Sprache erfahrbar – viel mehr, als man rational wahrscheinlich benennen kann.
Worauf muss man achten bei zweisprachigen Lesungen für Kinder und Jugendliche?
Natürlich muss man sich eine passende Dramaturgie überlegen, die auch den unterschiedlichen Altersstufen der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen gerecht wird. Bei zweisprachigen Lesungen mit englisch- oder französischsprachigen Autoren ist der Leseausschnitt im Original durchaus etwas länger – z.B. fünf bis zehn Minuten – als bei Autoren, die auf Albanisch, Norwegisch oder Japanisch lesen – z.B. zwei bis vier Minuten – wie in diesem Jahr. Denn es handelt sich um Schulsprachen, und bei Veranstaltungen für Schüler ist den Lehrern wichtig, dass eine solche Begegnung auch die Fremdsprachenkompetenz und das Sprachverständnis fördert. Viele Lehrer berichten mir nach den Veranstaltungen begeistert, wie spannend ihre Schüler es fanden z.B. einem Schriftsteller aus Südafrika zu begegnen und einen Text auf Englisch zu hören.
Und auf das entsprechende Timing kommt es natürlich an: Kleinen Kindern kann man keine zehnminütige Lesung au Finnisch zumuten, denn der Reiz des Exotischen ist nach ein paar wenigen Minuten vorüber und die Konzentrationsfähigkeit lässt dann einfach schnell nach, wenn die Kinder nichts verstehen, und Jugendliche fangen gerne an sich um ihren Platznachbarn, ihr Handy oder die berühmten Kaugummis unter den Sitzen zu kümmern. Aber die zwei, drei Minuten Finnisch gönnen wir uns und unserem Kinder- und Jugendpublikum immer – und die sind ungemein wichtig und bereichernd!
Manchmal sprechen die Autoren ja auch selbst ein wenig Deutsch …
Ja, das sind oft besonders schöne Begegnungen. In solchen Fällen überlege ich mit den Künstlern selber und den Schauspielern, wie abwechselungsreich man den Vortrag einer Geschichte, eines Romanauszugs oder von Gedichten gestalten kann. Vor allem jüngere Kinder bis zum Alter von, sagen wir, zehn, elf Jahren lieben es, wenn die Autoren in ihrem „unvollkommenen“ Deutsch vortragen, denn es macht ihnen Spaß zu sehen, dass auch Erwachsene nicht alles gut können und gerade bei einer Gruppe von Kindern mit multikulturellem Hintergrund ist es identitätsstiftend.
Meist kreieren wir eine kleine Performance: Der Autor liest auf Niederländisch, dann auf Deutsch, dann liest der Autor wieder auf Niederländisch, dann aber der Schauspieler auf Deutsch. So entsteht eine vielstimmige, abwechselungsreiche Lesung.
Es gibt Autoren, die ihre Texte selber sehr gut präsentieren können – sowohl in ihrer eigenen Sprache wie auch im Deutschen. Edward van de Vendel gehört dazu, der bei seiner Festivalteilnahme im September 2006 gemeinsam mit dem Sprecher Frank Arnold ausgewählte Gedichte aus „Superguppie“ Kindern ans Herz gelegt hat, die ich zuvor von Rolf Erdorf hatte übersetzen lassen. Das Wechselspiel aus Niederländisch, niederländischem Deutsch und Deutsch war ganz wunderbar und hat die Neunjährigen, wie mir heute noch manche Lehrer berichten, nachhaltig beeindruckt.
Gibt es auch rein originalsprachige Lesungen?
Ja, in der Programmsparte „Internationale Kinder- und Jugendliteratur“ bieten wir auch – und durchaus viel öfter als in der „Erwachsenenliteratur“ – rein originalsprachige Lesungen und Werkstätten, die von Schülern z.B. aus den Berliner Europaschulen oder anderen fremdsprachen-orientierten Schulen wahrgenommen werden.
Dies geht in Deutschland meiner Erfahrung nach nur, wenn man ein für die jeweilige Sprache entsprechendes Publikum hat oder es sich um Veranstaltungen für die Sekundarstufe II handelt. Denn auch originalsprachige Lesungen in Englisch und Französisch für die Sekundarstufe I sind nicht unproblematisch, weil meist das Fremdsprachenniveau doch nicht so gut ist für eine Lesung und die anschließende Diskussion mit dem Autor oder Illustrator, muss ich leider sagen.
Sie sind außerdem Mitglied der dreiköpfigen Jury zum Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises, der in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse an einen Übersetzer verliehen wird. Wie sieht Ihre Jury-Arbeit aus? Nach welchen Kriterien treffen Sie die engere Auswahl?
Zunächst: Es macht großen Spaß! Wir Drei hatten von Anbeginn die gleiche Wellenlänge und haben uns sehr zügig nach unserer Berufung in die Jury auf vier potentielle Sonderpreis-Kandidaten einigen können, deren Übersetzungen wir uns in diesen Wochen und Monaten genauer ansehen. Jede/r von uns hat zunächst anhand seines Know-hows und seiner Leseerfahrungen drei bis fünf Übersetzer für eine erste Liste vorgeschlagen, die wir dann einvernehmlich auf vier Kandidaten „kondensiert“ haben. Und das ging ganz flugs.
Anschließend haben wir uns – jeder und jede für sich – damit befasst, die Original-Werke und die Übersetzungen dieser vier Anwärter eingehend zu studieren und anhand vielfältiger Kriterien miteinander zu vergleichen. All dies im stillen Kämmerlein, bevor wir bei einer längeren Jurysitzung vor nicht allzu langer Zeit unsere Eindrücke ausgetauscht und uns auf die Preisträgerin oder den Preisträger verständigt haben.
Sie haben sich im Frühjahr entschieden, das ilb zu verlassen, das Sie stellvertretend leiten. Sicher kein leichter Abschied …
Nein, durchaus nicht, aber eben auch ein lange gereifter Entschluss. Denn manchmal muss man Entscheidungen treffen. Das internationale literaturfestival berlin und vor allem die Programmsparte „Internationale Kinder- und Jugendliteratur“, die ich den vergangenen sieben Jahren aufbauen durfte, sind mir natürlich ungemein ans Herz gewachsen – die wunderbaren Autoren und Illustratoren, die engagierten Kooperationspartner in ganz Berlin, bundesweit und international, das enthusiastische Publikum, die Gesprächspartner, Kuratoren und Verlage, die mitwirkenden Moderatoren, Sprecher, Dolmetscher und Übersetzer, die über all die Jahre gemeinsam mit mir für die Kinder- und Jugendliteratur „gestritten“ haben…
So viele Menschen, die meine „Philosophie“ teilen und denen ich verbunden bleiben werde – da mein Engagement auch weiterhin und uneingeschränkt anderen spannenden Projekten in der internationalen Kinder- und Jugendliteratur gilt.
Die Fragen stellte Susanna Wengeler
Das Programm des internationalen literaturfestivals berlin finden Sie unter www.literaturfestival.com. Zum Thema „Kinder- und Jugendliteratur Übersetzen“ lesen Sie bitte auch das Special Junge Zielgruppe, erschienen im September-BuchMarkt http://www.buchmarkt.de/downloads/Inhalt_09_08.pdf







