Wie kann man der stetig steigenden Nachfrage nach akustischer Literatur gerecht werden? Dieser Frage gingen gut 80 Buchhändler, Audio-Dienstleister, Fachjournalisten sowie Mitarbeiter des zweitgrößten deutschen Hörbuchverlags am Dienstag in Köln nach.

Ute Romeike und Vera Anna
Random House Audio hatte zu seiner Zehn-Jahres-Feier in die Kinderoper, die Kulisse der Elke-Heidenreich-Sendung „Lesen!“, eingeladen – und im Rahmen der Feier auch dazu, gemeinsam über „Chancen und Perspektiven des Hörbuchs“ zu diskutieren.
Eine Gelegenheit, die die anwesenden Buchhändlerinnen und Buchhändler dankbar aufgriffen. In einer Talkrunde – auf der Bühne mit den Buchhändlerinnen Ute Romeike (Hörbuchhandlung Romeike aus Düsseldorf) und Vera Anna (Buch Habel, Wiesbaden) – formulierte man Wünsche an die Verlage allgemein, z.B. den vermehrten Einsatz von Hörproben-CDs, Aufstellern und Deko-Material, oder auch alltägliche Probleme wie die unterschiedlichen Verpackungsgrößen, die eine Doppelpräsentation von Buch und Hörbuch erschwerten. Im Widerspruch dazu ist es gerade die Doppelpräsentation, die aktuell von mehreren Unternehmensberatungen gefordert wird, um den Hörbuchverkauf zu forcieren.

Hörbücher haben eine große Bildungsfunktion
Zwei Anregungen sollen bzw. konnten bereits in die Tat umgesetzt werden: Ein Gesamtverzeichnis aller in Deutschland lieferbaren Hörbücher wird laut Ines Wallraff (stellv. Verlagsleiterin) derzeit im AK Hörbuch des Börsenvereins diskutiert, und bis dahin helfen immerhin Online-Verzeichnisse wie www.audiobooks.at und www.echthoerbuch.de (je 14.000 Titel) sowie www.hoerdat.de, wo 30.000 Lesungen und Hörspiele, die jemals im Radio gesendet wurden, recherchiert werden können.
Der zweite Tipp ist das Hörbuch-Lexikon des AK Hörbuch, das von Buchhändlern kostenlos angefordert werden kann. Es erklärt nicht nur die wichtigsten Begriffe rund ums Medium, sondern hilft auch bei der Organisation einer Lesung im Geschäft sowie beim Bewerten von Hörbüchern nach einheitlichen Qualitätskriterien. Bisher sind zwei Ausgaben erschienen, die dritte soll zur Frankfurter Buchmesse fertig werden. Interessierte Buchhändler können die in weiten Teilen immer noch gültige Ausgabe 2006/2007 von www.hoerbuch-lexikon.de herunterladen.
Ein Tenor war beim Händlertag zu spüren: Irgendetwas muss passieren, damit die „gefühlte“ Stagnation auf dem Hörbuchmarkt nicht zu einer echten wird. Die Zahlen sprechen zwar dagegen: Mittlerweile sind 200 Millionen Euro Umsatz im Jahr und respektable fünf Prozent

des Buchmarkts erreicht, außerdem legen nun auch die Märkte in Österreich und der Schweiz zu. Doch der klassische Vertriebskanal Buchhandel verliert regelmäßig an Boden, auch wenn vor allem die großen Verlage auf den immer noch wichtigsten Anteil des Buchhandels am Hörbuchverkauf verweisen.
Einhellige Meinung der engagierten Hörbuch-Buchhändler: Wenn es nicht gelingt, die Vorzüge des Mediums zu transportieren – und zwar an nicht-kaufende Endkunden wie auch an nicht-verkaufende Buchhändler –, werden Hörbücher auch noch viele Jahre hinweg nur als „Zweitverwertung“ und nicht als eigenständige Kunstform angesehen werden. „Die große Mehrheit der Buchhändler hat kein Interesse oder keine Zeit fürs Hörbuch“, stellte überraschend eine Händlerin fest und ergänzte unter allgemeiner Zustimmung: „Mehr Beratung, mehr Leidenschaft bei meinen Kollegen – das wäre wirklich wünschenswert.“
Dabei ist das Hörbuch längst in der breiten Gesellschaft angekommen und nicht bloß ein Medium für Blinde oder gar für „Lesefaule“. Verlagsleiter Karl Heinz Pütz stellte in seiner Begrüßung fest: „Das Hörbuch ist so nah am Buch, dass niemand mehr darauf verzichten will.“ Selbst Lesen-Verfechterin Elke Heidenreich, die aus ihrer „Reise durch Verdis Italien“ las, warb für Hörbücher und bescheinigte ihnen eine große Bildungsfunktion. Und: „Hörbücher bringen mir besseres Autofahren bei, weil ich nun entspannt Geschichten lauschen kann. Ich rase zwar immer noch beim Bücherlesen, aber nicht mehr beim Fahren!“

Christian Brückner und Charles Brauer
Karl Heinz Pütz und seinem Team war es deshalb wichtig, am Händlertag auch auf den Reiz der verschiedenen Hörbuchgattungen einzugehen und den großen Aufwand einer Hörbuchproduktion zu verdeutlichen. Produzent Thomas Krüger stellte die Hauptgattungen Lesung, szenische Lesung und Hörspiel mit zahlreichen Hörproben vor und verwies auf eine große Chance: „Manche Genres wie Klassiker, Lyrik, Kabarett und Comedy, die als Buch eher ein Schattendasein führen, profitieren eindeutig von der Umsetzung als Hörbuch.“
Programmleiterin Sabine Buss sprach im Anschluss mit Autor Jochen Rausch und Produzent Oliver Versch über den Ablauf einer Produktion. Ebenso dabei: die bekanntesten Hörbuchsprecher Deutschlands: Charles Brauer, der alle John-Grisham-Hörbücher bei Random House Audio gelesen hat, und Christian Brückner, Synchronstimme von Robert de Niro und mit dem Label Parlando sein eigener Hörbuchverleger.
Zum Abschluss des Händlertages las Brückner aus „Der Katalane“ von Noah Gordon, das als Hörbuch bei RHA erschienen ist. Sein persönlicher Wunsch an die Buchhändler: „Der ganze riesige Aufwand, den wir für dieses echte Kunstprodukt treiben, nutzt leider nichts, wenn das Hörbuch nicht im Buchhandel verkauft wird.“
So stand der Händlertag von Random House Audio unbestritten unter dem Zeichen des gemeinsamen Erfolgs – was schon durch das besondere Bühnenbild der Kinderoper mit einem Augenzwinkern unterstrichen wurde: ein gigantisch aufgemalter Geldspeicher à la Dagobert Duck.
rw