
Zhang Jie, Juergen Boos (v.l.)
In seiner Rede auf der Vorschau-Pressekonferenz betonte Juergen Boos die Freiheit der Rede als Grundfeste der Buchmesse.
Er stellte seine Gäste vor: die chinesische Vizeministerin des General Administration of Press and Publication (GAPP), Li Dondong, den Vizepräsident der Shanghai Century Publishing Group, Hu Dawei, den stellvertretenden Direktor des Büros des Organisationskomitees für den chinesischen Ehrengastauftritt, Cheng Yingming, die stellvertretende Direktorin des Büros des Organisationskomitees für den chinesischen Ehrengastauftritt, Jiao Guoying und die Autorin Zhang Jie.
Um die Entwicklung in China zu verdeutlichen, berichtete Juergen Boos, das 2004 gerade ein Buch aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzt wurde, 2006 waren es neun, 2008 bereits etwa 200 Übersetzungen. Etwa 450 Titel wurden aus dem Deutschen ins Chinesische übersetzt.
„Der Ehrengast-Auftritt Chinas nächstes Jahr hier auf der Frankfurter Buchmesse wird für Chinas Literatur und Kultur die Chance bieten, sich verständlich zu machen, die Sprachbarriere zu überwinden und neue Leser und Freunde zu gewinnen“, sagte der Messedirektor. Schon zur gerade laufenden Buchmesse sei die Öffnung des Landes, die einen Blick auf die vielen Gesichter Chinas erlaubt, spürbar. „Ganz in der Nähe des chinesischen Nationalstands befindet sich ein Gemeinschaftsstand unabhängiger chinesischer Verlage. Diese privaten Verlage reiten auf einer Welle, die mit dem Internet über uns alle, aber ganz besonders über China hereinbrach“, ging er auf die Gegenwart ein.
Chinas Einfluss auf die Digitalisierung wird sich nach Expertenschätzungen in den nächsten fünf Jahren verdreifachen. Neun Millionen regelmäßige Konsumenten von Unterhaltungsliteratur im Netz konstatierte eine Studie – eine Steigerung von fast 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Ehrengast China – das heißt Auseinandersetzung mit einer anderen Kultur. Auseinandersetzung aber heißt auch Vertrauen schaffen, und das ist das Anliegen der Buchmesse.
„Das internationale Verlagswesen schenkt dem chinesischen Verlagswesen eine noch nie dagewesene Aufmerksamkeit“, stellte Li Dongdong fest. Seit der Reform und der Öffnung Chinas nach außen vor 30 Jahren ist viel passiert.1978 gab es 105 Verlagseinheiten, 2006 waren es 573. An Zeitungen – damals 186 – gibt es fast 2000, von ehedem 930 Zeitschriften sind nun über 9000 zu haben. Auch im Buchbereich sprechen die Zahlen für sich: waren es 1978 noch 15.000 Sortimentstitel, sind im Jahr 2006 230.000 in einer Auflage von 6,4 Mrd. erschienen. 420 Millionen Chinesen besitzen heute ein Mobiltelefon, 130 Millionen einen Computer.
Die Ziele der Verlage sind heute andere; ging es früher nur um Import, ging es im Laufe der Jahre immer stärker um Im- und Export. Heute sind Vielfalt und Flexibilität gefragt.
Längst sind die Zeiten des „Buchmangels“, in denen importierte Bücher den verschiedenen Provinzen zugewiesen wurden, vorbei. Heute importiert China jährlich mehr als 10.000 und exportiert mehr als 2000 Lizenzen. „Insbesondere seit dem WTO-Beitritt haben wir … den ganzen Markt für Publikationsprodukte aus der ganzen Welt geöffnet“, betont Li Dongdong.
China verfügt über eine der längsten und ältesten Kulturtraditionen und Publikationsgeschichten der Welt und hat eine Bevölkerung von 1,3 Mrd. Mehr als 100 Millionen Menschen besitzen eine Bildung oberhalb des Mittelschulabschlusses.
Die chinesische Regierung ist gerade dabei, Gruppengesellschaften als strategische Investoren im Bereich Verlagswesen und Massenmedien einzubinden. Maßnhamen zur Steuerreduzierung und -befreiung für den Export von Kulturprodukten und Dienstleistungen wurden getroffen. Die Urheberrechtspiraterie soll energisch bekämpft werden.
Man freut sich 2009 auf eine Olympiade der Bücher im Sinne von „one world – one dream“.
„Seit 20 Jahren ist die chinesische Verlagsbranche auf der Frankfurter Buchmesse vertreten“, beginnt Chen Yingming. Der Ehrengast-Auftritt 2009 soll die lange Geschichte Chinas, seine Enticklung und seinen heutigen Platz in der Welt zeigen. Traditionelle Kunst und moderne Darstellungsformen werden präsentiert. Die Verbreitung der chinesichen Kultur soll mit einem gleichberechtigten Austausch zwischen Ost und West verbunden werden. Themenschwerpunkte werden vorbereitet.
Geplant ist außerdem ein spezieller Verkaufsmonat chinesischer Bücher in Deutschland.
Erste Aktivitäten wird es anlässlich der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2009 geben. Das Organisationskomitee wird 70 bis 80 chinesische Schriftsteller, Kritiker, Wissenschaftler und Übersetzer dazu einladen, an verschiedenen kulturellen Standorten in zehn deutschen Städten über einen Zeitraum von sieben Monaten Vorträge, Lesungen, Foren und Ausstellungen zu veranstalten.
Für die Buchmesse in Frankfurt sind ein Spitzenforum, fünf Themendialoge, fünf Fachsymposien und mehrere Vorstellungskonferenzen geplant. Mehr als 1000 Teilnehmer werden zur Messe anreisen.
In der 2.500 qm großen Themenhalle wird sich China in drei zentralen Bereichen – Chinesisches Verlagswesen, China – das literarische Land und Harmonisches China – präsentieren.
Auf 1000 qm wird es eine Bücherschau geben mit Werken bekannter chinesischer Verlage, etwa 100 ins Deutsche übersetzten Büchern und circa 2000 Veröffentlichungen ausländischer Verleger sowie einer Ausstellung der schönsten Bücher Chinas.
Kultur- und Verlagsinstitutionen aus Hongkong, Macao und Taiwan werden eingeladen.
Das Logo für den Ehrengast-Auftritt stellte Jiao Guoying vor. Wichtig sind seit Jahrhunderten die chinesischen Schriftzeichen, weißes Reispapier und schwarze Tinte verliehen ihnen einen eleganten Stil.
Die im Logo verwendete „Song“-Schrift, die auch schon im alten China benutzt wurde, ist die im Buchdruck häufigste Schrift. Das von Yang Liu, einer chinesichen, in Berlin lebenden Designerin, entwickelte Logo vereint alte Schriftszeichen mit neuer Komposition.
Das Logo besteht aus Zehn zeichen, darunter die Worte „Druck“, „Buch“ und „Innovation“, der Slogan heißt „Tradition und Innovation“.
Hu Dawei informierte anschließend über Aspekte der chinesischen Verlagsindustrie. Es gibt derzeit 23 Verlagsfirmengruppen und mehr als 100 Buchverlagsunternehmen, drei Aktiengesellschaften der Branche sind an der Börse notiert.
Der Vertrieb von Druckerzeugnissen erfolgt über staatliche und mehr als 100.000 private Unternehmen.
Mit dem Kauf des chinesischen Online-Einzelhandelsportals Joyo.com ist Amazon.com eine der beiden größten Internetbuchhandlungen geworden.
In den letzten 10 Jahren hat sich der chinesische Buchmarkt enorm verändert; während damals noch Schulbücher den Hauptanteil am Verkauf bildeten, sind heute Belletristik und Ratbücher immer stärker gefragt.
Die Autorin Zhang Jie sprach über den Begriff Freiheit und sagte: „Meiner Meinung nach birgt die Freiheit einen äußerst reichen, ja komplexen Gehalt. Diese Komplexität rührt daher, dass die Freiheit nicht nur von der Außenwelt abhängt, sondern auch von der inneren Kultivierung und der kraft der eigenen Persönlichkeit.“ Weiter erklärte sie: „Die Schriftsteller sind in ihrem Schaffen im Großen und Ganzen keinen Restriktionen unterworfen und können schreiben, was sie wollen.“
Zum Literaturbegriff meinte sie: „Wahre Literatur ist immer die Sache einer kleinen Minderheit, nicht einer Masse von Menschen.“ In Zeiten der „Fastfood-Kultur ist eine Kultur der Gebildeten nicht mehr überlebensfähig; die Massenkultur bestimmt den allgemeinen Geschmack.“

Dennoch ist es wichtig, den Pfad der Literatur zu beschreiten – auch wenn die Pilgerer dort weniger werden.
In der anschließenden Fragerunde ging es um die Einladung auch unliebsamer Schriftsteller, tibetischer Verlage und Autoren und den Schutz der Urheberrechte. Die Einladungen werden, so die chinesische Seite, von den Verlagen ausgesprochen und entsprechend berücksichtigt. Die staatlichen Stellen in China bemühten sich um wirksame Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen.
JF