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Walter Reimann über die Folgen der Aufhebung der Buchpreisbindung in der deutschsprachigen Schweiz

Gerhard Beckmann im Sonntagsgespräch mit dem unabhängigen schweizer Sortimenter Walter

Walter Reimann ist
Sortimenter in Zürich

Reimann, der den derzeitigen Behauptungen über die Folgen der Aufhebung der Buchpreisbindung in der deutschsprachigen Schweiz widerspricht.

BECKMANN: Wie hat die Aufhebung der Buchpreisbindung in der deutschsprachigen Schweiz sich auf Ihr Geschäft ausgewirkt?

REIMANN: Soweit ich es beurteilen kann, sind uns keine Kunden abgesprungen. Jedoch müssen wir den Bibliotheken und Institutionen 10% Rabatt gewähren, da die Großbuchhandlungen diesen Rabatt gewähren, und das fällt bei der Jahresrechnung schon ins Gewicht. Ich denke auch, daß die Branche mindestens noch ein Jahr Zeit braucht, um abschließend beurteilen zu können, wie sich den preisbindungslose Zustand auswirkt.

BECKMANN: Ist die Tatsache, dass Ihre Buchhandlung nur unwesentlich vom Ende des festen Ladenpreises betroffen wurde, auf eine Besonderheit Ihres Geschäfts zurückzuführen – etwa auf seine Lage am Rande von Zürich, abseits der unmittelbaren Konkurrenz von Großfilialisten wie Orell Füssli oder Thalia und Kettenläden wie Ex Libris, in einem Wohnviertel mit relative gutsituiertem und gebildeten bürgerlichen Publikum?

REIMANN: Ja, dem ist wirklich so. Wir kennen auch den größten Teil unserer Kundschaft persönlich, man redet auch über Krankheiten, wie über Bücher und Filme und Opern, so entsteht auch einen anderen Kontakt zu unseren Bücherkäufern.

BECKMANN: Gilt das ebenso für die große Mehrheit der unabhängigen mittleren und kleineren Buchhandlungen in der deutschsprachigen Schweiz? Wissen Sie von anderen Sortimenten, die durch Ende der Preisbindung in Schwierigkeiten geraten sind?

REIMANN: Ich rede auf Festen und bei anderen Anlässen mit KollegenInnen und kriege, wie früher, Gemischtes mit. Es gibt BuchhändlerInnen, die teilen mir nicht einmal ihren Umsatz mit, und so ist es sehr schwer, differenziert zu diskutieren. Und – auch wie früher -: die einen klönen, und die anderen sind optimistischer…..

BECKMANN: Einige Beobachter und Kommentatoren meinen , die relative bisherige Folgenlosigkeit für den deutschsprachigen schweizer Buchhandel auch mit der vergleichsweise guten wirtschaftlichen Konjunktur in Ihrem Land erklären zu können….

REIMANN: Ein Buch ist doch kein Auto oder ein anderer Luxusgegenstand! Wenn es kriselt, wird der neue Mercedes abbestellt, jedoch kein Buch weniger gekauft. Die Buchkäufer sind doch kritische Konsumenten und kaufen ihre Bücher bewusst ein.

BECKMANN: In Ländern ohne Buchpreisbindung – beispielsweise die Vereinigten Staaten und Großbritannien – sind Bestseller und gängige Titel erheblich billiger, Bücher abseits des Mainstream allerdings teilweise beträchtlich teurer. In der Schweiz hat der Buchhändler- und Verlegerverband (SBVV) vor dem Ende des festen Ladenpreises gewarnt, dass auch hier die Preise für weniger gefragte Werke steigen würden.
Nun wird in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Saldo behauptet, dem sei aber nicht so: „“Bei den Longsellern und bei den Nischentiteln entsprechen die Verkaufspreise der meisten Anbieter den Richtpreisen der Verlage oder liegen gar darunter“, schreibt Saldo. Ist das wirklich so?

REIMANN: Das ist absoluter Schwachsinn! Hohle Behauptungen, die auf keiner Grundlage beruhen. Es ist eine Binsenwahrheit: Wenn auf Bestsellern Rabatt gewährt wird, muß das verlorene Geld anderswo wieder reingewirtschaftet werden.

BECKMANN: Bei gängigen Titeln sind die Preisunterschiede gewaltig.
So steht bei Saldozu lesen: „Franz Hohlers Buch Das Ende eines ganz normalen Tages hat gleich den Sprung auf die Bestsellerliste des Schweizer Buchhandels geschafft. Das Werk kostet bei der Buchhandfelskette Weltbild Fr. 21,90, bei Amazon rund 25 Franken, bei Thalia Fr. 31,990 und beim Online-Portal von Orell Füssli, Books.ch, gar Fr. 34,90….Viele Buchhandelsketten bieten in ihren Läden und per Internet vor allem Bestseller mit teils über 30 Prozent Rabatt an… Bei Ex Libris gibt es für Bestseller generell 30 Prozent Nachlass auf den Richtpreis der Verlage. Damit sind die beiden Buch-Discounter in dieser Kategorie die günstigsten.“
Haben Sie in Ihrer Buchhandlung deshalb einen starken Verlust im Verkauf von Bestsellern und gängigen Titeln zu verzeichnen? Oder spielt das Bestsellergeschäft letztlich gar keine so große Rolle?

REIMANN: Doch, das Bestsellergeschäft spielt bei uns eine große Rolle. Ein neuer Hohler, Martin Suter oder eine neue Donna Leon sind für uns schon wichtig. Aber, wie schon gesagt, unsere Kunden machen nicht den Weg in die Innenstadt, um eine für zwei Franken günstigere Donna Leon zu kaufen. Außerdem liefern wir den signierten Donna Leon-Roman zum Ladenpreis.

BECKMANN: Im Leitartikel von Saldo wird behauptet: „Die Buchumsätze sind seit der Aufhebung der Preisbindung in der Schweiz gestiegen, die Preise teilweise gefallen. Unter dem Strich werden also mehr Bücher verkauft als früher…. Bücher sind für alle erschwinglicher geworden. Diese Demokratisierung des Lesens sollte Kulturbeflissene endlich freuen. Von einer erneuten Buchpreisbindung in der Schweiz würde in erster Linie Amazon.de profitieren.“ Würden Sie sich diesem Kommentar anschließen?

REIMANN: Nein, ich kann mich diesem Kommentar nicht anschließen.
In der Schweiz werden mehr Bücher gekauft, gewiss: Ich glaube jedoch, dies hat mehr mit der Konjunkturlage zu tun als mit den sogenannt günstigen Preisen. Im übrigen wissen wir doch auch alle, daß Mehrumsatz nicht gleich mehr Gewinn heißt.

BECKMANN: Zur Zeit laufen, auf Initiative des Schweizer Buchhandels- und Verlegerverbandes, Bemühungen, doch noch eine gesetzliche Buchpreisbindung in der Schweiz zu erreichen. Befürworten Sie diese Bemühungen? Sind Sie als unabhängiger schweizer Sortimenter für einen neuerlichen festen Ladenpreis?

REIMANN: Ich bin nach wie vor für einen festen Ladenpreis und unterstütze unseren Verband. Für unser Geschäft sehe ich allerdings auch ohne festen Ladenpreis kein Problem.

BECKMANN: Warum unterstützen Sie dann die Initiative des SBVV für die Einführung einer gesetzlichen Preisbindung in der Schweiz?

REIMANN: Ich bin wahrscheinlich ein Nostalgiker und glaube: Gleich lange Spieße für alle wären auch nicht schlecht. Ich denke zudem: Für die gesamte Schweizer Buchlandschaft ist eine Preisbindung von großem Vorteil, so wird das Buchhandelssterben gestoppt.
Walter Reimann, geboren 1958, ist Inhaber und Geschäftsführer der Buchhandlung Hirslanden in Zürich

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