Bei Rotkäppchen-Sekt und Brezeln traf sich am 12. Januar eine illustre Gesellschaft, darunter die DDR-Verleger Legenden Roland Links und Elmar Faber, zur Besichtigung des Reclam-Archiv [mehr…] in der Leipziger Hainstraße. Beim Stöbern in den alten Reclam-Bänden wurde so manche Lektüreerinnerung wach.
Für drei Jahre hat Reclam alle Verlagsakten, Bücherbestände und Bildmaterial (Fotos, Kataloge, Reklame) dem Leipziger Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt: http://www.buecher.at/show_content.php?sid=94&detail_id=1073
»Eigentlich wollten wir das Archiv dauerhaft in Leipzig haben«, sagt der Ordinarius für Buchwissenschaft und Buchwirtschaft Prof. Dr. Siegfried Lokatis. »Aber natürlich sind wir dem Reclam-Verlag sehr dankbar, dass er uns überhaupt diese Bestände anvertraut. Man wollte damit vielleicht auch ein Zeichen setzen, dass Reclam sich seiner Leipziger Tradition bewusst ist.«
Die Leipziger Buchwissenschaft darf sich noch über einen weiteren Zuwachs ihrer Bestände freuen: Dr. Stephan von Holtzbrinck hat dem Institut 17 Paletten mit ungefähr 14.000 Büchern der Bertelsmann-Buchclubs überlassen. Damit können die Leipziger Wissenschaftler auch eine Literatur erforschen, die den Lesern in der DDR bis 1990 vorenthalten war. »Buchgeschichte darf in Leipzig nicht nur lokale Traditionspflege sein, wir wollen eine gesamtdeutsche Buchgeschichte betreiben«, erklärt Lokatis.
Das ist aber längst nicht alles. Der umtriebige Professor und sein kleines Institut haben sich für die Zukunft noch viel vorgenommen. Im April steht das 50-jährige Jubiläum der »Bitterfelder Konferenz« an, zu dem es zahlreiche Veranstaltungen geben wird, zu Beginn des nächsten Jahres wird es im Leipziger Museum für Druckkunst eine Ausstellung »100 Jahre Kiepenheuer« geben, an der sich sowohl Kiepenheuer & Witsch als auch der zu Aufbau gehörige Verlag Gustav Kiepenheuer beteiligen wird.
Lokatis’ ehrgeizigstes Vorhaben besteht aber im Aufbau einer DDR-Bibliothek. Nach der Wende waren ganze Bibliotheken schlicht auf dem Müll gelandet, auf diese Weise ist ein Teil der DDR-Literatur buchstäblich ausgelöscht worden. Viele Bestände konnten jedoch durch private Initiativen gerettet werden, beispielsweise durch die des Pastors Martin Weskott, der ein umfangreiches Archiv der weggeworfenen DDR-Literatur aufgebaut hat, und auch Peter Sodann ist ja in dieser Hinsicht sehr aktiv geworden.
Mindestens für die nächsten Jahrzehnte dürfte die Leipziger Buchwissenschaft also mit Arbeit versorgt sein.
Olaf Schmidt