
Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, im Gespräch mit Christian von Zittwitz über die Chancen des Buches gerade in Krisenzeiten.
Christian von Zittwitz: Wir beide, das weiß ich, sind überzeugt davon: Gerade in Krisenzeiten zeigt das Buch eine Kraft, um die uns andere Branchen beneiden.
Alexander Skipis: Ja, das ist richtig. Auch schlechte Zeiten sind durchaus gute Zeiten für Bücher, das hat zumindest das diesjährige Weihnachtsgeschäft gezeigt. Die Buchbranche hat um Weihnachten herum ein Plus von 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erzielt. Das ist eine wirklich gute Entwicklung, die mich aber nicht überrascht.
Christian von Zittwitz: Warum nicht?
Alexander Skipis: Leser lesen in guten und in schlechten Zeiten. Literatur hat einen sehr gefestigten Stellenwert, sie ist darüber hinaus auch ein vergleichsweise preiswertes Genussmittel mit lang andauernder Wirkung. Sie eröffnet dem Leser die verschiedenartigsten Welten in seiner Fantasie und gerade in Krisen ziehen sich manche Menschen zurück, besinnen sich auf das Wesentliche und lesen Bücher, um dort Antwort auf ihre Fragen zu finden.
Christian von Zittwitz: Trotzdem überwiegt um uns herum meist die Skepsis?
Alexander Skipis: Finden Sie? Ich denke, das ist eine Sache der Perspektive. In einem Punkt allerdings haben Sie recht, und das ist für mich, seitdem ich in dieser Branche arbeite, ein Phänomen. Die Branche neigt offensichtlich schon seit Jahrzehnten dazu, lustvoll ihren eigenen Untergang zu prophezeien. Das Ende des Buches und damit des gesamten Marktes wird schon seit langer Zeit an die Wand gemalt. Das findet offensichtlich bei denen Anklang, für die nur der Pessimist der wahre Realist ist.
Christian von Zittwitz: Das hat mich auch amüsiert, wie die Medien gerade zur Buchmesse dieses Menetekel an die Wand gemalt haben.
Alexander Skipis: Diese Szenarien sind für mich nicht nachvollziehbar, denn es gibt für mich nicht den geringsten Anlass, in solchen Dimensionen zu denken. Das Buch, oder besser das Prinzip Buch, ist eine jahrhundertealte Erfolgsgeschichte, die, wie gerade die neuesten Verkaufszahlen zeigen, ungebrochen ist.
Christian von Zittwitz: So ganz harmlos sind die Entwicklungen um uns herum aber nicht.
Alexander Skipis: Nein, das sehe ich natürlich auch – das Buch und der Buchmarkt stehen in der nächsten Zeit vor schnellen und großen Veränderungen.
Christian von Zittwitz: Welche meinen Sie?
Alexander Skipis: Ich meine vor allem die Konkurrenz der elektronischen Medien. Dies birgt meiner Meinung nach mehr Chancen als Risiken zur weiteren Geschäftsentwicklung. Diese müssen allerdings auch wahrgenommen werden.
Christian von Zittwitz: Vielleicht haben all die Untergangsszenarien auch etwas mit der Angst vor Veränderung zu tun?
Alexander Skipis: Unsere Aufgabe ist es jedenfalls, die Lage sachlich und nüchtern zu betrachten und alle Maßnahmen und Unterstützungen zu leisten, um Chancen erfolgreich wahrzunehmen.
Christian von Zittwitz: Was kommt auf die Buchbranche in diesem Jahr zu?
Alexander Skipis: Das ist am Anfang eines Jahres immer schwer vorherzusagen, wir sind deshalb mit unseren Prognosen sehr vorsichtig. Die Branche hatte 2007 ein grandioses Geschäftsjahr, 2008 flachte sich die Steigerungskurve wieder ab. Das Jahr 2009 steht ganz im Zeichen der Finanzkrise.
Christian von Zittwitz: Aber ein Schwerpunkt in diesem Jahr wird sicherlich das E-Book sein.
Alexander Skipis: Ja, und wir sind mit unserer Plattform libreka! bereit dafür, die Inhalte zur Verfügung zu stellen. Hier sehe ich eine große Chance zur Geschäftsentwicklung für unsere Branche. Das E-Book wird das Angebot des Buchhandels erweitern, es ist ein Stück Zukunft. Im Unterschied zur Musikindustrie aber, wo CDs und später MP3 die Schallplatten ersetzt haben, werden gedruckte und elektronische Bücher gleichzeitig auf dem Markt sein und bleiben. Wir reden hier von zwei unterschiedlichen Trägermedien, die jeweils ihre Vor- aber auch Nachteile haben. Der Leser wird sie entsprechend ihren Vorteilen auch nutzen.
Christian von Zittwitz: Na ja, sie haben aus unserer Sicht auch Nachteile…
Alexander Skipis:… ja, das Risiko der E-Books liegt nicht in der Konkurrenz zum gedruckten Buch, sondern darin, dass die Möglichkeit für Raubkopien durch Digitalisierung von Inhalten massiv steigen wird. Das ist das eigentliche Problem für die Buchbranche, das endlich gemeinsam mit der Politik befriedigend gelöst werden muss.
Christian von Zittwitz: Wo wir Sie schon an der Strippe haben: Welche Probleme kommen in diesem Jahr auf den Börsenverein zu?
Alexander Skipis: Viele Themen stehen im Focus. Ein herausragendes wird vor allem unsere Arbeit zum Thema Internet-Piraterie sein. Zur Zeit leisten wir hier sehr viel Aufklärung, zeigen Politikern und Journalisten, was eigentlich im Netz passiert und dass dieser Umgang mit Inhalten eine wirkliche Gefahr für die Buchbranche und damit aber auch für die Gesellschaft ist. Für etliche Teilnehmer an diesen Veranstaltungen ist das ein echtes „Aha“-Erlebnis. Darüber hinaus führen wir unsere Gespräche mit Politikern in aller Härte und Eindringlichkeit. Die Ankündigung von Frau Zypries beispielsweise zu einem Piraterie-Gipfel mit den Providern, ist ein Ergebnis unserer Bemühungen.
Christian von Zittwitz: Sieht nach viel Arbeit aus…
Alexander Skipis: Das ist nicht neu für uns. Wir werden in 2009 allerdings noch eine wesentlich härtere Gangart einschlagen als bisher, um in Politik und Gesellschaft die Dringlichkeit zu verdeutlichen.
Christian von Zittwitz: Sie wollten noch aus Ihrer Planung berichten…
Alexander Skipis: Ja, denn es gibt auch angenehme Themen. So feiern wir ein großes Jubiläum, das 50-jährige Bestehen des Vorlesewettbewerbs des Deutschen Buchhandels. Schon der Auftakt wird hochkarätig im Februar mit einer Veranstaltung zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundeskanzleramt in Berlin. Und wir werden auf fünf Jahre überaus erfolgreicher Deutscher Buchpreis zurück blicken können. Überraschend anders werden sich die Buchhändlertage, die einen anderen Namen bekommen werden, insbesondere aber die Große Berliner Büchernacht in diesem Jahr präsentieren.
Christian von Zittwitz: Alles also im grünen Bereich?
Alexander Skipis: Na ja, es gibt genügend Stolperstellen, etwa in der Bereitschaft, den Wandel in der Branche aktiv zu gestalten. Mit libreka! haben wir eine Plattform geschaffen, die der gesamten Branche die Vermarktung und den Verkauf von Buchinhalten ermöglicht und jedem Markteilnehmer, ob groß oder klein, die ungehinderte Teilnahme am elektronischen Handelsverkehr eröffnet. Dadurch ist libreka! nicht nur eine große Chance für die Branche, sondern kann die Basis einer erfolgreichen Zukunft sein.
Jetzt kommt es darauf an, dass alle Marktteilnehmer E-Commerce Geschäftsmodelle für sich entwickeln, die Novitäten bereitstellen und Preismodelle gestalten; und zwar jetzt. Das Geschäft mit dem E-Book beginnt heute. Keiner sollte den Start versäumen.