
Ein Altmeister war gestern Abend in der gut besuchten Frankfurter Romanfabrik zu Gast: Volker Braun. Herzlich begrüßt vom Chef des Hauses, Michael Hohmann, präsentierte er sein im September 2008 bei Suhrkamp erschienenes Buch Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer.
Michael Hohmann bezeichnete das Werk als Don Quijoterie, verhaftet in einer sozialistischen Arbeitsideologie und stimmte das Publikum ein: „Lassen Sie es zu, wenn Sie die Torheiten des Helden nicht mehr aushalten – es gehört zum Spiel“.
Volker Braun freute sich auf die Lesung an diesem Ort und verglich die Romanfabrik mit der Kulturbrauerei in Berlin – in beiden Einrichtungen engagiert man sich leidenschaftlich für Kultur.
Der Autor schlug das 1. Kapitel auf; erzählte von der Niederlausitz, die ruhig rauchend daliegt, das Heu ist gemacht, der Kohl gegessen, die Bürgersteige sind hochgeklappt. Mit unverwechselbar Dresdner Zunge stellte er den ehemaligen Bergmann Flick vor, der mit 60 entlassen wurde aber noch immer in seiner Montur, Karabinerhaken am Koppel und mit dem roten Helm auf dem Kopf, herumläuft. Untätig zu sein liegt ihm nicht. Er sieht die Bolzspiele der Jungen um seinen 16-jährigen Enkel Ludwig, genannt Luden, als Parodie auf den Arbeitstag.
Im 11. Kapitel begleiten wir Flick und Luden auf eine Anhöhe mit Windrädern, in Flicks Augen eine Landplage, die es auszumerzen gilt. Schnell und fachmännisch werden sie von Flick gefällt. Ein Traum?
Schon geht es zum 2. Buch und zum 13. Kapitel. Volker Braun unterstreicht seine Texte mit sparsamen Handbewegungen, die auf Tagebaulandschaften hinzudeuten scheinen. Flick und der Enkel stehen in der Waschkaue, holen die Monturen herunter, einer Armee gleich liegen sie beiden zu Füßen. Luden wird hineingesteckt in Anzug und Helm, selbst das Arschleder der Bergleute darf nicht fehlen. An Ketten geht es wieder hinauf zum Schnürboden. Flick intoniert „Fern der Heimat, unrasiert“ – „früher konnte ich das auch singen, jetzt trau’ ich mich nicht mehr“, erklärt Volker Braun und lächelt entschuldigend.
Ein Paar wie Philemon und Baucis treten im 3. Buch auf: Alte Eheleute, die nicht von ihrer Scholle lassen wollen, obwohl diese von Großunternehmen dringend für Neues gebraucht wird. Da hilft kein Zureden, kein Geld – die Alten bleiben. Bis Flick einschreitet, alles mit einem Bulldozer platt macht und den schon halb über den Abhang gerutschten Garten endgültig zerstört. Längst ist der Rest des kleinen sorbischen Dorfs verschwunden, nun müssen auch die letzten aufgeben.
Schwacher Trost: Wenn alles planiert ist, Tagebaulöcher zu Seen geworden sind, haben sie vielleicht wieder eine Chance in dieser Gegend.
Jetzt aber waren die Toten die einzigen Hinterbliebenen, auch sie mussten umziehen. Knochen galt es aufzusammeln, zusammenzupacken. Wo aber waren die Seelen geblieben? Die für diese Arbeit gedungenen Ein-Euro-päer scherten sich nicht um Vollständigkeit oder gar Pietät, für sie war es eben der gerade anliegende Ein-Euro-Job.
Flick litt daran, dass Kräfte, die nicht zum Einsatz kamen, schwanden. Dennoch diskutiert er mit dem Tod, nimmt ihm die Schaufel aus der Hand und springt von derselben.
Volker Braun klappt das Buch zu. „Wie jeder Autor liebe und verabscheue ich meine Helden. Nun ist da eine elende Lektüre entstanden oder eine Lektüre für Elende, und die gibt es wie Sand am Meer. Doch für die Garküche der Zukunft sind keine Rezepte geschrieben“.
Von Michael Hohmann zur Verwendung von Kalauern befragt, lobte Volker Braun diese Volkswitze und erklärte seine Version ihrer Entstehung, nämlich kamen sie aus der Stadt Calau in der Lausitz und wurden in der Satirezeitschrift Kladderadatsch unter der Rubrik „Aus Kalau berichtet …“ berühmt.
Volker Braun hat in Machwerk 48 Schwänke aneinandergereiht und sie zu einem wunderbaren Schelmenstück verdichtet. „Die Realität ist voll von Dingen, die uns zum Lachen bringen aber scheinbar widersinnig sind“ erklärt er, der aus einer anderen Gesellschaft kommt, die sich zu ernst nahm und der deshalb Komik innewohnte. Erst wenn man das erkannt hatte, wurde der Text ernst, man konnte sich dieser Komik bemächtigen. So steht für den Autor heute so aktuell wie zu DDR-Zeiten die Frage: Wie gewinnt man den Humor für die Verhältnisse?
Der 1939 in Dresden geborene Volker Braun hat vor seinem Philosophie-Studium selbst im Tagebau geschuftet, er weiß also sehr genau, wovon er spricht. Er hat Arbeit als etwas Elendes erlebt, floh von den Großgeräten am Nachmittag an die Schule, bildete sich zum Facharbeiter weiter. Für ihn ist die Arbeit der Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Ein bisschen mehr Gerechtigkeit ist sein Anliegen nicht – es geht um grundsätzliche Veränderungen.
Auf die im Buch beschriebene Lausitz blickend sagt er nachdenklich: „Aus der Fürst-Pückler-Landschaft wird jetzt eine merkwürdig interessante Gegend“.
Nach zwei Stunden ging ein kurzweiliger Abend zu Ende, der noch lange im Kopf bleiben wird.
JF