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Honnefelder-Brandrede: „Wir brauchen gemeinschaftlichen Willen zu mehr Medienpräsenz von Büchern und gegen Diebstahl von geistigem Eigentum“

bild(,12109)Börsenvereins]-Vorsteher Prof. Dr. Gottfried Honnefelder (Foto) hat die Verlage und damit die Branche dazu aufgefordert, nach außen mehr Präsenz zu zeigen. In USA ist die Leserquote signifikant gestiegen, weil Buch und Lesen mehr in den Medien präsent war als je zu vor.

Honnefelder warnt: „Wir haben keine Zeit mehr, uns mit uns selbst zu beschäftigen – wir müssen öffentlich schlagkräftiger werden“, denn auch der neue Markt E-Books mache nun endgültig Diebstahl von geistigem Eigentum und kriminelles Verhalten im Netz möglich, gegen das die Branche sich wehren müsse.

Hier der Text seiner Rede, die er bei der gestrigen Jahrestagung der AG Publikumsverlage [mehr…] hielt, mit dem Tenor: „Yes, we can“:

Das neue Jahr 2009 beginnt wie das alte endete: Als Kneipp-Kur: kalt und
heiß wechseln sich in kürzester Zeit ab:

1) Die Finanzkrise und ihre Auswirkungen auf die Buchbranche sind noch nicht abzusehen, aber bereits jetzt überschatten sie unsere innovativen Ideen für die Zukunft.

2) Das gute Weihnachtsgeschäft am Ende des vergangenen Jahres darf nicht verdecken, dass dieses Plus ungleich verteilt ist – mit den vorauszusehenden Folgen.

3) Das prospektive Geschäft mit E-Books als neuem Markt für die Publikumsverlage macht nun endgültig Diebstahl von geistigem Eigentum und kriminelles Verhalten im Netz für uns alle virulent – bitte vergessen wir deshalb den bisherigen, romantischen Begriff der Piraterie, er verklärt nur ein amamoralisches Verhalten. Wir werden uns zu wehren haben.

4) Eilig und genau ist zu fragen, ob Google und sein Settlement uns über den Tisch ziehen will. In jedem Fall müssen wir unverzüglich reagieren.

Wenn die Zahlen dieser Erhebung valide sind – was noch zu prüfen wäre -, dann ist es die Verstärkung der Medienpräsenz, die die Literatur und das Buch in den Vereinigten Staaten im öffentlichen Bewusstsein in den letzten Jahren soviel stärker verankert hat und zu einem messbaren kulturellen Wandel führt, ein erstaunlicher und – wie ich meine – höchst erfreulicher Befund, der das Grundvertrauen in das Medium Buch auch in unserem Land stärken könnte.

Doch in Deutschland, wo es mit dem Lesen längst nicht so düster aussieht wie in Amerika – hier kommen im Jahr rund 90 Prozent der über 14-Jährigen mindestens einmal mit einem Buch in Berührung -, scheint zur Zeit unsere Lust am Untergang stärker, als dass wir solche positiven Entwicklungen der Lesestruktur wahrnehmen und für unsere Arbeit aufnehmen können oder wollen.

Kneipp-Kur in unserer Branche:

Lassen Sie uns überlegen, wie wir den neuen E-Book-Markt am sinnvollsten für unsere Bücher nutzen.

Lassen Sie uns überlegen, wie wir geistiges Eigentum im Interesse unserer Autoren in gemeinsamer Überzeugung schützen.

Lassen Sie uns zu Beginn dieses Jahres neben den Fragen digitaler Märkte auch das nur scheinbar Selbstverständliche überlegen: Wie wir noch mehr aus unseren Büchern machen, auch wenn das Geld der Käufer knapper werden sollte – in unserer Performance, in einer qualitativ besseren Inszenierung und in einer erhöhten Medienpräsenz.

Kalte und heiße Herausforderungen also zugleich – Risiken und Chancen, die wir in diesem Jahr zu diskutieren haben. Und dazu kommt noch der tägliche Kampf um unsere bestehenden Rahmenbedingungen – in Berlin, in Brüssel und anderswo.

Bei aller Aufmerksamkeit jedoch, die wir diesen vom Markt auf uns zukommenden Fragen widmen müssen, dürfen wir die scheinbar alltäglichen Fragen unserer Zukunftssicherung nicht übersehen: Wie sehr ist das Buch in allen seinen Formaten und Ausgabeformen, wie sehr ist das Lesen von Büchern in allen seinen Formaten und Ausgabeformen zukünftig in der Gesellschaft verankert?

Die Frankfurter Zeitung berichtet am vergangenen Dienstag über die Lesekultur in den Vereinigten Staaten: Im vergangenen Jahr lasen „50,2 Prozent der über achtzehnjährigen Amerikaner wenigstens einen Roman, eine Kurzgeschichte, ein Gedicht oder ein Theaterstück zu ihrem Vergnügen. Auch wenn die Anzahl derer, die Gedichte oder Dramen lesen, abnimmt, so hat die Anzahl der Leser insgesamt, über Unterschiede von Alter und Ethnizität hinweg, gegenüber der letzten Studie zugenommen: 2002 lasen 46,7 Prozent.“

Wen das nicht überrascht!

Grundlage der Zahlen ist eine Erhebung der amerikanischen Kulturbehörde National Endowment for the Arts. Den verblüffenden Anstieg von 8% der Anzahl derer, die lesen, führen die Kommentatoren – und jetzt wird es interessant – auf die gesteigerte Medienpräsenz der Bücher in den Vereinigten Staaten zurück. Die massive Debatte im Jahr 2002 darüber, dass weniger als die Hälfte der Amerikaner Bücher las, hatte seinerzeit Initiativen ausgelöst wie The Big Readoder hatte Buch-Clubs entstehen lassen wie den von Oprah Winfrey.

Um es pointiert zu sagen: Auch ein verkauftes Buch, auch ein E-ook, will gelesen und genutzt sein. Was tun wir für seine Inszenierung in der Öffentlichkeit. Es kann gar nicht genügend Vorlesewettbewerbe geben, es kann gar nicht genug Buchpreise geben, gar nicht genug Gespräche mit dem ZDF über sinnvolle Büchersendungen, gar nicht genug öffentliche Präsenz des Buches in den Medien.

Nach außen hin aktive Präsenz zu zeigen, ist nicht nur eine Frage von Branchenmarketing, sondern vor allem eine Frage unseres gemeinsamen öffentlichen Auftretens. Und der braucht einen gemeinschaftlichen Willen. Wir haben keine Zeit mehr, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Weder mit Auseinandersetzungen zwischen den Sparten, mit Vorwürfen aggressiver Ausübung von Nachfragemacht oder mit Jammern über Konzentrationsprozesse, noch mit der Verbreitung von Unsicherheit und Krisenstimmung. Und schon gar nicht mit drohenden hausgemachten Insolvenzen wie der der BAG.

Öfentlich müssen wir noch schlagkräftiger werden – jenseits des Wettbewerbs untereinander. Weshalb sollte es den deutschsprachigen Verlegern nicht gelingen, in sechs Jahren – wie in den USA – über 8% mehr Leser zu gewinnen. Noch nie wurde in den deutschsprachigen Medien soviel über den Buchmarkt berichtet wie zurzeit. Über dieses gewachsene Interesse am Buch und seinen Hintergründen sollten wir uns freuen, ein Interesse, das im Vergleich – und sollten es fördern und nutzen.

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