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Lorenz Borsche über Genossenschaften im Buchhandel und die eBuch

In Leipzig hatte der Börsenverein eine Präsentation der Verbundgruppen organisiert. Anlass für Fragen an Lorenz Borsche, den Initiator und Generalbevollmächtigten der vor neun Jahren gegründeten eBuch e.G., die mit 350 Buchhandlungen mittlerweile zahlenstärkste Gruppierung im Buchhandel ist.

Sind Buchhändler koopererationsunfähig?

Nein, Kooperation und Hilfe in täglichen Dingen wird auch bei uns gelebt.

Und wie geht’s der eBuch?

Gut. In Anbetracht der allgemeinen Lage sogar sehr gut. 14% Umsatzzuwachs im Januar 2009, das dürfte in diesen Zeiten ziemlich ungewöhnlich sein.

Umsatz ist nicht gleich Gewinn.

Das stimmt. Aber auch da sieht es gut aus, noch besser als letztes Jahr… … als der Vorstand eine leicht positive Bilanz vorgelegt hatte?

Ja, richtig. Diesmal werden wir wahrscheinlich sogar Steuern zahlen müssen.
Woher kommt diese positive Entwicklung?

Da ist natürlich zum einen das Wachstum. Es ist ja schließlich immer ein positiver Faktor, solange die Kosten nicht im gleichen Maße steigen.

Und wo kommt bei Ihnen das Gewinnwachstum her?

Aus Mitgliederzuwachs einerseits. Vor allem aber aus unserem eBuch-eigenen Zentrallager. Es hat sich nicht nur verdoppelt, auch die erwirtschaftete Rendite ist deutlich gestiegen.

Das klang im Vorjahr nicht so – hat sich die eBuch auch Werbekostenzuschüsse und ähnliches erkämpft?

Nein, überhaupt nicht. Dann müssten wir ja auch Gegenleistungen garantieren, Push-Titel, Palettenware am Point-of-sale oder ähnliches, wie das die großen Ketten als Gegenleistung versprechen. Das wäre aber genau der Eingriff in die buchhändlerische Freiheit, den wir unseren Mitgliedern niemals, ich wiederhole: niemals! zumuten würden.

Aber man darf doch mal drüber diskutieren?

Nein, wir dürfen nicht mal einen Gedanken daran verschwenden, auch wenn damit offenbar von den Verlagen Geld abgezogen werden kann. Das widerspricht unserem Konzept.

Und das lautet?

Die Sortimentsgestaltung ist einzig uns allein Sache der unabhängigen BuchhändlerInnen. Wir von der eBuch beschäftigen uns lieber mit organisatorischen Hilfen und mit Zukunftsplänen, die allen nützen, den Verlagen und den BuchhändlerInnen.

In welche Richtung gehen die?

Nun, in Leipzig werden wir bei den Verlagen verstärkt für unser Projekt „Verlag@eBuch“ werben, bei dem einige ‚Große‘ schon dabei sind.

Was soll das werden?

Es ist ja unübersehbar, daß die Buchhändler in Vorschauen ertrinken. Die zerlegt der Buchhändler dann umständlich in Einzelseiten, und heftet sie in Monatsordnern ab, um rechtzeitig, aber nicht zu früh, die Novitäten zu bestellen. Mit Verlag@eBuch geht das in Zukunft im ebuch-Portal online, papierlos und praktischerweise gleich nach Monaten sortiert, natürlich direkt mit Bestelloption und Bestell-Daten zurück in die Warenwirtschaft. Das wird beiden Seiten Zeit und Geld sparen und eröffnet den Verlagen eine prima Kommunikation mit unseren BuchhändlerInnen.

Aber das ist ja nur branchenintern, das wird den Buchhandlungen keine neuen Kunden bescheren.
Stimmt. Ein langgehegter Wunsch vieler Mitglieder ist deshalb auch ein gemeinsamer Website für alle eBuch – Internetshops mit einem allgemeinen Shopfrontend für möglichst alle eBuchhandlungen, also auch solche ohne eigenen Shop. Bisher gibt es das ja nur in Abhängigkeit von Barsortimenten – oder aber z.B. über Buchhandel.de, dort aber nur ohne die bonitätsgeprüfte und somit risikofreie Versandoption.

Das stemmen Sie alles?

Um das alles zu entwickeln braucht man Zeit und Geld. Aber es sieht so aus, dass wir neben dem Geld jetzt auch die Zeit zur Verfügung haben, weil der interne Betrieb nach der Restrukturierung sehr rund läuft, und auch Anlaufprobleme des Anabel-Modells in der Zusammenarbeit mit Libri zur Zufriedenheit aller gelöst werden konnten. Das letzte Weihnachtsgeschäft lief so reibungslos, dass Anabellisten von sich aus Lobes – emails geschrieben haben, das hatten wir so noch nie!

Sie wollen einen Internetshop für eBuch-Buchhändler bauen? Haben Sie den denn nicht schon seit vielen Jahren?

Ja – genauer gesagt seit 1999, inzwischen sind das über 100 Einzelshops. Aber viele unserer Buchhändler wünschen sich eben einen gemeinsamen Auftritt unter einem prägnanten Namen, auf dem sie miteinander vertreten sind. Und dabei natürlich auch solche, die keine eigenen Shop pflegen wollen. Und die Shopinhaber wünschen sich schon lange ein gemeinsames Portal, damit zumindest der Internetauftritt vielleicht langsam zur gemeinsamen Marke werden kann.

Wie wollen Sie auf diesem Markt noch punkten, wo es ja selbst die Etablierten schwer haben gegen Amazon?

Es wird sicher kein ‚me too‘ Projekt. Lassen Sie sich überraschen. In Frankfurt dürften wir soweit sein.

Was wünscht sich denn der unabhängige Sortimenter von einer Verbundgruppe, der er beitritt? Schließlich kostet das ja auch alles Geld, Geld der Mitglieder.
Das ist leider ein weit verbreiteter Irrtum. Es gibt Mythen, die stärker sind als die Wirklichkeit. Praktisch jede Genossenschaft verlangt eine Einlage, Ihre Volksbank auch, nur um ein Beispiel zu nennen. Das ist ein bisschen wie Festgeld.

Das müssen Sie mir schon genauer erklären

Man muss das deutlich unterscheiden von einem Eintrittsgeld, das „verfrühstückt“ werden kann. Das letztere gab und gibt es bei der eBuch nicht. Und die Einlage ist fix und wird bei Auustritt auch wieder ausgezahlt. Und dann gibt es normalerweise auch noch einen laufenden Mitgliedsbeitrag – oder kennen Sie eine Verein ohne Beiträge? Von Ihrer Volksbank mal abgesehn. Bei uns in der eBuch gibt es aber weder ein ‚verlorenes‘ Eintrittsgeld noch einen Mitgliedsbeitrag.

Aber normalerweise kommen Verbünde gar nicht ohne diesen Grundstock aus

Ja, das ist eher ungewöhnlich, Sie meinen sicher auch unseren Dachverband. Der verdient über seine Wirtschaftstöchter ja auch Geld, aber ohne die Mitgliedsbeiträge wäre im Hirschgraben schnell das Licht aus.

Und bei der eBuch…?

… kein Beitrag, keine laufende Kosten, nur eine Einlage, die wir brauchen, unter anderem zur Absicherung der Ware in unserem Zentrallager. Leider dürfen wir die Einlage nicht verzinsen, das dürfen nur Banken. Aber wir können den Buchhändlern in vielfältiger Form wirtschaftliche Vorteile verschaffen, die weit mehr bringen als bankübliche Zinsen.

Das müssen Sie mir vorrechnen.

Ich nenne nur zwei Beispiele: eBuchhändler bekommen 5%-Punkte mehr Rabatt aufs VLB. Das macht in der Einplatzversion schon ca. 40 Euro im Jahr. Oder das Kundenmagazin „buch aktuell“, von dem 86% unserer Buchhändler im Schnitt über 400 Exemplare je Ausgabe Jahr beziehen. Kostenvorteil eBuch: 10 Cent/Stück. Macht auf alle umgerechnet: 140 Euro/Jahr. Dann noch „die neuen Bücher“ und der Weihnachtstreuprospekt von Rossipaul. Das Magazin nutzen über 30% der Händler und sparen gute 20 Cent/Heft. Auf alle umgerechnet ergeben sich etwa 100 Euro Sparpotential. Und der Weihnachtstreuprospekt: Millionenauflage, Rückvergütung der Streukosten pro Buchhandlung: 80 Euro. Also sind wir jetzt schon bei 360 Euro, das ist soviel wie 22,5% Zinsen auf die Einlage – und dazu können Sie noch sparen beim Einkauf von Geschenkpapier, günstiger Computerhardware, kostenlosem Profivirenscanner, kostenlosen Funkscannern für die Inventur – auf die Einlage umgerechnet ist das eine ‚Verzinsung‘ jenseits von Gut und Böse. Wo kriegen Sie das heute noch, und vor allem: Wo ist Ihr Geld gleichzeitig sicher?

Sie haben doch aber immer auch mit Einsparungen bei der Beschaffung geworben.

Ja, davon habe ich jetzt gar nicht gesprochen. Die enormen Kostenvorteile unseres Anabel-Beschaffungssystems habe ich dabei gar nicht mitgerechnet.

Ist das alles, was sich ein kleiner Buchhändler wünscht – hier mal 20 Euro sparen, da mal 50? Natürlich nicht. Eine solche Gruppe verleiht ja auch eine gewisse Stärke. Die eBuch mit ihren 350 Mitgliedern und inzwischen auch fühlbarem Marktgewicht kann Dinge tun, für die eine einsame Buchhandlung nicht stark genug wäre. Denken Sie nur an die Preisbindung.

Aber die überwacht doch der Börsenverein?

Als Drei-Spartenverband muss der Börsenverein bestimmte Rücksichten nehmen – nach jeder Seite. Die eBuch muss auch Rücksichten nehmen – aber nur im Sinne ihrer Mitglieder, unsere selbstauferlegte Zurückhaltung hat also sehr enge Grenzen.

Zum Schluss muss natürlich gefragt werden: eBuch – E-Books?

Früher waren wir ja genervt wegen der Namensverwechslung. Ganz schlimm war es in Frankfurt letztes Jahr, als im Minutentakt Interessenten am eBuch-Stand aufschlugen, und fragten, wo denn nun die E-Books seien. Das hatte auch den fatalen Grund, dass eine Medienabteilung von SONY direkt neben uns ihren Stand hatte. Und da dort nichts zu sehen war, kamen die Leute halt zu uns. Am Sonntag wurde es dann so schlimm, das wir den Stand mit schnell ausgedruckten Plakaten tapezieren mussten, mit einem Wegweiser zu den Ständen von MVB (Libreka) und von Libri, weil wir mit dem Ansturm nicht mehr klarkamen. Inzwischen nehmen wir das mit Humor und die Mitglieder könne aktuell einen Schaufensteraufkleber mit dem ‚e‘ aus unserem Logo bekommen: „Hier gibt es eBooks“. Wir sind gespannt wie sich das entwickeln wird und bleiben natürlich ‚dran‘. Genau dafür ist eine Gemeinschaft gut. Denn Erfolg kommt nicht von allein.

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