
2006 kaufte die DirectGroup Bertelsmann die portugiesische Buchhandelskette Livreiros Bertrand, zu der mittlerweile mehr als 50 Filialen und eine Internet-Buchhandlung gehören. 2007 expandierte die Gruppe nach Spanien und richtete zunächst Buchläden in großen Einkaufszentren spanischer Städte ein.
2008 wurde die erste Sortimentsbuchhandlung dazugekauft, die traditionelle El Clau Ple de Lletres in Terrassa, einer Stadt mit 200.000 Einwohnern, die zur Àrea Metropolitana de Barcelona gehört, dem Einzugsbereich der katalanischen Hauptstadt.
Am 3. März hat die Gruppe nun den ersten Megastore in Barcelona eröffnet, auf 1.500 Quadratmetern werden über 140.000 Bücher angeboten. Die Eröffnung stand im Mittelpunkt des verlegerischen, aber auch allgemeinen kulturellen Interesses der Stadt und des Landes: 1.000 geladene Gäste drängten sich zur Einweihung, die in Anwesenheit des spanischen Kultusministers, des Oberbürgermeisters von Barcelona, dem CEO der DirectGroup Bertelsmann, Fernando Carro, und dem Leiter der spanischen Gruppe Librerías Bertrand, Sven Huber, stattfand.
Dass man auch seitens der Verlage diese Neueröffnung mit großer Erwartung wahrnahm, wurde dadurch deutlich, dass sich nahezu alle wichtigen Verleger aus der Stadt einfanden, aber ebenso aus Madrid angereist waren.
Sven Huber stellte sich den Fragen des BuchMarkt-Korrespondenten Guenter G. Rodewald zur Strategie der Gruppe auf dem spanischen Markt, aber auch generell zu den Eigenheiten und Schwierigkeiten des spanischen Buchmarktes.
Sie haben Ihren neuen Laden geographisch und damit strategisch auf den Punkt zwischen drei anderen großen Buchhandlungen Barcelonas installiert, in attraktiver Lage, zwischen dem FNAC an der Plaça Catalunya, der Casa del Libro am Passeig de Gràcia und der literarischen Buchhandlung Central in der Carrer Mallorca, bzw. deren Dependance unten im Raval-Viertel. Drückt das auch aus, wo Sie die Librería Bertrand inhaltlich positionieren wollen?
Unsere Position ist eine Mischung zwischen einer traditionellen Sortimentsbuchhandlung und einem eher innovativen Konzept: Wenn wir irgendwann aus Buchhändlersicht ein ähnliches Image haben wie die Central, haben wir eine sehr, sehr gute Arbeit gemacht. Und wenn wir vielleicht auf der anderen Seite als neues Konzept ähnlich gut von unseren Kunden aufgenommen werden wie vor einigen Jahren der FNAC, ich glaube, auch dann haben wir ein gutes Ergebnis abgeliefert. Also eine Mischung dieser verschiedenen Angebote an die Buchliebhaber in Barcelona, ja vielleicht kommt dabei etwas Gutes raus.
Nach der Übernahme der traditionellen portugiesischen Buchhandelskette Bertrand im Jahr 2006 sind Sie ein Jahr später mit dem spanischen Ableger eher bescheiden gestartet, mit kleinen Läden vor allem in Einkaufszentren der Vorstädte der Metropolen. Waren das Probeballons, um das Terrain in Spanien erst einmal zu sondieren?
Der Ursprung war, dass wir durch unsere portugiesische Buchhandelskette mit zur Zeit 52 Buchläden und die zu über 80 Prozent in Einkaufszentren liegen, eine sehr gute Erfahrung mit diesem Modell gemacht haben. In Portugal ist die Bedeutung von Einkaufszentren noch wesentlich höher als in Spanien, von daher war immer klar, dass – wenn wir in Spanien eine Buchhandelskette aufbauen wollen – verschiedene Modelle miteinander kombinieren müssen.
Das heißt, wir wollten auf der einen Seite unsere backoffice-Funktionen wie Einkauf und Logistik weiterentwickeln, und gleichzeitig ein Modell kreieren, das es seinerzeit in Spanien noch nicht gab: Im großen Unterschied zu Portugal und auch anderen Ländern, existierten bis dahin in Einkaufszentren so gut wie keine autonomen Buchhandlungen. Insofern waren wir optimistisch, dass wir unsere Erfahrung mit diesem Modell gut kombinieren können mit Läden in Innenstadtlagen wie seit kurzem in Terrassa und jetzt hier in Barcelona.
Wie sehen die weiteren Pläne der Kette in Spanien aus? Wird es weitere dieser großen Läden geben, sowohl in anderen Städten, als auch wohlmöglich weitere hier in Barcelona?
Wir befinden uns momentan ja in nicht ganz einfachen Zeiten. Darum gibt es für die nächsten Wochen oder Monate keine konkreten Pläne, aber wir beobachten den Markt sehr genau, und es gibt sicherlich einige, wenn auch nicht sehr viele, weitere Städte, wie vielleicht Madrid oder Valencia, wo man über ähnliche Konzepte wie diesen Laden nachdenken kann. Parallel wollen wir aber auch regionale Schwerpunkte für die weitere Entwicklung legen, wie z.B. in Katalonien und ausgehend von den Erfahrungen, die wir mit diesem Laden machen werden.
Wenn Sie beschreiben müssten, wie sich ein Laden wie dieser von denen der örtlichen Konkurrenz differenzieren soll, welche Unterschiede würden Sie bei einem solchen Vergleich markieren? Welchen Stellenwert soll beispielsweise der Kundenservice bekommen?
Der Buchhandel folgt im Endeffekt sehr einfachen Gesetzmäßigkeiten: Da wir in einem preisgebundenen Markt arbeiten und wir alle mit der gleichen Grundmaterie, dem gleichen literarischen Angebot arbeiten, ist es sehr schwierig, sich über den Preis zu identifizieren obwohl das spanische Gesetz die Möglichkeit gibt, bis zu fünf Prozent Rabatt zu geben.
Es gibt also in allen großen Buchläden eine ähnliche Auswahl literarischer Werke. Man kann die Auswahl natürlich besser oder schlechter machen. Wo können wir uns also differenzieren? Im wesentlichen über die Art und Weise, wie wir mit unseren Kunden umgehen, das hängt sehr stark von der Vorbereitung, dem Wissen und der Erfahrung der Mitarbeiter in den Läden ab.
Denn es ist relativ einfach, z.B. im Textilhandel, weiße und grüne Hemden zu verkaufen. Dagegen ist der Anspruch an denjenigen in einem Laden wesentlich höher, in dem über 140.000 Bücher stehen, und der einem Kunden gegenübertritt, der ein ganz bestimmtes Buch sucht. Das heißt, entweder hat man diese Erfahrung, kennt also seinen Buchladen sehr gut oder es ist relativ schwierig, einen guten oder gehobenen Kundenservice zu bieten.
Es existiert nach wie vor ein großes logistisches Problem im spanischen Buchhandel: Die Vertriebsnetze fallen im Vergleich zu einem nahezu perfekt funktionierenden System wie in Deutschland, Österreich oder der Schweiz vorsintflutlich aus. Wie wollen Sie trotz dieser Beschaffungsprobleme ein möglichst breites Angebot in Ihrem Sortiment garantieren?
Die Logistik ist sicherlich für eine Buchhandlung insgesamt und damit auch für uns eines der Hauptprobleme, ich halte ich es für unakzeptabel, wenn ich heute ein Buch in der Buchhandlung bestelle, auf das ich ein oder zwei Wochen oder sogar länger warten muss. Aber weil es ein strukturelles Marktproblem ist, ist auch die Erwartungshaltung der Kunden nicht ganz so hoch wie beispielsweise in Deutschland.
Aber dieses ist eines der Themen, an denen wir arbeiten müssen. Logischerweise hilft uns bei einer Buchhandlung diesen Ausmaßes, dass wir viele Bücher auf Lager haben, aber in der weiteren Entwicklung von Bertrand wird es notwendig sein, logistisch entsprechende Systeme zu schaffen, um einen guten Kundenservice bieten zu können, insbesondere wird das um so wichtiger werden, wenn unser Online-Angebot in einigen Wochen startet, weil in diesem Bereich natürlich der Anspruch des Internet-Kunden höher ansetzt als in einer Buchhandlung.
Der Online-Shop wird also auch einen wichtigen Platz in Ihrem Konzept einnehmen?
Wie leben im 21. Jahrhundert und wir sind dabei, eine Buchhandelskette zu entwickeln, die zu großen Teilen auf realen Verkaufstätten basiert, aber heute ist es absolut notwendig, dass das Angebot online attraktiv komplementiert wird.
Ebenso im Unterschied zu deutschen Verhältnissen, gibt es in Spanien den Lehrberuf des Buchhändlers nicht. Wo finden Sie Ihre Mitarbeiter, um einen kundengerechten Service mit fundiertem Fachwissen und Beratungskompetenz zu garantieren?
Vielleicht erreichen wir, dass irgendwann unsere Buchhändler als die besten Spaniens angesehen werden, sogar in dem Sinne, dass unsere Wettbewerber sich eines Tages bei uns umschauen, wenn sie gute Buchhändler suchen.
Bei der Entwicklung unseres Projektes haben wir sehr stark darauf gebaut, Buchhändler zu gewinnen, die Lust auf ein neues Projekt wie dem unseren haben, was sicherlich gerade für viele Leute interessant ist, die schon viele Jahre in weniger innovativen und eher festgefahrenen Strukturen anderer Buchhandlungen gearbeitet haben.
Es scheint, wir sind dabei auf einem sehr guten Weg, insbesondere weil es uns zu gelingen scheint, in einem interdisziplinären Team gemeinsam etwas Neues zu kreieren, basierend auf den persönlichen und ganz unterschiedlichen und diversen Erfahrungen, die jeder einzelne aus seinen vorhergehenden Arbeitszusammenhängen mitbringt.
Sie kennen den Buchhandel in Deutschland und in anderen Ländern, wie schätzen Sie den spanischen Buchmarkt dazu im Vergleich ein, wo sehen Sie seine Zukunft? Wo sind seine Schwächen, hat er Stärken? Wo müssten nach Ihrer Meinung Verbesserungen eintreten?
Über eine der Schwächen haben wir schon gesprochen, das ist die unterentwickelte Logistik. Auch wenn ich von anderen Märkten keine genauen Zahlen habe, sehe ich auf der publisher-Seite der Verlage, und ganz sicher auf der retail-Seite, dass der spanische Markt nach wie vor sehr wenig konsolidiert ist. Das ist ein Prozess, der sehr langsam verläuft.
Ob wir irgendwann einmal einen Konsolidationsgrad wie in anderen Ländern erreichen, wird sich zeigen, aber es gibt sicherlich eine leichte positive Tendenz. Dazu zeigt sich der spanische Buchmarkt bisher insgesamt als wenig innovativ, was neue Formate angeht.
Zum Beispiel das Hörbuch, das in Deutschland seit längerem, ob früher als Kassetten, dann als CD, jetzt als Download eine gewisse Wichtigkeit hat – es existiert hier überhaupt nicht. Verschiedene Verlage haben es versucht, bislang hat es noch keiner geschafft. Ob das heißt, dass es darum für immer unmöglich ist, vermag ich nicht zu sagen, aber sowohl das Hörbuch, wie natürlich auch das E-Book sind Formate, die wir als Buchhändler sehr genau beobachten müssen.
Und die Erfahrung im Musikbereich der letzten Jahre hat gezeigt, dass es keine gute Strategie ist, die Augen zu verschließen. Wir als Buchhändler sollten diese neuen Technologien, wenn immer es ausreichend Nachfrage auf Kundenseite und ein befriedigendes Angebot auf der Verlagsseite gibt, aktiv bewegen, denn wenn wir’s nicht machen, machen’s andere. Das Interesse aller Buchhändler sollte sein, diese neuen Märkte für uns zu nutzen.
Das schließt natürlich ebenso das Format des E-Book ein, das in Spanien ebenso wie in anderen Ländern zur Zeit sehr kontrovers diskutiert wird. Aber auch hier gilt: Es wäre die verkehrteste Strategie, das Geschäft andere, womöglich Branchenfremde machen zu lassen.
Sie haben unterstrichen, wie wichtig Ihnen für die Professionalität des Buchhändlers eine gute Ausbildung erscheint, können Sie sich vorstellen, dass man in einer bilateralen Zusammenarbeit – z.B. in Deutschland mit der Buchhändlerschule, dem Börsenverein, der Frankfurter Buchmesse oder Stiftungen und auf spanischer Seite mit hiesigen Berufsverbänden oder sogar privaten Initiativen – einen Rahmen schaffen könnte, um junge Leute zu professionellen Buchhändlern auszubilden, in einer Akademie beispielsweise?
Das wäre sicherlich sehr wünschenswert, und zwar für den gesamten Buchhandel, denn die Qualität, die Erfahrung, das Wissen des Buchhändlers bedeuten große Vorteile. Aber auf der anderen Seite haben wir in Spanien keine Systeme, die uns ermöglichen, guten und qualifizierten Nachwuchs auszubilden. Wenn es also in dieser Richtung Initiativen gäbe, würden wir die sicherlich unterstützen.
Zur Person:
Sven Huber, geboren 1970 in Frankfurt/Main, wuchs in Königstein/Taunus auf, studierte an der Universität Karlsruhe Chemieingenieurwesen und ging dann nach München. 1999 kam er nach Barcelona, um an der IESE Business School seinen MBA zu machen.
Das Kulturleben der Stadt ließ ihn dann aber bald nicht mehr los und so stieß er Ende der neunziger Jahre zur Bertelsmann Gruppe in Barcelona. Seit 2006 leitet er die spanische Buchhandelskette Librerías Bertrand, die Bestandteil der DirectGroup Bertelsmann ist.







