
Hubert Spiegel (v.l.)
Zur zweiten Auflage des Gesprächs – die Premiere fand am 9. Dezember 2008 statt – trafen sich gestern Abend im Literaturhaus Frankfurt Ina Hartwig, (Frankfurter Rundschau), Hubert Spiegel, (FAZ), Alf Mentzer, (hr2) und als Gast Martin Mosebach.
Vier Bücher wurden besprochen: Apostoloff von Sibylle Lewitscharoff, Suhrkamp Verlag, Paradiso von Thomas Klupp, Berlin Verlag, Pariser Tagebuch 1942-1944 von Hélène Berr, Carl Hanser Verlag und Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao von Junot Diaz, S. Fischer Verlag. Im Haltbarkeitstest wurde Der geteilte Himmel von Christa Wolf, erschienen erstmals 1963 im Mitteldeutschen Verlag Halle, bewertet.
Unterschiedlicher Meinung war das Quartett bei Apostoloff. Während Mosebach sich von diesem Buch begeistert zeigte und Spiegel die Leichtigkeit der Sprache lobte, wandte Hartwig ein, dass das Buch manchmal auf der Stelle trete. Mentzer hatte sich beim Lesen gelangweilt.
Ähnlich kontrovers wurde zuParadiso diskutiert. Das Debüt eines Absolventen des Literaturinstituts wird, so Spiegel, immer mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtet. Hier stimmt der Ton von der ersten Seite an. Der Held erinnere an Raskolnikow aus Schuld und Sühne, ohne zu beurteilen, ob die Anlehnung gelungen ist oder nicht.
Mosebach fühlte sich beim Lesen wie in einer Badewanne sitzend, während draußen graues Spülwasser hochsteigt. Ein Albtraum.
Einhellig positiv waren die Kritiken zu den Pariser Tagebüchern 1942-1944, ein postumes Debüt von Hélène Berr. Ein Buch, das den Leser mit hineinzieht in die Geschichte des Grauens. Es ist unbedingt zu empfehlen, waren sich die Gesprächsteilnehmer einig.
Bei Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao wurden wieder unterschiedliche Ansichten deutlich. Während Mentzer urteilte, dass in diesem Buch Gewalt und Folter vergnüglich gelesen werden können, sprach Spiegel von einem nervtötenden, redundanten Buch. Auch Hartwig fand pralle Prosa und pralle Erotik unangemessen und langweilig. Mentzer lobte das vom Verlag angehängte Glossar, das die schon sehr spezielle Sprache verständlicher macht. Mosebach verglich den Roman mit einer Tüte Kartoffelchips – manchmal muss das sein.
Hart wurde Der geteilte Himmel von Mosebach bewertet, er sah darin eine Fortsetzung von Blut-und-Boden-Literatur im ideologischen Umfeld des DDR-Sozialismus. So weit wollten die Kritiker dann doch nicht mitgehen. Allerdings sei es wichtig, dieses Buch im historischen Kontext zu betrachten. Und sicher liest es sich nach mehr als 40 Jahren anders.
Ein durchaus vergnüglicher Abend, Mosebach sorgte dabei für viel Unterhaltungswert. Allerdings verließen manche Zuhörer das Literaturhaus auch recht nachdenklich.
Die nächsten „Schönen Aussichten“ sind für Juni geplant.
JF