Home > Das Sonntagsgespräch > Franziska Wesener über Kooperationen im Buchhandel

Franziska Wesener über Kooperationen im Buchhandel

Franziska Wesener am BuchMarkt-Stand in Leipzig

Kooperationen scheinen im Buchhandel nicht so recht funktionieren zu wollen. Seit Jahren gibt es in der Branche Genossenschaften und Kooperationen, die dem Handel eine höhere Wirtschaftlichkeit ermöglichen möchten. Trotzdem sind ihre Mitgliederzahlen eher niedrig. Im Mai stellt die in verschiedenen Branchen erfolgreiche Genossenschaft EK/servicegroup ihr neues Geschäftsfeld Buch vor – ausführlich berichten wir im April-Heft darüber und werden im Mai-Heft das Konzept des Neulings vorstellen.

Schon heute sprechen wir mit Franziska Wesener, seit 2008 Vertriebsassistentin bei Argon über Kooperationen im Buchhandel. Wesener ist ausgebildete Buchhändlerin und hat an der HTWK Leipzig Buchhandel und Verlagswesen studiert. Ihre Abschlussarbeit Konzentration und Kooperation im Buchhandel wurde mit dem Preis des Fördervereins der HTWK ausgezeichnet und erscheint demnächst in der Akademischen Verlagsgesellschaft AKA GmbH in Heidelberg.

BuchMarkt: Frau Wesener, Sie haben Ihre Abschlußarbeit an der HTWK Leipzig mit einer Arbeit zu Genossenschaften im Buchhandel abgeschlossen. Genossenschaften sind ja eigentlich gerade für kleine und mittlere, inhabergeführte Buchhandlungen interessant. Sie selbst haben aber eine Ausbildung zur Buchhändlerin bei Hugendubel gemacht. Nach Ihrem Abschluss haben Sie dort auch kurzfristig gearbeitet, ehe sie zu Argon wechselten.
Wie sind Sie vor diesem Hintergrund ausgerechnet auf dieses Thema gekommen?

Franziska Wesener: Als Leserin habe ich den Buchladen um die Ecke geliebt, als Buchhändlerin habe ich auch die Vorzüge gut aufgestellter Filialisten kennengelernt und mich im Studiengang Buchhandel/Verlagswirtschaft an der HTWK in Leipzig mit beiden Modellen beschäftigt.
Das Thema ist bei mir also schon früh im Kopf entstanden und im Laufe der Studienzeit immer weiter gereift. Eine Frage, die ich mir dabei immer wieder gestellt habe, lautete: Wie kann die Vielzahl an kleinen, unabhängigen Buchhandlungen in den sich beschleunigenden Konzentrationstendenzen ihr langfristiges Bestehen sichern?

BuchMarkt: Indem sie sich Genossenschaften oder anderen Kooperationen anschließen?

Franziska Wesener: Wirtschaftsexperten betonen schon lang die Vorteile von Kooperationen. Für kleine und mittlere Unternehmen können sie eine nachhaltige Wettbewerbsstrategie bedeuten.
Blickt man in andere Branchen des Einzelhandels wie beispielsweise in den Möbel- und Lebensmitteleinzelhandel, sieht man, wie viele Möglichkeiten in der Kooperation liegen und wie viel Zukunftspotential sie hat. Die Verbünde konnten sich trotz des Konzentrationsprozesses ein großes Stück vom Branchenumsatz sichern.
Im Buchhandel haben sich ja auch bereits Verbundgruppen etabliert, die Erfa-Gruppen, die AUB, die AGM, eBuch, LG Buch usw. Jede von ihnen versucht, mit verschiedenen Leistungen die Wirtschaftlichkeit der beteiligten Buchhandlungen zu erhöhen oder Projekte zu ermöglichen, die allein nicht finanzierbar wären. Marketingaktionen zum Beispiel.
Allerdings reagieren die Buchhandlungen auffallend zögerlich. Bisher ist es keiner der Kooperationen auch nur annähernd gelungen, Mehrheiten des unabhängigen Buchhandels von ihrer Verbundtätigkeit zu überzeugen. Die Mitgliederzahlen sind niedrig und zum Teil sogar rückläufig.

BuchMarkt: Wie erklären Sie sich diese Zurückhaltung?

Franziska Wesener: Im Buchhandel ist das Autonomie- oder Individualitätsbewußtsein stark ausgeprägt, viele Buchhändler haben Angst, durch die kooperative Verbundarbeit ein Stück Eigenständigkeit und auch Individualität einzubüßen. Man hat fast den Eindruck, für die Kollegen ist die Selbständigkeit wichtiger als die Wirtschaftlichkeit.
In den Köpfen der Buchhändler braucht es eine neue Einstellung zur gemeinsamen Arbeit. Ohne den Willen zur Kooperation kann natürlich auch ein Verbund nicht zielorientiert arbeiten. In Genossenschaften besteht wegen des demokratischen Prinzips immer die Gefahr, dass sich Entscheidungsfindungen zu einem langwierigen Prozess ausdehnen. So etwas kann die Arbeit lähmen.

BuchMarkt: Sie haben vor allem die Arbeit der LG Buch und der eBuch untersucht.

BuchMarkt: Die LG Buch und die eBuch sind zwei der bedeutendsten Verbundgruppen in der Branche. Beide Genossenschaften haben eine höhere Wirtschaftlichkeit und Leistungsfähigkeit für inhabergeführte Buchhandlungen zum Ziel. Gemeinsam sind ihnen diverse Serviceangebote wie Betriebsberatung, Weiterbildungsmaßnahmen, Bürobedarfs- und Verkaufsförderungsartikeln oder die Optimierung der Konditionsbedingungen im Warenbezug. Aber ihre genossenschaftliche Aktivität basiert auf unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Die LG Buch konzentriert sich in der Warenbeschaffung auf Schlüssellieferanten in Form von Partnerverlagen. Ihr eigentlicher Schwerpunkt liegt aber auf ihren absatzmarktorientierten Scala-Aktivitäten. Bei der eBuch steht der zentrale Warenbezug im Vordergrund.
Aber auch diese beiden Verbünde waren bisher nicht in der Lage, größere Teile der Branche von den Vorzügen und der Notwendigkeit der Verbundorganisation zu überzeugen.
Zudem ist eine Zusammenarbeit der beiden Genossenschaften ebenfalls noch nicht aktiv verfolgt worden.

BuchMarkt: Warum sollten sie? Sind sie denn nicht Konkurrenten?

Franziska Wesener: Wenn mehrere Verbundgruppen innerhalb einer Branche weitestgehend identische Leistungen anbieten, schwächen sie sich gegenseitig. Durch die so genannte Verbundgruppenkonsolidierung, die Kooperation von Kooperationen, können Synergien gewonnen werden, indem jeder seine Stärken einbringt. Obwohl die LG Buch und die eBuch unterschiedliche Konzepte haben und beide im Wettbewerb zueinander stehen, ist die Vernetzung der beiden vorstellbar.

BuchMarkt: Und damit könnten sie…

Franziska Wesener: …Verhandlungsmacht bündeln und damit die Marktposition stärken. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit der LG Buch – vor allem im Bereich des Marketing – mit der Einkaufsrationalisierung der eBuch zu verbinden, könnte eine Win-Win-Beziehung herstellen. Die finanzielle Ausstattung und die Durchsetzungskraft einer zusammengeschlossenen Verbundgruppe sind natürlich ungleich größer als die kleiner Einzelgruppen.
Mit über 4.000 inhabergeführten Sortimentsbuchhandlungen in Deutschland ist Potential da.

BuchMarkt: Also raten Sie den Buchhändlern zur Kooperation?

Franziska Wesener: Aufgrund des zunehmenden Markt- und Konzentrationsdrucks bin ich davon überzeugt, dass auf Dauer Einzelkämpfer nicht bestehen werden. Unter dem wachsenden Existenzdruck halte ich die Kooperation für zukunftsorientiert. So kann der kleine und mittelständische Buchhandel in seiner Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden. Das würde dazu beitragen, die vielfältige Buchhandels- und Kulturlandschaft in Deutschland zu erhalten.

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige