
Bongartz, Georges-Arthur Goldschmidt (v.l.)
Von einem Gipfeltreffen war die Rede – und das war es dann auch: Barbara Bongartz, Georges-Arthur Goldschmidt und Paul Nizon trafen sich gestern im Düsseldorfer Heine Haus zum Autorengespräch zum Thema “Autofiktion”.
Biographien – unterschiedlichster Couleur und Qualität – sind seit Jahren eines der Boomthemen der Branche, das hin und wieder seltsame Blüten treibt. Aber weniger Genrefragen ging es bei der von Heinz-Norbert Jocks moderierten Diskussion, sondern um das schwer zu fassende Phänomen der Autofiktion gewidmet, also: wie viel vom Autor steckt – bewusst oder unbewusst – in einem Text?
Für Barbara Bongartz eine etwas zu abstrakt gestellte Frage: Z.B. wieviel ist authentisch in ihrem bei Dittrich erschienenen Roman Der Tote von Passy? Vieles natürlich, und vieles auch nicht – Autofiktion verwandelt sich gern auch in Fiktion – literarischen Texten sagt man nicht umsonst ein sich verselbständigendes Eigenleben nach. Wie nahe an der autobiographischen „Wahrheit“ ein Text ist, ist eigentlich nicht wirklich auszumachen, meinte sie – und letztlich entscheidet es sowieso der Leser. Oder, wie Nizon es formulierte: „Die Leser wissen es immer besser als ich, was ich geschrieben habe.“ Und: „Mein Leben interessiert mich überhaupt nicht – ich schreibe mir ein Leben zu.“ Aber: “Natürlich schlachte ich mein eigenes Leben in meinen Büchern aus – ich habe keine anderen Stoffe.“
Goldschmidt, in zwei Sprachen zu Hause, verwies auf ein Phänomen (das schon beim alten Rousseau sichtbar wird): Je offener man (angeblich) schreibt, desto mehr versteckt man in Wirklichkeit. Aber ob das tatsächlich ein bewusster Akt ist? Goldschmidt brillierte mit Apercus wie diesem: „Ich habe keine Identität. Ich bin alles zusammen, und es entspricht mir nicht.“
Die Zuhörer im vollbesetzten Heine Haus bekamen eine Ahnung, dass genau in diesem Satz mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit steckt…