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„Das wunderbare Programm eines so nicht existierenden Verlages“ – Peter Lohmann über das neue Hamburger Literaturfestival Harbour Front

Peter Lohmann
© Nicole Juettner

Lange Jahre hat Peter Lohmann Bücher verlegt – unter anderem bei S. Fischer und Scherz, jetzt ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt und hat ein Literaturfestival organisiert. Vom 9. bis zum 19. September findet in Hamburg Harbour Front statt. Ein beeindruckendes Programm können die Organisatoren aufweisen: Wolf Biermann, Feridun Zaimoglu, Elke Heidenreich, Siegfried Lenz sind nur einige der zahlreichen großen Namen, die sich im Programm finden.

buchmarkt.de sprach mit Lohmann über das neue Festival, wie es ihm möglich war, ein solches Programm auf die Beine zu stellen, und warum es gar nicht genug Literaturfestivals geben kann.

buchmarkt.de: Herr Lohmann, in knapp drei Wochen findet das neue Hamburger Literaturfestival „Harbour Front“ statt. Aufgeregt?

Peter Lohmann: Mein Lampenfieber kommt garantiert rechtzeitig und unpassend. Jetzt ist eher die Phase: „Haben wir auch nichts vergessen?“

buchmarkt.de: Ihr Programm bietet eine auffallend bunte, anregende Mischung.

Peter Lohmann: Nikolaus Hansen und ich wollten interessante Autoren aus allen Genres der Literatur in einem für Deutschland einzigartigen Raum, dem Hamburger Hafen, zu einem Festival des Buches zusammenbringen.
Das spannende an unserem Programm ist, dass vom Kinder- und Jugendbuch über Fantasy, den Krimi, die gehobene Unterhaltung bis hin zur Literatur für jeden etwas dabei ist. Es ist das wunderbare Programm eines so nicht existierenden Publikumsverlages.

buchmarkt.de: Paul Maar, Simon Beckett, Dietmar Dath, Uwe Timm, Wolf Biermann, Elke Heidenreich … Da ist wirklich alles beieinander. Wie bekommt man das hin?

Lohmann: Nikolaus Hansen und ich haben ja schon einige Jährchen auf dem Buckel und wissen, wie Verlage funktionieren. Auf der anderen Seite haben die deutschen Verlage in diesem Herbst wunderbare Programme, und die Auswahl ist nicht leicht. Und ein Lob an die Kolleginnen und Kollegen in den Verlagen. Die Zusammenarbeit war und ist super. Sie haben uns viel geholfen, haben uns gezeigt, wie das Veranstaltungsgeschäft läuft, sie haben ihre großen Erfahrungen an uns weitergegeben. Für das in uns gesetzte Vertrauen möchte ich mich hier noch einmal ausdrücklich bedanken.

buchmarkt.de: Es herrscht also keine Festival-Müdigkeit bei den Verlagen?

Lohmann: Für die Verlage sind Festivals doch eine hervorragende, regionale Möglichkeit, Autoren und ihre Bücher den Lesern zu präsentieren!

buchmarkt.de: Aber ist denn der „Festival-Markt“ nicht langsam gesättigt? Allein die Veranstaltungen im Rahmen der Leipziger und der Frankfurter Messe, Lit.Cologne, die kleinen über das Land verteilten Festivals … Und das internationale Literaturfestival Berlin findet sogar zeitgleich mit Ihrem statt!

Lohmann: Einige Autoren treten ja in Berlin und Hamburg auf. Das ist doch toll. Und wir wünschen dem Berliner Festival viel Erfolg.

Übrigens glaube ich nicht, dass es zu viele Festivals geben kann. Wir dürfen nämlich nicht vergessen, dass bei aller Internationalität der Autoren das Publikum regional ist. Kein Hamburger fährt unbedingt nach Köln, um dort eine Veranstaltung zu besuchen. Selbst Berlin und Hamburg, so nah und doch so fern, nehmen sich nichts weg. Deswegen: Lasst viele Festivals in vielen Städten erblühen!

buchmarkt.de: Sie wollen also nicht in Konkurrenz treten zu anderen Festivals? Trotzdem muss sich Harbour Front absetzen und Aufmerksamkeit nach Hamburg ziehen …

Lohmann: Nun, die Antwort habe ich Ihnen eigentlich gerade gegeben. Ich sehe hier weniger eine Konkurrenzsituation. Jedes Festival hat seinen eigenen Charakter. Ja, die Lit.Cologne ist ein großes Vorbild. Unbenommen. Aber warum sollten wir so vermessen sein, uns mit Köln zu vergleichen, dessen Festival nächstes Jahr zum zehnten Mal stattfindet. Bei uns handelt es sich um das erste im Hamburger Hafen. Und der ist einmalig und wird dem Festival ein eigenes Gesicht geben. Denken Sie an die Reeperbahn, die Landungsbrücken mit der Cap San Diego, die Michel-Krypta und die Katharinenkirche, die Speicherstadt und die neue HafenCity und die wunderbare Seemannsmission „Die Duckdalben“ im tiefen Herzen des Hafens. Und überall dort findet 11 Tage lang Literatur statt. Das ist doch einmalig! Und deshalb wird dieses Angebot auch die Hamburger erfreuen.

buchmarkt.de: Aber Hamburg selbst hat doch eigentlich bereits ein Literaturfestival, die Vattenfall Lesetage. Und auch ansonsten hat Hamburg in Sachen Literatur viel zu bieten. Gerade, weil Sie betonen, dass Festival-Publikum regionales Publikum ist, frage ich mich, ob die Hamburger noch mehr Angebot brauchen.

Lohmann: Hamburg kann stolz sein auf seine Literaturinstitutionen: das Literaturhaus mit Rainer Moritz oder auch Macht e. V. zum Beispiel. Die Buchhandlung Heymann stellt mit „Heymann Live“ ja ebenfalls ein beachtliches Programm das Jahr über auf die Beine, und wir haben einige Initiativen eingebunden. Wir wollen an elf Tagen im Herbst dem Hamburger Publikum ein Festival des Buches ermöglichen.

So kurz vor der Frankfurter Buchmesse wollen wir den Hamburgern unsere Orientierung durch einen großartigen Leseherbst geben. Die ersten, die wir von unseren Plänen übrigens unterrichtet haben, waren die Kolleginnen und Kollegen von Vattenfall. Diese Lesetage sind im Frühjahr, haben eine andere Konzeption und sind sehr erfolgreich. Und wir haben deutlich gemacht, dass wir uns nicht als Konkurrenz verstehen.

buchmarkt.de: Aber warum Hamburg? Zuvor waren Sie als Programmgeschäftsführer bei den S. Fischer Verlagen in Frankfurt.

Lohmann: Sehen Sie, ich bin Hamburger, mein Leben spielt sich in dieser Stadt ab und nach den langen Jahren meiner Wanderschaft, bin ich froh zurückzukommen, eine wunderbare Aufgabe vorzufinden, viele neue Menschen kennenzulernen und zu Hause zu sein. Klingt vielleicht komisch, stimmt aber.

buchmarkt.de: Sie wirken ehrlich begeistert und scheinen Ihre alte Tätigkeit nicht zu vermissen.

Lohmann: Ein Vergleich ist unmöglich. Das Verlegen hat mir sehr viel Spaß gemacht, besonders bei Scherz und den S. Fischer Verlagen. Aber es ist eine gute Erfahrung, etwas zu tun, was völlig neu ist. Da legt man den Routinier ab. Und mal aus dem Vollen der deutschen Verlagsproduktion zu schöpfen, ist ein irres Gefühl. Aber wie gesagt, manchmal juckt es, und ich denke, daraus müsste ein Buch gemacht werden. Dann bin ich auch gerne bereit zu vermitteln. Wir werden sehen. Es ist spannend und hält – hoffentlich – jung!

buchmarkt.de: Haben Sie schon Vorstellungen, wie es im nächsten Jahr weitergehen wird?

Lohmann: Es ist das erste Festival, also folgt das zweite. Alles Weitere wird sich zeigen. Wir werden uns ins Zeug legen, um weiterzukommen, denn: Die Zufriedenheit ist der Feind des Besseren. Alle, die in diesem Jahr mitgewirkt haben, werden daran arbeiten, nächstes Jahr noch ein besseres Festival hinzulegen. Da bin ich mir sicher.

Die Fragen stellte Carolina López

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